Kinderbuch Neue Vorbilder für Jungen, die keine Helden sein müssen

Auch von guten Vätern können Jungen lernen, wie man zugewandt sein Bedürfnis nach Verbundenheit zum Ausdruck bringen kann. Foto: Unsplash/Nathan Dumlao

Geschlechterklischees gefährden auch Jungen, darüber reden dank der britischen Netflixserie „Adolescence“ jetzt alle. Die Feministin Shila Behjat fordert neue Identifikationsfiguren für männliche Jugendliche, und ein Kinderbuch von Francesca Cavallo präsentiert nun genau diese.

Familie, Zusammenleben und Bildung: Eva-Maria Manz (ema)

Da Mädchen und Frauen so lange benachteiligt wurden, ist in den vergangenen Jahren ein Entschluss gefasst worden: Mädchen sollte man besonders fördern, ihnen Vorbilder an die Hand geben, die eine neue, selbstbestimmte Weiblichkeit zeigen. Folge davon waren etwa „Girls Days“ in den naturwissenschaftlichen Fakultäten, aber auch zahlreiche Publikationen auf dem Kinder- und Jugendbuchmarkt mit einem provokativen Gestus. Zum Beispiel die „Good Night Storys für Rebel Girls“ der italienischen Autorin Francesca Cavallo. Ostentativ rebellisch sollten Mädchen jetzt sein, und wie bei so manchem feministischen T-Shirt-Spruch aus dieser Zeit durfte es dabei leidenschaftlich plakativ zugehen. Das hatte Erfolg, zumindest in Bezug auf die Verkaufszahlen. Das genannte Buch ist 2016 erschienen, zusammen mit seinem Nachfolger wurde es in 50 Sprachen übersetzt und mehr als sieben Millionen Mal verkauft.

 

Erst seit Kurzem wird ein Aspekt nun eindringlicher besprochen, den man in den Jahren zuvor kaum beachtet hatte: Die Aufarbeitung der Nachteile für Mädchen hat außer Acht gelassen, was Geschlechterklischees für Jungen bedeuten. Ob sie für Jungen gar auch zu einem Nachteil führen, das hat die deutsche Autorin Shila Behjat im vergangenen Jahr in ihrem Buch „Söhne großziehen als Feministin“ erörtert. Sie hat auf das Problem hingewiesen, dass Mädchen zu Widerstand und Power erzogen werden, während der Platz der Jungs nun in der zweiten Reihe sein soll. Das sorge für Verunsicherungen und sei ebenso ungerecht.

„Man kann als Mutter eines Sohnes gerade sehr alarmiert sein“, sagte Behjat in einem Interview mit unserer Zeitung. Und: „Die Mehrheit der Schulabbrecher sind Jungs. Und auch politisch betrachtet: Im Internet sind gefährliche Gestalten unterwegs, die versuchen, dieses Männlichkeitsthema zu besetzen. Sie behaupten, der Feminismus habe den Männern etwas genommen, sie setzen frauenfeindliche, rassistische Muster auf dieses Gefühl der Verletzung drauf, das wohl viele Jungs spüren.“ Behjat fordert: „Wir dürfen diesen Bereich der männlichen Identifikationsfiguren nicht solchen Typen überlassen.“ Genau darüber wird jetzt auch leidenschaftlich diskutiert nach Erscheinen der britischen Netflix-Serie „Adolescence“, in der ein 13-jähriger Junge in die Fänge misogyner Männlichkeitsaktivisten im Internet gerät und eine Mitschülerin tötet.

„Es wird Zeit, Rollenklischees zu durchbrechen“

Sind Jungen wirklich derart gefährdet? Shila Behjat meint: „Wenn wir es ernst meinen mit der Wichtigkeit von Identifikationsfiguren, dann muss auch ein Junge neue Vorbilder gezeigt bekommen, die keine Rowdys, übermenschliche Superhelden oder Nerds sind. Diese Rollen sind komplett ungeschrieben.“ Das zu ändern, hat jetzt eben die Autorin versucht, die damals mit den „Rebel Girls“ bekannt wurde. „Es wird Zeit, Rollenklischees zu durchbrechen“, schreibt die Italienerin Francesca Cavallo zu ihrem neuen Buch. In den zwölf Geschichten für Kinder ab sechs Jahren gehen Jungen und Mädchen als gleichwertige Partner durch die Abenteuer, sie durchstreifen magische Dschungel, suchen nach Schätzen, befreien Königreiche und stellen Stereotype auf den Kopf.

Jede der Geschichten behandelt ein Thema der männlichen Identitätsbildung: von der Beziehung zur Vaterfigur bis zum Umgang mit Emotionen und einer Entdeckung von Romantik, die keine Helden alter Schule mehr braucht.

Buch

Francesca Cavallo
„Boys – Geschichten für die neue Generation von Jungs“, dtv, 192 Seiten, 18 Euro.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Literatur Netflix Feminismus