Hardthausen am Kocher - Beim Wocheneinkauf im Supermarkt hat jeder Routine, sie geht bei manchen so weit, dass sie ohne Einkaufszettel durch die Regale gehen und intuitiv das Übliche in den Wagen werfen. Diese Gewohnheit will Ingo Ehrenfeld, ein Obstbauer in Hardthausen am Kocher (Kreis Heilbronn), jetzt aufbrechen. Er baut seit Kurzem auf zehn Hektar Kiwibeeren an, wo zuvor Getreide und Rüben wuchsen. Ein Wagnis für den jungen Bauern, denn in ganz Deutschland beläuft sich nach einer Schätzung des baden-württembergischen Landwirtschaftsministeriums die Anbaufläche erst auf 25 bis 30 Hektar. Und in den Kühlregalen der Lebensmittelhändler sieht man die Frucht noch sehr selten.
Die Kletterpflanze stammt ursprünglich aus Sibirien
Aber Ehrenfeld war vom ersten Biss in die süßsaure Frucht an begeistert: „Ich habe beim Staudenlernen im botanischen Schaugarten der Hochschule in Weihenstephan die Mini-Kiwis genascht und fand sie geschmacklich super.“ Der junge Landwirt wollte die Frucht unbedingt selbst anbauen. Er beschäftigte sich während seines Gartenbau-Studiums für eine Semesterarbeit mit den Kletterpflanzen, die ursprünglich aus Sibirien und dem Norden Chinas stammen. Und er sprach darüber mit dem Obstfachmann Hubert Siegler von der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim, der seit vielen Jahren im Versuchsanbau erforscht, welche Sorte auf den heimischen Böden am besten gedeiht.
Ein Vorteil der Kiwibeeren: Sie müssen in unseren Gefilden bisher nicht gespritzt werden, da Schädlinge noch nicht auf den Geschmack gekommen sind. Einzig die Kirschessigfliege wird dem daumennagelgroßen Obst gefährlich. Außerdem sind die Stauden winterhart. Obst und Gemüse als Snack für zwischendurch liegen im Trend – etwa Minikarotten. Erschwert wird der Anbau dadurch, dass die Minikiwis klein sind, damit machen sie bei der Ernte viel Arbeit.
Die Pflanze brachte erst im vierten Jahr einen Ertrag
Als der junge Obstbauer frisch von der Uni zurück auf den heimischen Hof kam, versuchte er, seinen Vater von der Superfrucht zu überzeugen. Bei einem Hektar Testgelände sagte Karl Ehrenfeld noch zu, als der Sohn dann auf zehn Hektar erweitern wollte, war er skeptisch. „Alles war neu, und wir wussten nicht mal, wo wir die ersten Pflanzen herbekommen“, sagt Ehrenfeld. In Baumschulen gab es die Minikiwis noch nicht, also musste er auf Kontakte aus dem Studium zurückgreifen. In der Fachhochschule wurden Weikis vermehrt, eine Züchtung aus Weihenstephan, sie wuchsen in Töpfen im Gewächshaus heran. Währenddessen bestellte Ingo Ehrenfeld daheim in Hardthausen das Feld, zog 2010 Drahtanlagen hoch, brachte ein Beregnungssystem an.
Erst im vierten Jahr, nachdem er die ersten Kletterpflanzen eingesetzt hatte, brachten sie einen Ertrag. Schon bei den ersten Frühjahrssonnenstrahlen im März treiben die Minikiwis aus, der Obstbauer hat deshalb ein Frostüberwachungssystem ausgeklügelt, um seine Pflanzen zu schützen. „Ich schaue regelmäßig nach dem Wetterbericht und habe im Feld eine eigene kleine Wetterstation stehen, die mich bei Frostgefahr automatisch auf dem Handy alarmiert.“ Dann muss er rausfahren zum Feld und die Beregnung anstellen, damit sich um die Triebe eine Art Eispanzer bildet, der aber auch nicht zufrieren darf. Ende Mai blühen die Minikiwis weiß, zur Bestäubung hat ein Cousin sein Bienenvölkchen an den Feldrand gestellt. Geerntet wird von Ende September an bis Ende Oktober, dann gibt es die Früchte meist in Schälchen auf Wochenmarktständen und im Supermarkt zu kaufen.
Die Begeisterung des Jungbauern bleibt ein Wagnis
Ein großer Discounter bezieht probeweise die Kiwibeeren aus der Region, auch bei Edeka Südwest gibt es die heimischen Früchte, doch Ehrenfelds Begeisterung für die noch recht unbekannte Frucht bleibt ein Wagnis. „Ich bin vermutlich fünf Jahre zu früh dran“, befürchtet er. Zwar ist die Nachfrage im Umkreis groß, aber „insgesamt ist die Neuigkeit in der Gesellschaft noch nicht angekommen“. Hubert Siegler von der LWG, der langjährige Erfahrungen im Versuchsanbau der Kiwibeere hat, kennt die Risiken: „Für die unbekannte Frucht muss Werbung gemacht werden, was ein einzelner Betrieb nicht leisten kann.“ Hinzu komme der Preisdruck durch ausländische Anbieter, die auf den deutschen Markt drängten.
Aber Ingo Ehrenfeld hat schon zig Ideen, die er mit der aktuellen Ernte ausprobieren will. Vor ein paar Wochen hat er Schnaps und hellgrünen Likör aus den Minikiwis herstellen lassen. „Auch in Smoothies, Marmeladen und als Kuchen schmecken sie gut.“ Der experimentierfreudige Obstbauer kann sich auf die Unterstützung seiner Familie verlassen. Seine Frau Aline steht nach der Schule mit auf dem Feld, Mama Heidi versorgt die Erntehelfer mit warmem Essen, auch sein Vater Karl hilft mit, obwohl er eigentlich Rentner ist. „Alle sind auf den Geschmack gekommen. Die Nachbarn fragen schon im Frühjahr, wann es wieder Minikiwis gibt.“