Wenn Sterben den Alltag prägt, brauchen Kinder und Jugendliche Halt. Stefanie Wildner begleitet seit Jahren die junge Sarah – und wird zur Lebensbegleiterin.

Sterben gehört zum Leben dazu. Das ist ein Umstand, mit dem jeder Mensch eines Tages konfrontiert wird. Abschied zu nehmen, ob als Sterbender oder als Angehöriger, ist trotzdem niemals einfach. Ist dann auch noch ein Kind betroffen, fehlen in der Familie oft die Worte. Manchmal auch die Kraft, um den Weg des Abschiednehmens so zu gestalten, wie man es gerne möchte.

 

Hier setzt die Arbeit des ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienstes im Kreis Ludwigsburg an. Seine ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer stehen den Betroffenen und ihren Familien zur Seite – von der Diagnose an bis weit über das Abschiednehmen hinaus.

Dabei muss es sich bei der erkrankten oder verstorbenen Person gar nicht um das Kind selbst handeln. Stefanie Wildner aus Kornwestheim beispielsweise begleitet seit Jahren die junge Sarah (Name von der Redaktion geändert). Deren Vater leidet an einer schweren Krankheit, die seinem Leben jederzeit ein Ende bereiten könnte. Seit 2018 ist die 41-Jährige ehrenamtlich beim Kinder- und Jugendhospizdienst im Kreis Ludwigsburg tätig.

Die Unterstützung endet nichtmit dem Tod

„Sieben Jahre mit demselben Kind oder Jugendlichen zu arbeiten – Sarah ist inzwischen schon gar keine Jugendliche mehr, sondern erwachsen geworden – das ist schon ungewöhnlich“, erzählt die Ehrenamtliche. Ungewöhnlich, aber zugleich das Wunderbare an dem Konzept, findet sie. Niemand drückt eine Stoppuhr, niemand legt von außen ein Abschlussdatum fest. Die Begleitung endet nicht einfach, nur weil das Kind kein Kind mehr ist. Und auch nach dem Tod der Betroffenen bleiben die Ehrenamtlichen in der Zeit der Trauer an der Seite der Angehörigen. So lange, wie sie gebraucht werden. „Denn jeder trauert anders, das ist ganz wichtig. Da gibt es kein Richtig oder Falsch.“

Stefanie Wildner kam mit dem Hospizdienst erstmals über ihre Arbeit als Erzieherin in Berührung: „Wir hatten in der Kita einen Fall, dass eine Mutter verstorben war, und wir haben nach einem Weg gesucht, wie wir als Team, zusammen mit den Eltern und den Kindern, am besten damit umgehen. Denn Kinder reagieren auf solche Ereignisse ganz anders als Erwachsene.“ Bei der Suche nach Unterstützung lernte sie die ökumenische Hospizinitiative kennen – und schätzen. „Jeder Mensch sollte in seiner Trauer jemanden zur Seite haben, deshalb finde ich deren Arbeit auch so wichtig“, sagt sie. Leider sei es oft so, dass die Themen Tod und Trauer gesellschaftlich immer noch totgeschwiegen würden.

Besonders gegenüber Kindern, die manche am liebsten vor allem schützen würden. „Klar ist das kein Thema, das man gerne beim Kaffeekränzchen bespricht, aber es ist eines, das uns alle betrifft. Und die Lebenswelt der Kinder wird in dem Moment genauso davon berührt wie unsere.“

„Man lernt mit jeder Begleiteinheit“

Als die Kornwestheimerin daher von einem Aufruf des Hospizdienstes hörte, war für sie die Entscheidung schnell klar – sie meldete sich für den Vorbereitungskurs. Den emotionalen Herausforderungen dieses Engagements sah sie sich gewachsen – „zumindest in der Theorie“, ergänzt sie schmunzelnd. Die Praxis bringe natürlich individuelle Herausforderungen. „Aber man wächst und lernt mit jeder Begleiteinheit.“

