Kinderhospizdienst Weissach im Tal Wenn ein ganzes Leben kippt: Wie Sternentraum Familien Halt gibt

Karolina während eines Gesprächs über die letzten Monate mit ihrem schwer kranken Mann. Foto: Gottfried Stoppel

Karolina verliert ihren Mann an Krebs. Der Kinderhospizdienst Sternentraum begleitet die Familie – bis über den Tod hinaus.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)

In der Woche, in der Frank starb, war Karolina nahezu rund um die Uhr an seiner Seite. Sie saß an seinem Bett in der Palliativstation des Robert-Bosch-Krankenhauses, hielt seine Hand. Es war ein Montag. Der letzte. „Ich habe ihm aus seinem Lieblingsbuch vorgelesen“, sagt sie. „Dann ist er in meinen Armen eingeschlafen.“

 

So absurd das vielleicht klingen möge, sagt Karolina, „aber nach 20 Jahren Ehe war das die schönste Art, auf Wiedersehen zu sagen.“ Und: „Ohne Sternentraum wäre das kaum möglich gewesen.“

Diagnose Krebs: Ein Schicksalsschlag verändert alles

Karolina ist 41, Mutter zweier Kinder. Emil ist sieben, Cassie dreizehn. Die Familie lebte ein normales Leben im Großraum Backnang – bis Weihnachten 2022. Da kam Frank, Karolinas Mann, mit hohem Fieber ins Krankenhaus. Die Diagnose: Multiples Myelom. Eine aggressive Form von Knochenmarkkrebs. Unheilbar. „Ich war wie gelähmt. Alles brach gleichzeitig über uns herein.“

Die pubertierende Tochter, ein kleiner Sohn, der mitten in der Pandemie geboren wurde und seine Anlaufschwierigkeiten im Kindergarten hatte. Der Mann schwer krank. Die Arbeit. „Ich hatte das Gefühl, mich vierteilen zu müssen.“ In dieser Überforderung erinnerte sie sich an eine Freundin, deren Sohn an Leukämie erkrankt war – und an den Kinderhospizdienst Sternentraum.

Die Koordinatorinnen Kirsten Allgayer (rechts) und Lorena Sabattini (links) und die ehrenamtliche Begleiterin Sophia Rund haben sich maßgeblich um Karolina und ihre Familie gekümmert. Foto: Gottfried Stoppel

20 Jahre Unterstützung: Sternentraum hilft Familien im Rems-Murr-Kreis

Der Verein begleitet seit zwanzig Jahren Familien im Rems-Murr-Kreis – von der Diagnose bis über den Tod hinaus. Drei hauptamtliche Koordinatorinnen und rund 50 ehrenamtliche Begleiterinnen und Begleiter kümmern sich um die ganz praktischen und die seelischen Fragen, die in einer solchen Ausnahmesituation wie eine Flut über Familien hereinbrechen können. Viele von ihnen durchlaufen eine mehrmonatige Qualifikation, lassen ihre Arbeit regelmäßig fachlich begleiten und sind eng mit Schulen, Kliniken sowie sozialen Einrichtungen vernetzt.

Auch Karolina fand Halt. Lorena Sabattini, gerade frisch als Koordinatorin beim Dienst gestartet, wurde neben der Leiterin des Dienstes, Kirsten Allgayer, ihre wichtigste Stütze. „Sie half mir, überhaupt einen Plan zu fassen“, sagt Karolina. Wann ist der nächste Arzttermin? Wie erkläre ich den Kindern, dass Papa nicht mehr heimkommt? Was muss ich im Haus ändern, wenn das Immunsystem meines Mannes auf null ist? Sternentraum habe ihr geholfen, sich auf ihren Alltag zu fokussieren und Entscheidungen zu treffen.

Sophia Rund gibt Emil und Cassie Halt in schwerer Zeit

Während Frank zur Stammzellentransplantation vorbereitet wurde, vergingen Wochen, in denen die Kinder ihren Vater kaum sahen. Gerade für Emil war das schwer zu begreifen. In dieser Zeit wurde Sophia Rund zu einem festen Anker. Sie betreute Emil regelmäßig. Auch Cassie bekam eine feste ehrenamtliche Betreuerin und eine verbindliche Anlaufstelle. „Der Freitag war ihre einzige stabile Zeit“, sagt Karolina. „Ich konnte ihnen in dieser Zeit kein ‚Wünsch dir was’ bieten – aber bei Sternentraum konnten sie sich fallen lassen.“

Spielen, Hausaufgaben, backen, einkaufen, Ausflüge in den Schwabenpark. Die Begleitung gab den Kindern Struktur und Halt. „Wir sind ein Safe Space“, sagt Sophia, „die Kinder dürfen hier alles rauslassen – weinen, wütend sein, lachen, einfach sie selbst sein.“

„Es war ein Zeichen für uns: Wir sind über den Berg“

Im März 2023 schien es noch, als hätte Frank es geschafft. Die Transplantation war überstanden, das Immunsystem auf dem Weg der Besserung. Ein Urlaub am Montblanc wurde zum Symbol: ein Aufatmen, ein kurzes „Zurück ins Leben“. Angeregt und finanziert von Sternentraum. „Das war so viel mehr als Erholung – es war ein Zeichen für uns: Wir sind über den Berg.“

Doch der Krebs kam zurück. Still, aggressiv. Schon im Mai war klar: Es geht nicht mehr. In wenigen Wochen war aus Hoffnung Endgültigkeit geworden. Die letzte Chemo, ein Versuch mit doppelter Dosis, wurde abgebrochen. Fünf Tage später starb Frank.

