Seit Jahren beschäftigt sich Eberhard Köngeter vom Maibaumverein historisch mit den frühromanischen Kirchen von Bad Cannstatt und Steinbach im Odenwald, die beide gleiche Grundrisse haben. Nun hat er bedeutende Bezüge zwischen Rom und der Cannstatter Stadtkirche erforscht. Köngeter hat auf einer Reise nach Rom neue Erkenntnisse gewonnen und seine Broschüre daraufhin aktualisiert und neu herausgegeben.
Basilika in Rom ist namensgebend für Stadtkirche
Während derzeit die Sanierungsarbeiten an der Cannstatter Stadtkirche vollendet werden, weist Köngeter in seiner Schrift auf die Vorgängerkirchen hin, die es vor dem Bauwerk von Aberlin Jörg hier gab. Denn er weiß, wie die erste Cannstatter Basilika von 810 nach Christus ausgesehen hat. Das Vorbild steht in Steinbach im Odenwald und in Rom – in Form der Kirche „Basilica dei Santi Cosma e Damiano“. „Sie ist die namensgebende Basilika für die Cannstatter Stadtkirche“, sagt Köngeter. Sie war eine der ersten christlichen Basiliken Roms in der Via Sacra am Forum Romanum und liegt unweit von der Kirche Basilika Santa Maria Maggiore, in der der Papst beigesetzt wird.
Blick in die Broschüre, in der die Bezüge zur Basilika in Rom erklärt werden. Foto: Iris Frey
Bevor die heutige Cannstatter Stadtkirche erbaut wurde, stand hier eine dreischiffige turmlose Pfeilerbasilika in antik-römischer Bauform nahe des Karolingischen Königshofs und der Neckarbrücke an einer von West nach Ost verlaufenden Heer- und Handelsstraße. 1169 wurde eine romanische Basilika mit Westturm und zwei Zwillingstürmen an der Ostseite gebaut. Um 1371 wurde die romanische Apsis abgebrochen und ein frühgotischer Chorraum an der Ostseite errichtet. 1460 wurden das romanische Mittelschiff und die beiden romanischen Seitenschiffe abgebrochen. Die Kirchenschiffe und der Chorraum wurden neu errichtet in ihrer heutigen Form als spätgotische Kirche.
Gotischer Baumeister der Stadtkirche war Aberlin Jörg
1612 bis 1613 wurde der Stadtkirchenturm im Stil der Renaissance neu gebaut. Der gotische Baumeister der Cannstatter Stadtkirche war Aberlin Jörg. Er gilt als bedeutendster Architekt und Baumeister des spätgotischen Kirchenbaus in Württemberg und in angrenzenden südwestdeutschen Freien Reichsstädten. Die Stadtkirche wurde vor 554 Jahren gebaut und geweiht.
Wie kam es zur Erkenntnis, dass es zur Stadtkirche noch Vorgängerkirchen gab? 1960 bis 1962 sind Handwerker beim Graben der Heizungskanäle auf verschiedene Fundamente unter dem Fußboden gestoßen, sagt Köngeter. Untersuchungen von Professor Paul Heim haben ergeben, dass die Stadtkirche zwei Vorgängerkirchen hatte. Die erste sei in karolingischer Zeit entstanden, die zweite eine romanische Kirche gewesen.
„Da Einhard Architekt Karls des Großen war und die Kirche neben einem karolingischen Königshof auf dem Gebiet zwischen der heutigen Spreuer- und Lammgasse lag, kann man fast mit Gewissheit davon ausgehen, dass Karl der Große um 800 nach Christus den Bauauftrag erteilte und Einhard der Erbauer unserer ersten Stadtkirche war“, berichtet Köngeter.
„Einhard war 806 in Rom und hat dort das Testament Karls des Großen an den Papst übergeben und dort die Basilika von Cosmas und Damian in Rom kennengelernt“, erläutert Köngeter. Baumeister Einhard habe dieselben Grundrisse für die Basilika in Cannstatt verwendet. So seien laut Professor Heim die Säulenfundamente im Mittelschiff bereits um 800 gebaut worden. Die Breite des Mittelschiffs betrage 7,30 Meter, das sei dieselbe Breite wie in der Basilika in Steinbach.
Sowohl die Basilika in Rom ist den beiden Märtyrern und Heiligen Cosmas und Damian geweiht, als auch die Stadtkirche, in deren Schlussstein im Chorraum die beiden Heiligen bis heute zu sehen sind. Schon die erste romanische Kirche vor der Stadtkirche wurde vermutlich diesen beiden Märtyrern und Schutzpatronen der Ärzte und Apotheker geweiht, sagt Köngeter. Das liege vermutlich an der Nähe der Kirche zu den heilenden Cannstatter Quellen.
Dekan Eckart Schultz-Berg findet Köngeters Erkenntnisse zur Vorgängerkirche der Stadtkirche und den Bezügen nach Rom interessant. „Ich würde mir daraufhin die Cosmas und Damian-Kirche in Rom bald mal näher anschauen“, sagt er.
Die Broschüre „Die frühromanischen Kirchenbauten von Stuttgart-Bad Cannstatt und von Steinbach im Odenwald“, 2. Erweiterte Auflage, herausgegeben von Eberhard Köngeter kann kostenlos bezogen werden per E-Mail unter info@maibaumverein-badcannstatt.de.