Einem Chefarzt des Klinikums Esslingen soll unrechtmäßig und unehrenhaft gekündigt worden sein. Foto: Roberto Bulgrin
Vier Ex-Chefärzte des Klinikums Esslingen richten harte Worte an die Geschäftsleitung. Die jüngste Kündigung eines Chefarztes sei „ehrabschneidend und herabwürdigend“ gewesen.
Die Vorwürfe wiegen schwer. Das KlinikumEsslingen soll Ende April einem Chefarzt mit „fadenscheinigen Begründungen“ und in „herabsetzender Vorgehensweise“ fristlos gekündigt haben. Das prangern vier ehemalige Chefärzte des Klinikums in einer Ehrenerklärung an Esslingens Oberbürgermeister Matthias Klopfer an, die unserer Zeitung vorliegt. Das Stadtoberhaupt ist gleichzeitig Vorsitzender des Aufsichtsrats des Klinikums Esslingen.
In der Erklärung, unterzeichnet von den Ex-Chefärzten Jürgen Degreif, Thorsten Kühn, Matthias Leschke und Florian Liewald, geht es um die Personalie des nun ebenfalls ehemaligen Chefarztes der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Ludger Staib. Dieser sei am 13. April 2026 mit sofortiger Wirkung freigestellt worden, Ende April sei eine fristlose Kündigung erfolgt. Warum?
„Der Krankenhausleitung war wohl im Vorfeld der fristlosen Freistellung mitgeteilt worden, es habe ernste Gespräche zwischen Geschäftsführung und Herrn Prof. Staib gegeben zur Erreichung der Fallzahlen “, heißt es in dem Brief, dabei soll es um den „Erhalt des Zertifikats des Darmzentrums“ gegangen sein. Derartige Zielvereinbarungen sind laut den ehemaligen Chefärzten im Gesundheitssystem „auch wenn sie für Zertifikate gefordert werden, als fragwürdig und heikel einzustufen“, da sie medizinische Entscheidungen der Ärzte beeinflussen könnten.
Weiter heißt es: „Die Gründe für die fristlose Freistellung von Herrn Prof. Dr. med. Staib werden juristisch aufgearbeitet und sollen nicht Gegenstand unserer Erklärung sein.“ Den Unterzeichnern dränge sich allerdings „der schwerwiegende Eindruck auf, dass hier händeringend nach einem Vorwand gesucht wurde, um das Arbeitsverhältnis eines verdienten und leistungsfähigen Chefarztes drei Jahre vor seinem Ruhestand vorzeitig zu beenden.“ Der Betroffene selbst äußert sich auf Anraten seines Anwalts nicht gegenüber unserer Zeitung.
Vorwürfe am Klinikum Esslingen – was sagen Stadt und Klinik?
Klinikum und Stadtverwaltung bestätigen auf Nachfrage in einer gemeinsamen Stellungnahme: Man habe sich im April von Chefarzt Ludger Staib getrennt. Die Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie werde derzeit kommissarisch von leitenden Oberärzten geführt, die Patientenversorgung sei „in vollem Umfang“ gewährleistet. „Das Klinikum strebt eine möglichst zügige Nachbesetzung der Chefarztstelle an. Ansonsten bitten wir um Verständnis, dass wir uns zu personalrechtlichen Themen nicht äußern werden“, heißt es in der Stellungnahme.
Welche Gründe gab es für die Kündigung? Was sagen Stadt und Klinikum zu den schwerwiegenden Vorwürfen? Und welche Zielvereinbarungen gibt es für Ärzte am Klinikum Esslingen? All diese Fragen bleiben in der Stellungnahme unbeantwortet. Auch eine Intranetmeldung des Klinikums Esslingen, die unserer Zeitung vorliegt, gibt kaum mehr Aufschluss. Dort heißt es lediglich: „Die Entscheidung steht im Zusammenhang mit internen Vorgängen, die derzeit noch weiter aufgearbeitet werden.“
Kündigung am Klinikum Esslingen sei „herabwürdigend“
Zum Ablauf der Kündigung machen Stadt und Klinik ebenfalls keine Angaben. Diese soll laut dem ehemaligen Chefarzt Florian Liewald „ehrabschneidend und herabwürdigend“ gewesen sein. „Wir sind erstaunt und entsetzt über die Vorgehensweise gegenüber einem verdienten Mitarbeiter und Chefarzt des Klinikums“, heißt es in der Ehrenerklärung. Das Verhalten entspreche „nicht einem ehrenhaften Umgang mit Mitarbeitern, die sich stets für das Klinikum mit vollem Einsatz verdient gemacht haben.“
Ludger Staib, der ehemalige Chefarztes der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, in einem Interview mit uns im Jahr 2020 Foto: Roberto Bulgrin
Nach einer Anhörung sei Herrn Staib „nur wenige Minuten Zeit unter Aufsicht eingeräumt“ worden, „um seine Habseligkeiten zur packen“. Danach sollen ihm seine Schlüssel und seine ID-Karte abgenommen und sein Computerzugang gesperrt worden sein – alles „nach Beobachtung seiner Mitarbeiter“. Im Anschluss habe er seine Räumlichkeiten verlassen müssen. „Dieses Verfahren wird üblicherweise bei Straftaten und Straftätern durchgeführt“, schreiben die ehemaligen Chefärzte.
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Ludger Staib war lange am Klinikum Esslingen
Rund 20 Jahre ist Ludger Staib am Klinikum Esslingen beschäftigt gewesen, auch als ärztlicher Direktor. „In diesem Zeitraum kann die interdisziplinäre Zusammenarbeit sowohl mit Herrn Staib persönlich, wie auch mit seiner Abteilung als hervorragend und vorbildlich beschrieben werden“, so die ehemaligen Chefärzte.
Staib könne als „guter Chirurg, kollegialer Chefarzt, integre Persönlichkeit, vertrauensvoller und verlässlicher Mensch sowie als fairer Partner im nervenaufreibenden Alltag eines Chirurgen beschrieben werden“. Stets habe er sich „für das Wohl der Patienten wie auch für die Interessen des Klinikums eingesetzt.“ Sich selbst beschreiben die Unterzeichner als „alte Garde“, die sich dem Klinikum noch immer sehr verbunden fühlen und deshalb „gerade in jetzigen Zeiten“ Rückgrat zeigen wollen.
Für das Klinikum Esslingen sind die Zeiten in der Tat angespannt. Das Krankenhaus macht seit Jahren viele Millionen Euro Minus – und die Stadt Esslingen muss massiv sparen. Sie ist alleiniger Träger des Klinikums. Die Verwaltung berät deshalb derzeit mit dem Landkreis, ob das Klinikum Esslingen mit den Medius Kliniken zusammengelegt werden sollen. „Ziel eines Zusammenschlusses der Kliniken wäre die Bildung einer leistungsfähigen und zukunftsfesten Klinikstruktur im Landkreis Esslingen, die im Wettbewerb innerhalb der Region Stuttgart sehr gut aufgestellt ist“, schreibt die Stadt.