Kinky Galore auf Fridas Pier Sexpositive Party in Stuttgart – am Halsband durch den Club

Zu sexpositiven Partys gehören freizügige und ausgefallene Outfits, zum Beispiel aus Lack und Leder. Foto: Imago/Depositphotos/xgoamix

Regelmäßig kommt die sexpositive Partyreihe „Kinky Galore“ auf das Stuttgarter Clubschiff Fridas Pier. Die Tickets sind in kürzester Zeit ausverkauft. Wir haben eine junge Stuttgarterin dorthin begleitet.

In den Pausen zwischen zwei Sätzen zieht sie an einer E-Zigarette. Rauch steigt in die milde Herbstluft, es fängt an zu dämmern. Hannah* sitzt auf den Steintreppen vor ihrem Haus im Stuttgarter Osten. Die 26-Jährige trägt eine schwarze Jogginghose und ein kurzes Top. Ihre hellbraunen Haare sind vom Duschen noch etwas feucht. „Mit 22 bin ich mit meinem Mann das erste Mal zu einer Swingerparty nach Bruchsal gefahren. Wir hatten einfach Lust, etwas Neues zu erleben“, sagt sie und nimmt einen tiefen Zug. „Wir führen eine offene Ehe.“

 

Neben der Beziehung zu ihrem Mann trifft sie sich ab und zu mit Frauen. Sie ist bisexuell. Hannah spricht leise und wirkt auf den ersten Blick schüchtern. Über eine Datingplattform hat sie die 23-Jährige Sophia* kennengelernt, mit der sie heute Abend auf die sexpositive Party „Kinky Galore“ gehen will. Sie sitzt neben ihr auf den Stufen, blondes langes Haar, aufgeschlossenes Lächeln. Welche Art von Beziehung Hannah zu Sophia hat? „Eine Art Freundschaft Plus“, sagt sie und kichert verlegen.

Seit Jahren geht Hannah zu organisierten Sexpartys. Doch bei den verschiedenen Events gibt es Unterschiede. „Bei einer Kinky-Party liegt der Fokus auf dem Feiern und wenn man dann Lust hat, geht auch was. Auf Swinger-Partys hingegen geht es noch mehr um Sex“, erklärt die 26-Jährige. Ihre Erfahrung im Vergleich zu den ganz normalen Partynächten in Mainstream-Clubs: „Die Leute sind respektvoller und kommunizieren mehr.“ Nach dem Gespräch wollen sich die jungen Frauen für den Abend fertig machen und später zusammen zum Club am Neckarufer zwischen Bad Cannstatt und Stuttgart-Ost gehen.

Die Partylocation Fridas Pier ist ein 60 Jahre alter Frachtkahn. Während früher im Unterdeck 900 Tonnen Kies und Kohle lagerten, wummern hier nun jedes Wochenende die Bässe für Stuttgarts Elektrofans. Einige sagen, es sei das beste Soundsystem in der Stadt. Der Abend beginnt früh. Während die DJs in anderen Clubs erst um 0 Uhr auflegen, wird auf dem Oberdeck des alten Schiffes heute bereits um 21 Uhr getanzt.

Knapp 40 Euro Eintritt

Viele der Gäste feiern in Unterwäsche, kombiniert mit auffälligem Schmuck. Ein Mann führt seine Partnerin, die ein Halsband trägt, an der Leine über das alte Schiff. Selbst ganz unbekleidet auf die Party zu gehen, ist erlaubt. Ein etwa 60 Jahre nackter Mann läuft an der Bar vorbei, ohne dass jemand irritiert scheint. Ein paar Meter weiter auf einem Himmelbett im Freien liegt ein benutztes Kondom.

Manche tragen ein Harness, also ein Geschirr aus verschiedenen Lederriemen, andere haben Choker an, enge Halsbänder aus Leder. Sie gelten in der Szene als Symbol der Unterwerfung. Andere haben eine Peitsche oder eine Gerte bei sich und deuten damit an, auf der dominanten Seite zu stehen. So manch einer dürfte derart auffällige Accessoires aber wohl gewählt haben, um in den Club eingelassen zu werden. Die Türe gilt als streng. Mit alltäglicher Kleidung gibt es keinen Einlass, egal ob das Ticket für 40 Euro längst bezahlt ist oder nicht. Um die Gäste zu schützen, verteilen die Türsteher Aufkleber für die Handys. Sie müssen über die Kameralinsen geklebt werden, denn auf dem Gelände herrscht ein strenges Fotografierverbot.