„Diese zwei Stunden sind mein Anker“: Trauergruppe gibt Halt

Nach dem Tod ihres Mannes drohte Karolina in ein Loch zu fallen. Doch Sternentraum war weiter an ihrer Seite. Jetzt mit einem neuen Angebot: einer Trauergruppe für Frauen, die ihren Lebenspartner verloren haben. „Ich war erst skeptisch, aber jetzt sind diese zwei Stunden in der Woche mein Anker. Sie gehören Frank und mir.“ Dort findet sie Menschen, die ähnliche Verluste erlebt haben – und selbst das Lachen wird hier wieder möglich.

Auch ihre Kinder besuchen Trauergruppen. Emil hat dort gleich zwei Freunde gefunden, die wie er den Vater verloren haben. „Neulich hat er an der Supermarktkasse im Vorbeigehen gesagt: Mein Papa ist gestorben.“ Die Kassiererin war überfordert, aber in der Gruppe kann er darüber reden, ohne sich erklären zu müssen.

Sternentraum erfüllt letzte Wünsche und bietet praktische Hilfe

Der Kinderhospizdienst Sternentraum hilft aber nicht nur emotional. Er war da, als Frank dringend ins Krankenhaus gefahren werden musste und Karolina auf der Arbeit festhing. Die Mitarbeiterinnen buchten und finanzierten eine Flugreise nach Kiel, damit Franks Asche dort ins Meer gestreut werden konnte – so, wie er es sich gewünscht hatte.

„Allein wäre ich mit dem Auto nach Kiel gefahren – hin und zurück an einem Tag. Sternentraum hat gesagt: Lass das, wir kümmern uns.“ Wie um so vieles, zum Teil Banales, das in Extremsituationen aber erscheint wie ein unüberwindbarer Berg.

Sternentraum unterstützt bei Alltagsfragen und Schulberatung

Auch bei Alltagsfragen war der Dienst eine Hilfe. Welche Sportangebote sind für Emil geeignet? Wie erklärt man einer Schulklasse den Tod eines Vaters? Eine Lehrerin von Emils Schule wandte sich an Sternentraum, um sich beraten zu lassen. Auch das war für Karolina eine enorme Entlastung.

Ein Großteil dieser Angebote ist nur durch Spenden möglich. Denn: „Die Krankenkassen finanzieren nur bis zum Tod des Patienten – danach hört die Unterstützung mit einem Schlag auf“, sagt Kirsten Allgayer. Dabei wäre sie gerade auch nach dem Verlust so wichtig.

Zwei Jahrzehnte Sternentraum: Mut und Mitmenschlichkeit im Fokus

Seit zwei Jahrzehnten begleitet der Kinder- und Jugendhospizdienst Sternentraum Familien in Ausnahmesituationen. Mit Empathie, Fachwissen und einem Gespür für das Wesentliche. Jedes Jahr werden neue ehrenamtliche Begleiter ausgebildet, jedes Jahr entstehen neue Geschichten von Mut, Zusammenhalt und Mitmenschlichkeit.

Karolina hat gefunden, was sie gebraucht hat: Struktur im Chaos, Trost im Schmerz – und Menschen, die geblieben sind. „Es tut so gut zu wissen: Ich habe jemanden an meiner Seite. Und sei es nur für ein Gespräch.“

20 Jahre Sternentraum

Veranstaltungen
Am kommenden Dienstag, 10. Februar, wird das 20-jährige Bestehen des Kinder- und Jugendhospizdienst Sternentraum mit einem großen Festakt für geladene Gäste in Kernen gewürdigt. Darüber hinaus hat der Verein einen ganzen Reigen an Veranstaltungen aufgelegt, die offen für Interessierte sind. Den Auftakt machte bereits eine bewegende Fotoausstellung der Dein-Sternenkind Stiftung.

Das vollständige Programm ist online einsehbar unter www.kinderundjugendhospizdienst.de/aktuelles/termine

Kontakt
Hinter „Sternentraum“ steht ein Netzwerk aus haupt- und ehrenamtlichen Begleiterinnen und Begleitern, die Familien mit schwerkranken Kindern oder beim Verlust eines Kindes beistehen. Wer unterstützen möchte – sei es durch ehrenamtliches Engagement, Spenden oder einfach durch Zuhören und Sichtbarmachen –, findet Infos und Kontaktmöglichkeiten unter: www.kinderundjugendhospizdienst.de. Mitmachen kann jeder – denn jede Begegnung zählt.

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