Bosch beschäftigt die E-Mobilität nun auch juristisch. Foto: imago /MiS
Bosch verklagt das E-Auto-Startup Rivian und wird in den USA selbst verklagt. Dieser Fall zeigt beispielhaft, wie schwierig das Verhältnis zwischen Zulieferer und Hersteller in der Krise geworden ist.
Detroit steht wie keine andere Stadt weltweit für Boom und Krise der Automobilindustrie. Das ist allein schon daran abzulesen, dass die Heimat von General Motors, Ford und Chrysler seit 2000 von 1,8 Millionen auf 640 000 Einwohnern geschrumpft ist. Und ausgerechnet dort wird aktuell ein Fall juristisch aufgearbeitet, der sinnbildlich für die neuen tiefschneidenden Veränderungen der Branche steht. Und wieder geht es um Boom und Krise, ausgelöst durch die Elektromobilität.
Dass dieser sehr spezielle Rechtsstreit am Wayne County Circuit Court Detroit ausgetragen wird, hat aber weniger automobilhistorische Gründe, sondern mehr damit zu tun, dass die US-Tochter der Robert Bosch GmbH ihren Firmensitz in Farmington Hills/ Michigan hat, einem Vorort der Metropole im Norden der USA. Am zuständigen Gericht hat der weltgrößte Autozulieferer aus Gerlingen Klage den E-Auto-Hersteller Rivian eingereicht.
Bosch wirft dem US-Unternehmen Vertragsbruch vor, nachdem der Motorenliefervertrag mit Bosch offenbar gekündigt worden war, ohne die für einen vorzeitigen Ausstieg festgeschriebene Ausgleichszahlung in Höhe von 204 Millionen Euro zu leisten.
E-Pickup von Rivian Foto: Getty/J. Sullivan
Die Reaktion von Rivian ließ nicht lange auf sich warten und kam in Form einer Gegenklage, ebenfalls mit dem Verweis auf einen Vertragsbruch. Bosch wird von Rivian vorgeworfen, der vereinbarten Motorenliefervereinbarung nicht nachgekommen zu sein. Nach Information der Zeitschrift „Automotiv News“ spricht Rivian von „rücksichtslosen Versäumnissen“, die dazu geführt haben sollen, dass im Jahr 2022 rund 30 000 Fahrzeuge weniger hergestellt worden als geplant gewesen seien. Eine Schadensersatzforderung gegen Bosch steht offenbar im Raum. Einigkeit zwischen beiden Seiten besteht nur darin, derzeit keine Stellungnahme zum Streitfall abgeben zu wollen.
Kratzer am Image von Bosch und Rivian
„Mit diesem Rechtsstreit tun sich weder Bosch noch Rivian einen Gefallen“, so lautet die Einschätzung des Automobilexperten Stefan Bratzel. Der Gründer und Direktor des Center of Automotive Management (CAM) glaubt, dass die von beiden Seiten vorgebrachten Vorwürfe von Vertragsbruch auch auf beiden Seiten Kratzer am Image hinterlassen würden, die aber niemand in schwierigen Zeiten brauchen könne.
Es ist nicht das erste Mal, dass Bosch in Verbindung mit Lieferschwierigkeiten steht. Vor einem Jahr konnten von Mercedes bestellte 48-Volt-Batterien nicht wie gewünscht geliefert werden. Es blieb damals bei atmosphärischen Störungen, die zeigen, dass enge Partnerschaften größere Belastungen als früher aushalten müssen.
Geradezu beispielhaft zeigt dieser Fall, wie schwierig das Verhältnis zwischen Zulieferer und Hersteller in der Krise geworden ist. Teils unverschuldet – wie zu Beginn der Corona-Pandemie und dem Halbleitermangel– teils durch die Annahme zu vieler Aufträge, kamen Zulieferer diesen nicht mehr nach.
Um unabhängiger von solchen Engpässen zu werden, setzen Autohersteller nun verstärkt darauf, zuvor bezogene Komponenten selbst zu produzieren. So wie der E-Pick-up und -Transporterproduzent Rivian, der in die Antriebsfertigung eingestiegen ist. Größere Hersteller sehen in der verstärkten Eigenproduktion außerdem eine Möglichkeit, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu halten, die im herunter zu fahrenden Verbrennersegment tätig sind. Darauf weist Autoexperte Stefan Bratzel hin.
Der Rechtsstreit birgt zusätzlich Brisanz: Gerade erst hat VW beschlossen, fünf Milliarden Euro in ein Joint Venture mit Rivian zu investieren.