Noch gut kann sich Stefanie Wildner an das erste Treffen mit Sarah erinnern. Zusammen mit der Familie und der Koordinatorin der Hospizinitiative, Birgit Beurer, traf man sich zum gemeinsamen Kennenlernen – schließlich sollten sich alle Beteiligten gut verstehen. „Bei Sarah und mir haben wir sehr schnell gemerkt, dass das Puzzle passt“, erzählt sie. „Wir beide lieben es, zu fotografieren, sind viel draußen unterwegs und mögen beide Tiere unheimlich gerne.“

Es geht nicht immer nurum Tod und Trauer

Kein Wunder also, dass die gemeinsamen Treffen – zwei Stunden sind es pro Woche – Sarah und Stefanie Wildner oft nach draußen ins Grüne oder zu einem Spaziergang raus aufs Feld führen. „Vor allem in der Anfangszeit war das super, weil es so ungezwungen ist“, erinnert sich die Kornwestheimerin. „Wenn man so nebeneinander herläuft, ist das nicht so eine erzwungene Gesprächskultur, als wenn man sich an einem Tisch gegenübersitzt.“ Vor allem ihre Labradorhündin, die damals noch gelebt hat, erwies sich als echter Eisbrecher.

Man dürfe sich das Ganze aber nicht so vorstellen, dass es in den Gesprächen ständig nur um Tod und Trauer gehe. „Oft geht es um ganz andere Dinge, man kann über alles reden. Das liegt ganz beim Kind.“ Wenn das Thema dann tatsächlich zur Sprache kommt, so ihre Erfahrung, ist es für viele Kinder und Jugendliche eine Hilfe, dass sie in den Menschen vom Hospizdienst einen neutralen Ansprechpartner haben, „bei dem sie ganz ehrlich aussprechen können, was sie denken“.

Für viele sind bereits die Treffen an sich ein großer Gewinn, ganz ohne jede Trauerarbeit. „Zum Beispiel, wenn ein Geschwisterkind erkrankt ist, wird für gewöhnlich der gesamte Alltag rund um dieses Kind gestaltet, die Geschwister fühlen sich dann oft zurückgesetzt“, erzählt sie. „In diesen zwei Stunden mit uns wissen sie: Es geht ganz um sie und niemanden sonst.“ Die Kinder können die Zeit nutzen, um über ihre Gefühle zu sprechen, oder sie können einfach nur sie selbst sein und tun, worauf sie Lust haben.

„Man gewinnt Demut vor dem Leben“

Allerdings ist das Engagement der Ehrenamtlichen nicht nur für die Betroffenen ein Gewinn, glaubt Stefanie Wildner. Auch sie selbst hat aus den vergangenen Jahren vieles mitgenommen. „Auch wenn das etwas abgehoben klingt: Man gewinnt durch diese Arbeit eine große Demut vor dem Leben.“

Was sie am meisten bewegt, ist, „wie sehr das Vertrauen zwischen uns in dieser Zeit gewachsen ist, welche Gedanken man anvertraut bekommt, auch jenseits der Situation, wegen der man eigentlich zusammen ist“, sagt sie. Für sie war die Entscheidung, zum Hospizdienst zu gehen, in jedem Fall die richtige. „Den Weg eines jungen Menschen so lange und so intensiv begleiten zu dürfen, das ist für mich etwas ganz Besonderes. Und ich sage das ganz bewusst so – denn für mich ist das ein Dürfen.“

Wer möchte betroffene Familien begleiten?

Neuer Kurs
Die ökumenische Hospizinitiative bietet einen neuen Vorbereitungskurs für Ehrenamtliche an. Er startet am 7. November und umfasst rund 20 Termine bis in den März hinein. Ein verbindliches Vorgespräch findet am Mittwoch, 22. Oktober, statt. Eine Anmeldung ist erforderlich, Anmeldeschluss ist am Montag, 20. Oktober. Mehr Informationen gibt es unter kinderhospiz@hospiz-ludwigsburg.de.

Leben und Sterben
Gesucht werden Menschen, die sich selbst mit Leben und Sterben, Tod und Trauer auseinandersetzen wollen. Die bereit sind, schwer kranke Kinder oder Jugendliche und deren Familien zu begleiten sowie junge Menschen, bei denen ein Elternteil schwerst erkrankt ist, und die bereit sind, in der Trauer für die Familien da zu sein.