Strapse statt Jogginghose

Gegen 22 Uhr steigt auch Hannah die Stufen in den Bauch des Schiffes hinab. Ihre lange Jogginghose hat sie inzwischen gegen schwarze Spitzenunterwäsche und Strapse mit schwarzen, leicht transparenten Strümpfen getauscht. An ihrer Seite sind neben ihrem Mann auch Freundin Sophia und noch zwei weitere Frauen. Eine um die 30 Jahre, die andere Mitte 40. „Alter spielt für mich nicht so eine große Rolle“, sagt Hannah und ergänzt: „Wir haben die beiden beim Aktzeichnen, das hier angeboten wird, kennengelernt.“ Die Frauen halten sich an den Händen fest und gehen weiter in Richtung Tanzfläche, die bereits gut gefüllt ist. Dichter Nebel erschwert die Sicht. Vielleicht um den Menschen, die sich zwischen den Tanzenden oder am Rand küssen und anfassen, zumindest ein Minimum an Privatsphäre zu bieten.

Jan Ehret mit Frau Sarah Woods /Kinky Galore

Am Ende des Raums steht Jan Ehret, 45, hinter dem DJ-Pult. Er ist gemeinsam mit seiner Frau Sarah Woods Veranstalter der Partyreihe „Kinky Galore“. Seit sechs Jahren organisiert der Wahl-Berliner die sexpositive Partyreihe, die seit zwei Jahren auch in Stuttgart stattfindet. Schon vorher legte er regelmäßig im legendären Berliner Kitkat-Club auf. Sein Markenzeichen: Ein rot-geschminkter Balken über den Augen.

Über diese Party wird er später sagen, dass sie sich ein bisschen wie nach Hause kommen angefühlt hat. Ehret ist in Süddeutschland geboren und aufgewachsen. Doch die Landeshauptstadt mag er nicht nur, weil sie in der Nähe seines Geburtsorts Freiburg liegt: „Stuttgarter sind unfassbar dankbare Kunden.“ Und die Leute auf seinen Partys im Kessel seien „tanz- und sexfreudig“, sagt er.

Der „Playroom“

„Wir haben ja immer einen Playroom vor Ort, der aber auf Fridas Pier etwas kleiner ausfällt“, sagt der 45-Jährige und meint den halb offenen Container, der am Ufer steht. Ein Din-A4-Schild weist ihn als „Playroom“ aus, ein Ort wo sich Paare gezielt zum Sex zurückziehen können. Eine aufwendige Inneneinrichtung oder richtige Betten gibt es nicht, lediglich eine Art Bank. Draußen hat es etwa zehn Grad, wer sich hier trifft, darf nicht kälteempfindlich sein. „Dass es nur den kleinen Playroom gibt, juckt die Stuttgarter nicht. Die bumsen wirklich so durch den ganzen Laden“, erzählt er und lacht. Sie seien offener als man gemeinhin denken würde, schließlich sei der Süden Deutschlands ja nicht gerade für sexuelle Freiheit bekannt.

Hannahs „Kussmischmasch“

Die kleine Gruppe um Hannah hat sich derweil am Rande der Tanzfläche unter Deck zusammengefunden. Die Fünf küssen sich abwechselnd, ein „Kussmischmach“, wie Hannah das nennt. In anderen Ecken der Partylocation haben Menschen offen Sex. Prüderie herrscht an diesem Abend nicht auf Fridas Pier. Viele hier kommen aber vor allem, um zu Tanzen. Und das ist so gewollt. Schließlich will „Kinky Galore“ keine Fetisch-, Swinger- oder Sexparty sein. „Wir wollen hier keine Orgien feiern. Bei uns steht die Party an und für sich im Mittelpunkt. Es geht vor allem um das Zusammenkommen von coolen Leuten mit dem gleichen Mindset“, betont Ehret. Und der Begriff Fetischparty treffe auch nicht zu. „Bei mir selbst ist es so: Ich mag Sex total gerne, aber habe keinen Fetisch, also eine sexuelle Vorliebe, die man zwingend braucht, um eine sexuelle Stimulation zu erfahren. Die ganzen harten Sachen passen nicht zu unserem Konzept.“

Im Bauch des alten Schiffs tanzt die Masse immer ausgelassener zum Beat. Was andernorts als obszön, unangemessen oder unanständig gelten würde, ist hier erlaubt. Wer hierher kommt, sucht neben intimen Kontakten wohl vor allem eines: Freiheit.

*Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

Nächste Veranstaltung

Kinky Galore,
Im Wizemann, Quellenstr. 7, Stuttgart-Bad Cannstatt, 21.12. ab 22 Uhr

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