K.O.-Tropfen betreffen vor allem Frauen. Beim Feiern lauert die Gefahr genauso wie im sozialen Nahraum. Foto: Christian Thiele/dpa/Archiv
Fälle von K.O.-Tropfen sind kein reines Partyphänomen. Viele Fälle finden im sozialen Nahraum statt. Die Täter sind Männer, die Opfer meist Frauen und die Abgründe kaum vorstellbar.
Vor zwei Jahren ging die Geschichte um Gisèle Pelicot um die Welt: Die Französin wurde von ihrem langjährigen Ehemann mit Medikamenten sediert, 200 Mal vergewaltigt und anderen Männern zur Vergewaltigung überlassen. Die Taten filmte er und stellte sie ins Netz. Die durch die sexualisierte Gewalt körperlich und psychisch geschädigte Pelicot ging an die Öffentlichkeit, der Prozess fand weltweit Beachtung.
Die Geschichte der heute 74-Jährigen ist eine extreme, in ihren Grundzügen aber auch hierzulande keine seltene. Das wird bei der Fachtagung des Aktionsbündnisses „Kein Raum für Missbrauch“ im Kreis Böblingen am Donnerstag in Sindelfingen deutlich, bei der neben Polizei auch Weisser Ring, Landeskriminalamt, Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt, Thamar, sowie der Landkreis Böblingen vertreten waren.
Vermutlich die Hälfte der Täter kommt aus dem Umfeld
Dass Frauen beim Feiern von Unbekannten durch K.O.-Tropfen bewusstlos gemacht und teils auch vergewaltigt werden, ist nur ein Teil der Realität. Der andere, durchaus schmerzhafte, ist, dass viele dieser Taten von Personen aus dem sozialen Nahraum – von Ehemännern, Partnern, Vätern – begangen werden. Die Gleichstellungsbeauftragte des Kreises, Melitta Thies, betont daher: „Der Fall Pelicot klingt unglaublich. Das Ausspielen von Macht, die Herabwürdigung zu Objekten und die Gewalt sind aber keine Seltenheit.“ Vor einem interessierten Publikum in der Aula der Gottlieb-Daimler-Schule 2 unterstreicht Thies: „Nicht die Opfer sollen sich schämen, sondern die Täter.“
Wie schwierig es ist für Geschädigte, sedierende Medikamente oder den meist als „K.O.-Tropfen“ bekannten Stoff Gamma-Hydroxybuttersäure (GHB) zu bemerken, erklärt Hannes Pleyer, Toxikologe im Kriminaltechnischen Institut des Landeskriminalamts Baden-Württemberg. „GHB ist farblos, geruchlos und geschmacklos. Mit weniger als fünf Millilitern kann man einen 80-Kilogramm-Mann schlafen legen“, sagt Pleyer. Typische Symptome sind Benommenheit, Übelkeit, Erbrechen und später Erinnerungslücken.
Den Tod eines Menschen in Kauf nehmen
Wer mit solchen Stoffen hantiere, riskiere es, einen Menschen zu töten, betont der Toxikologe. Man könne nicht wissen, wie parallel wirkender Alkohol oder Medikamente auf den Körper wirken. „Wir kennen Fälle, in denen Menschen eine Überdosis verabreicht wurde und die daran gestorben sind“, erklärt Pleyer und verweist auf einen Fall aus 2013, bei dem ein sechsjähriges Mädchen von ihrem Onkel betäubt, vergewaltigt und gefilmt wurde. Das Kind starb durch die Gabe der selbst hergestellten Substanz.
Hannes Pleyer vom LKA Baden-Württemberg Foto: Stefanie Schlecht
Auch die Tatsache, dass GHB, auch bekannt als „Liquid Ectasy“, nur sechs Stunden im Blut und zwölf Stunden im Urin nachweisbar ist, spiele Tätern oft in die Karten. Sollte diese Zeitspanne verpasst werden, zum Beispiel weil eine Frau aufgrund ihres Zustands erst viele Stunden später Verdacht schöpft, könnte nur noch eine Haarprobe helfen.
Die Abgründe, mit denen die Polizei zu hat, sind kaum zu glauben
Fälle, in denen Frauen durch Substanzen bewusstlos gemacht werden, um sie zu vergewaltigen oder auszurauben, landen auch auf dem Tisch von Ivette Saile, Kommissarin bei der Kripo in Böblingen. Die Leiterin des Arbeitsbereichs Sexualdelikte sagt deutlich: „Auch im Kreis Böblingen müssen wir auf solche Taten gefasst sein. Sie passieren auch.“ Konkrete Zahlen über den immer illegalen Einsatz von K.O.-Mitteln gebe es keine. Auch werde keine exakte Statistik geführt, ob Täter hauptsächlich sexuelle oder räuberische Motive verfolgen. Die erfahrene Kripobeamtin glaubt aber, dass die meisten Männer bei Taten dieser Art einen sexuellen Hintergedanken haben.
Die Kripo-Beamtin Ivette Saile. Foto: Stefanie Schlecht
Die jahrelange Arbeit mit diesem Delikt lässt Saile bilanzieren: „Man kann nicht glauben, welche Abgründe im Verborgenen und im Nicht-Verborgenen herrschen. Für entsprechende Videos von Tätern muss man nicht ins Darknet. Sie sind verfügbar auf Pornoseiten und werden in Foren und Messengern geteilt. Es gibt ein richtiges Netzwerk aus Männern, die Täter feiern und die sich gegenseitig Tipps geben.“
„Es kann jeden treffen“
Ihre Kollegin vom Referat Prävention bei der Polizei, Ilona Gerstung, sagt ohne Umschweife: „Es kann jeden treffen: Kinder, Jugendliche, Erwachsene. Betroffene sagen gerade in Fällen, in denen sie von Vertrauenspersonen wie ihren Partnern sediert und sexuell missbraucht wurden, nicht selten: ‚Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass das passiert.’“ Um vor allem Frauen vor den Gefahren von K.O.-Mitteln, Medikamenten und Drogen zu schützen, führt die Polizei im gesamten Zuständigkeitsbereich, den Kreisen Böblingen und Ludwigsburg, Präventionsveranstaltungen durch. „Wir müssen auf dieses Thema aufmerksam machen und aufklären über Symptome“, sagt Gerstung.
Ilona Gerstung vom Präventionsreferat der Polizei Foto: Stefanie Schlecht
Beratung im Kreis Böblingen in diesem Bereich bieten vor allem die Opferschutzorganisation Weisser Ring und die Beratungsstelle Thamar an.
K.O.-Tropfen
Delikt Medikamente und Drogen werden verabreicht, um Menschen, meist Frauen handlungsunfähig und bewusstlos zu machen. Dahinter können sexuelle oder räuberische Absichten stecken.
Hilfe Informationen, Beratung und Hilfe bieten im Landkreis Böblingen die Polizei, der Weisse Ring und Thamar. Bei vollendeten Taten können auch gynäkologische Abteilungen von Kliniken helfen.