Kinokritik: Ein leichtes Mädchen Die Naive und die Laszive

Von Wolfram Hannemann 

Eine Cousine führt die andere ins pralle Leben ein in dieser französischen Dramödie.

Zahia Dehar (links) und Mina Farid in „Ein leichtes Mädchen“ Foto: Wild Bunch/Julian Torres 8 Bilder
Zahia Dehar (links) und Mina Farid in „Ein leichtes Mädchen“ Foto: Wild Bunch/Julian Torres

Stuttgart - Sommer, Strand, Sonnenschein: Naïma lebt an der Côte d’Azur, ist gerade 16 geworden und hat endlich Ferien. Vollkommen überraschend erhält sie Besuch von ihrer Cousine Sofia, die sechs Jahre älter ist und in Paris wohnt und arbeitet. Diese nimmt ihre unerfahrene Cousine sofort unter ihre Fittiche damit die Kleine lernt, wie das mit dem Leben so läuft. Sofia angelt sich unter Einsatz ihrer Reize einen reichen Yachtbesitzer und dessen Kumpel – und Naïma folgt ihr auf Schritt und Tritt...

Türkisblaues Wasser, sonnenverwöhnte Strände, leicht bekleidete Mädchen, braun gebrannte Männer, weiß flirrende Luxusyachten im Hafen – bei aller Kritik, die man dem Film angedeihen lassen könnte, muss man eines neidlos anerkennen: Rebecca Zlotowskis farbintensiver Film eignet sich hervorragend als Reisefilm für die Côte d’Azur! Kameramann Georges Lechaptois zaubert mit seinen Cinemascope-Aufnahmen perfekte und oft sinnliche Hochglanzbilder für Werbekataloge. Freilich geht es Zlotowski um etwas ganz anderes in ihrem leichten Drama. Beispielsweise um das Erwachsenwerden eines 16-jährigen Mädchens, das sich von ihrer älteren Cousine ins dolce vita einführen lässt. Gespielt wird die unschuldige Naïma vom Nachwuchstalent Mina Farid, die ihre Rolle sehr überzeugend ausfüllt: etwas schüchtern, ja fast scheu, unerfahren, staunend, feinfühlig, aber auch verletzlich und am Ende gar zielstrebig und charakterstark.

Die Ältere weiß genau, was sie will

Zahia Dehar, eine der bekanntesten und zwiespältigsten Persönlichkeiten Frankreichs und die einstige Muse von Karl Lagerfeld, verkörpert die Cousine Sofia. Die gebürtige Algerierin prostituierte sich mit 16 Jahren und sorgte für einen handfesten Skandal als bekannt wurde, dass die Minderjährige auch Spielern der französischen Fußballnationalmannschaft zu Diensten war. Die Rolle ist ihr wie auf den Leib geschrieben und das genaue Gegenteil von Naïma: Sofia weiß genau, was sie will und was nicht – und wie man etwas bekommt, wenn man es haben möchte. Doch schaut man genauer hin, so verbirgt sich hinter Sofias lasziver Fassade eine große Trauer und Einsamkeit. Dehar weiß dies allein durch ihre Blicke nach außen zu tragen.

Insgesamt passiert nicht viel, der Film lässt sich treiben wie seine Sommerfiguren es tun. Manchen wird das zu wenig sein, anderen wird es genügen.

Ein leichtes Mädchen. Drama, F 2019. Regie: Rebecca Zlotowski. Mit Mina Farid, Zahia Dehar, Benoît Magimel. 92 Minuten. Ab 16.