Seit 26 Jahren vergibt der Köngener Geschichts- und Kulturverein den Daniel Pfisterer-Preis. Er erinnert an Daniel Pfisterer, der von 1699 bis 1728 Pfarrer in Köngen war. Mit Gerhard Zaiser ist in der proppenvollen Köngener Zehntscheuer nun erstmals ein leidenschaftlicher Naturschützer der ersten Stunde ausgezeichnet worden. Zahlreiche ehemalige Preisträger wie Köngens Altbürgermeister Hans Weil, Musiker Jörg Dobmeier oder Jens Nüßle und Stephan Hänlein von der Theaterspinnerei Frickenhausen sowie Ehrengäste wie Landtagsabgeordnete Natalie Pfau-Weller und Bürgermeister Ronald Scholz (Köngen) nahmen teil.
Ohne das Engagement von Gerhard Zaiser und seiner Mitstreiter sähe die Gemarkung Köngens heute anders aus, würdigte Hans Weil die Verdienste des Preisträgers, den er in seiner Laudatio als „ökologisches Gewissen“ der Kommune bezeichnete. Eine Diskussion über den Preisträger 2026 gab es im Vorstand des Köngener Geschichts- und Kulturvereins nicht. „Für den Vorschlag Gerhard Zaiser gab es sofort hundertprozentige Zustimmung“, sagte die Vorsitzende Sonja Spohn. Auch sie würdigte in ihrem Grußwort die beachtliche Leistung des Köngener Urgesteins – die Wurzeln der Familie Zaiser reichen in Köngen bis ins 16. Jahrhundert: „Gerhard Zaiser hat sich schon zu einer Zeit für den Naturschutz eingesetzt, als selbiger noch überhaupt kein Thema war – und sah sich anfangs auch heftigen Widerständen ausgesetzt.“
Vogelschutz in Köngen
Die Freude beim Preisträger war groß: „Obwohl ich überhaupt nicht damit gerechnet habe. Aber eigentlich liegt es nahe – auch Daniel Pfisterer hat sich mit ähnlichen Themen wie ich beschäftigt.“ Wie der alte Pfarrer war auch Zaiser, Jahrgang 1936, der Natur von klein auf verbunden – vor allem die Vogelwelt hatte es ihm angetan: „Bereits als kleiner Bub habe ich viele Vogelstimmen bestimmen können.“ 1964 gründete er zusammen mit sechs Mitstreitern die Köngener Ortsgruppe des Deutschen Bunds für Vogelschutz (DBV), aus dem später der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) – bis heute der mitgliederstärkste Umweltverband in Deutschland – hervorging.
„Wir wollten mehr tun – und haben gesehen, dass ein Bedarf da war.“
Gerhard Zaiser über sein Engagement
„Wir waren früh auf der ökologischen Schiene unterwegs“, erinnerte sich der heute 89-Jährige. Die reine Winterfütterung von Wildvögeln und das Aufhängen von künstlichen Nistplätzen wie damals üblich sei ihnen viel zu wenig gewesen: „Das konnte nicht die Basis sein – wir haben uns von Anfang an intensiv für die Schaffung von Lebensräumen für Tiere und Pflanzen eingesetzt. Wir wollten mehr tun – und haben gesehen, dass ein Bedarf da war.“ Mehr tun, hieß etwa über gezielte Pflanzaktionen sogenannte Trittsteine in der Natur zu schaffen, damit sich Tiere und Pflanzen wieder ansiedeln konnten. Oder durch das Anlegen von Feuchtbiotopen wichtige Hotspots der Artenvielfalt für Amphibien, Insekten und Vögel zu schaffen – die obendrein das Mikroklima verbessern, besonders wichtig in Zeiten des Klimawandels, wie man heute weiß.
