Bärbel Dorweiler hält das erste, 1849 bei Thienemann erschienene Kinderbuch in der Hand. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko
Charakterköpfe wie der Hotzenplotz machen Thienemann stark. Verlegerin Bärbel Dorweiler kennt alle Qualitäten des Verlags, der seit 175 Jahren auf Kinderbücher setzt. Und sie weiß, was in Sachen Lesekompetenz falsch läuft. Aktuell wird der Verlag bei den Stuttgarter Buchwochen nahbar.
Bärbel Dorweiler geht in den Keller, um das erste Buch des Thienemann-Verlags aus dem Tresor zu holen. Schwer zu tragen hat die Verlegerin nicht: „Das liebe Buch“ ist ein schmaler Band mit Bildern und Versen aus dem Kinderalltag, 1849 hatte es Karl Thienemann zur Gründung seines Verlags gestaltet. 175 Jahre später stehen in den Regalen in der Blumenstraße Bestseller – vom „Kleinen Wassermann“ bis zum aktuellen Hit „Ein Mädchen namens Willow“.
Frau Dorweiler, angenommen Sie hätten eine Zeitmaschine. Welches Jahrzehnt in der Geschichte des Thienemann-Verlags würden Sie ansteuern?
Ich würde gern in die späten 1950er Jahre zurückreisen. Das ist die Zeit, in der die Kinderbücher entstanden sind, mit denen ich aufgewachsen bin und mit denen ich hier im Haus nach wie vor zu tun habe. 1956 kam zum Beispiel Preußlers „Kleiner Wassermann“ heraus, 1960 „Jim Knopf“ von Michael Ende. Nach dem Krieg war das Land und auch das Verlagshaus teilweise zerstört. Die Verlegerin Lotte Weitbrecht hat Aufbauarbeit geleistet, fürs Kinderbuch und für ihre Autoren. Bei diesem Neustart wäre ich gern dabei gewesen.
Wir könnten auch in die Zukunft reisen, ins Jahr des 200. Thienemann-Geburtstags. Werden 2049 überhaupt noch Kinderbücher verlegt oder konsumieren junge Menschen nur Bewegtbilder?
Geschichten zu erzählen und darüber Verständnis füreinander zu wecken, ist zutiefst menschlich. Wie wir die dann zu uns nehmen werden, finde ich schwierig einzuschätzen. Ich persönlich kann einen Text leichter erfassen als zum Beispiel ein Video. Also glaube ich an die Schrift als große Kulturleistung, die nicht so schnell verschwinden wird.
Jede neue Studie zum Thema Lesekompetenz liefert noch alarmierendere Ergebnisse. Was läuft aus Sicht einer Verlegerin falsch?
Es gibt zwei entscheidende Faktoren. Der eine ist altbekannt: In Haushalten, in denen die Eltern lesen und vorlesen, finden auch die Kinder Bücher interessant. Der andere Faktor sind die kleinen Geräte, an denen wir alle viel Zeit verbringen. Wenn’s ganz schlimm kommt, werden Smartphones schon den Jüngsten als Bespaßungsmedium angeboten. Viele Untersuchungen zeigen, dass das für Kinder Gift ist. Ich finde gut, dass Schulen nun gegensteuern und Handys draußenhalten. Die Gesellschaft und ihre Institutionen wie Schulen, in denen Kinder immer mehr Zeit verbringen, müssen junge Menschen besser schützen.
Sind Schulen und Kindergärten gut mit Büchern ausgestattet?
Keinesfalls. Der Börsenverein zeichnet vorbildliche Einrichtungen mit dem Gütesiegel Buchkita aus. Da gibt es viele rührige Leiterinnen, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind. Eine erzählte mir auf der Buchmesse, dass ihr Jahresbudget für Literatur 150 Euro beträgt – das ist ein Witz. Wenn Kinder nicht mehr über das Elternhaus an Bücher herangeführt werden, dann müssen Kitas und Schulen besser ausgestattet werden. Das ist ein großes Problem, das politisch gelöst werden muss.
Blick in die frisch renovierten Verlagsräume Foto: lg/Max Kovalenko
Haben Sie Tipps für Eltern, wie sie ein gutes Kinderbuch erkennen können?
Eine gute Buchhandlung hilft und kommt mit ein, zwei Fragen dahinter, was dem Kind gefallen könnte. Und es hilft, Kinder selbst aussuchen zu lassen, auch wenn sie etwas Populäreres wählen, als einem lieb ist. Mein Trick war, dass meine Tochter ein Buch wählen durfte und ich ihr eines empfohlen habe. Für Eltern ist es oft schwierig, das richtige Buch zum richtigen Zeitpunkt zu finden. Manchmal hat man das richtige Buch, kommt damit aber zu früh oder zu spät. Das ist für alle Schenkenden maximal frustrierend, das Buch soll ja gleich zünden. Da braucht es Geduld, dann passt es vielleicht später.
Die Thienemann-Klassiker von Otfried Preußler und Michael Ende sorgten zuletzt vor allem deshalb für Aufmerksamkeit, da diskriminierende Wörter getilgt wurden. Was überwiegt in den Reaktionen – Wut oder Zuspruch?
Wir haben beides erlebt. Die Reaktionen 2013 auf die ersten Änderungen in der „Kleinen Hexe“ waren eine komplett andere Erfahrung als die zuletzt auf „Jim Knopf“, gesellschaftlich sind wir zehn Jahre weiter. 2013 war der Aufschrei vor allem in den Feuilletons riesig, es wurde uns Zensur vorgeworfen, obwohl es mit dem Autor abgestimmte und sehr begrenzte Änderungen waren. Es gab keine Bereitschaft einzusehen, dass Geschichten nicht immer in allen Aspekten gut altern. Als wir nun die Änderungen in „Jim Knopf“ kommuniziert haben, konnten wir in den Social-Media-Kommentaren sehen, dass diese überwiegend positiv waren. Eine große Rolle gespielt hat dabei auch, dass die Originalausgabe lieferbar bleibt.
Einer unserer Leser kritisierte, dass diese Anpassungen zu viel Aufmerksamkeit bekämen, während wir verschwiegen, dass afrikanische Kinder in Minen für uns Rohstoffe förderten. Was hätten Sie ihm geantwortet?
Wir machen Bücher für den deutschen Kinderbuchmarkt. Dazu gehört, dass wir in bestimmten Reihen sehr wohl Probleme wie Kriege und Flucht ansprechen. Aber es ist schwierig, Kinder und Familien nur mit dem Leid der Welt zu konfrontieren. Eltern treffen hier eine Wahl. Wir sehen im Moment, dass sie ihre Kinder eher schützen wollen als sie den weltweiten Krisen auszusetzen. Das war anders, als Russland in der Ukraine einmarschierte. Damals fanden Bücher zu Krieg und Flucht großen Anklang. Eltern hatten Not, ihren Kindern die Situation zu erklären; Bücher haben ihnen dabei geholfen. Heute gibt es der Krisen zu viele und Familien brauchen Räume, in die sie sich zurückziehen können.
Sie arbeiten in einem schönen, frisch renovierten Umfeld. Spiegelt das die wirtschaftliche Situation des Verlags?
Ja, wir sind in den letzten Jahren kontinuierlich aus eigener Kraft gewachsen, weil wir tolle neue Projekte, Reihen und Autoren entwickelt haben. Das hat sehr gut funktioniert und unsere Marktposition insgesamt gestärkt. Das ist eine solide Basis. Dass wir zudem viele Marken-Charaktere haben, sorgt für großen Wiedererkennungseffekt und ist eine echte Stärke.
Info
Zur Person Bärbel Dorweiler, 1963 in Duisburg geboren, leitete von 2001 bis 2013 den Querido-Kinderbuchverlag in Amsterdam. Im Januar 2014 übernahm sie die Leitung des Thienemann-Verlags in Stuttgart. Zum 175-Jahr-Jubiläum sicherte ihr Team für Thienemann die Rechte an der Trilogie „Sepia“, dem Kinderbuchdebüt der Hamburger Autorin Theresa Bell.
Ausstellung Zum 175. Geburtstag stellt sich der Thienemann-Verlag bei den Stuttgarter Buchwochen, von 14.11. bis 1.12.2024, im Haus der Wirtschaft vor. Die Schau ist im Kinderbereich auf der Galerie zu finden.
Verlag 1849 von Karl Thienemann gegründet, machten Autoren wie Michael Ende, Otfried Preußler und Max Kruse den Stuttgarter Verlag bekannt. Seit 2001 gehört das lange von der Familie Weitbrecht geleitete Haus zur schwedischen Bonnier-Gruppe, 2014 erfolgte die Fusion mit dem Esslinger-Verlag. Mit 60 Mitarbeitenden macht Thienemann-Esslinger einen Jahresumsatz von 20 Millionen Euro und hat aktuell 1150 lieferbare Titel.