Ein autodidaktischer Naturschützer
Das Fachwissen kann man heute an Universitäten und Fachhochschulen studieren, der Köngener Handwerker Zaiser hat sich sein Wissen indes selbst angeeignet – mangels Internet anfangs über Fachliteratur oder in Gesprächen mit Experten. Auch auf Öffentlichkeitsarbeit wurde schon früh Wert gelegt: Unter Zaisers Ägide – 25 Jahre als Nabu-Vorsitzender und 20 Jahre als Ausschussmitglied – organisierte die Köngener Ortsgruppe schon früh Ausstellungen, Führungen oder Exkursionen um die Bevölkerung zu sensibilisieren. Das Interesse an Umwelt und Natur stieß in Köngen indes anfangs nicht auf breite Zustimmung. „Der Widerstand war heftig, die Einsicht über die Notwendig- und Sinnhaftigkeit gering“, bestätigte Köngens Alt-Bürgermeister Weil.
Zaiser und Co. schafften es dennoch, ihre Themen nicht nur zu vermitteln, sondern auch eine Ökoverbundplanung in die Wege zu leiten. „Köngen war die allererste Gemeinde im Kreis, die sich damit beschäftigte“, ist Zaiser, der von 1975 bis 1998 dem Köngener Gemeinderat angehörte, heute noch stolz. Auch an der Ausweisung der Wernauer Baggerseen zum Naturschutzgebiet im Frühsommer 1981 war die Köngener Ortsgruppe zusammen mit Nabu-Gruppen aus Wernau, Denkendorf und Nürtingen maßgeblich beteiligt: „Das war eine Riesenaufgabe, die Leute zu überzeugen – als das durch war, haben wir bei der ersten Hinweistafel erst mal eine Flasche Sekt aufgemacht“, erinnerte sich Zaiser.
Damit aber nicht genug – auch in der Jugendarbeit der evangelischen Kirche sowie im Posaunenchor hat Zaiser über viele Jahre aktiv mitgewirkt. „Mit der Auszeichnung von Gerhard Zaiser zeigt der Geschichts- und Kulturverein, dass ihm der Blick auf Menschen wichtig ist, die im Sinne von Daniel Pfisterer leben und handeln, die sich für das Wohl der Allgemeinheit besonders engagieren. Menschen, ohne die unsere Gesellschaft deutlich an Lebensqualität verlieren würde“, zollte Weil dem großen ehrenamtlichen Engagement des Preisträgers 2026 Respekt.
Wer war Daniel Pfisterer?
Leben
Magister Daniel Pfisterer war von 1699 bis 1728 Pfarrer in Köngen. Kurz vor seinem Tod vollendete er im September 1727 sein Bilder- und Gedichtbuch „Barockes Welttheater“ - ein buntes Sammelsurium von „Menschen, Tieren, Blumen, Gewächsen und allerlei Einfällen“ wie es im Untertitel heißt.
Ausnahmestellung
Einzigartig macht Pfisterers Werk, dass er sich mit kritischem, oft ironischem Blick dem Alltag der kleinen Leute widmete. Er zeichnete und kommentierte, was ihn beschäftigte und bewegte – seien es Pflanzen, Tiere, Gebäude, seine Kirche, Werkzeuge, Kleider, Szenen aus dem dörflichen Leben, von Bauern und Bürgern, von Kranken und Ausgestoßenen.
Veröffentlichung
Fast 280 Jahre blieb Pfisterers Werk unveröffentlicht, erst 1996 erschien das Buch als originalgetreuer Nachdruck, Herausgeber ist neben dem Württembergischen Landesmuseum der Köngener Geschichts- und Kulturverein. Von der Fachwelt wird das Werk bis heute gefeiert – denn Pfisterer überliefert in einzigartiger Weise das Leben der einfachen Menschen im Barock.
Vertonung
Im Rahmen der Preisverleihung gab es einen besonderen musikalischen Höhepunkt: Jörg Dobmeier, der ehemalige Leiter der Musikschule Köngen/Wendlingen und Pfistererpreisträger von 2004, hat die einige Texte des knitzen Pfarrers mit viel Liebe fürs Detail vertont und präsentierte sie zusammen mit der Sopranistin Lena Reineke als Welturaufführung in der Zehntscheuer. (kd)