30 Jahre 0711 Wo sie wurden, was sie sind
30 Jahre 0711 Club: Am Samstag wird auf dem Schlossplatz das Jubiläum groß gefeiert. Eine kleine Geschichtsstunde aus dem Archiv.
30 Jahre 0711 Club: Am Samstag wird auf dem Schlossplatz das Jubiläum groß gefeiert. Eine kleine Geschichtsstunde aus dem Archiv.
Im Stadtmagazin Prinz war im Sommer 1994 eine Faxseite abgedruckt. Die Absender waren Philippe Kayser, Max Herre, Ju und Wasi von den Massiven Tönen: „San Francisco kälter als Stuttgart“, stand darauf. Es war eine Art Schüleraustausch für Hip-Hopper. Möglich gemacht hat die Reise das Cumulus-Kulturbüro mit Sibylle Rau-Pfeiffer und Thomas Koch, der damals beim Amerikahaus arbeitete und heute Kommunikationssprecher bei der Stuttgarter Oper ist. Jahre später stellen die Hip-Hopper noch fest, wie wichtig diese Reise war. Die Geschichte der Kolchose ist eine von vielen glücklichen Zufällen, kreativen Köpfen und schwäbischen Schaffern. Wie viel Prozent was wiegt, weiß niemand so genau. Beziehungsweise würde heute, 25 Jahre später, jeder anders auslegen.
Sibylle Rau-Pfeiffer erinnert sich noch gut, wie es zu der Idee kam, die Gruppe Eco Rap aus San Francisco, die 1993 bei der Internationalen Gartenausstellung in Stuttgart mit von der Partie war, mit der lokalen Szene zusammen zu bringen. Und wie es dann zum einem Jam im Hof vom Jugendhaus Mitte kam und dann eben zum Austausch. „Das war ein großes Ding. Wir sind da nicht einfach hingeflogen, um Kultur zu genießen. Die Voraussetzung war, dass man sich engagieren und präsentieren musste“, so Rau-Pfeiffer. Während der dreiwöchigen Begegnung standen in Stuttgart und San Francisco zahlreiche Workshops in Sachen Graffiti und Lyrik, sowie Liveperformances und Medienauftritte auf dem Programm. Ein Höhepunkt in Stuttgart war ein Open-Air auf dem Schillerplatz. „Die Kolchose war ein recht lockerer Haufen. Aber für das Projekt mussten sie sich formieren“, so Rau-Pfeiffer. Und sie hatte schon damals das Gefühl bei den Jungs: „Das könnte etwas Besonderes werden mit Kolchose. Ich hatte den Eindruck, dass sie sich gegenseitig beflügeln. Das war bereits spürbar, dass das nicht nur ein Hobby war.“ Sie sollte Recht behalten, wenn man an die Erfolge von Freundeskreis, Massive Töne und Afrob denkt.
Schon früh gab es für das Stuttgarter Kollektiv aus Rappern, Sprayern und Breakdancern den Begriff der Kolchose, 1992 wurde sie gegründet. Es ging von Anfang an um die Gemeinschaft, darum, gemeinsam etwas zu schaffen. Wovon dann auch Einzelkünstler und Bands, die Freundeskreis, Massive Töne, Afrob oder Die Krähen hießen, profitierten. Die Breaker, Sprayer und Rapper orientierten sich von Beginn an Amerika, schafften es die amerikanische HipHop-Kultur nicht zu kopieren, sondern sich eine schwäbische, eigene Identität zu schaffen. Das war real und authentisch, um dieses schlimme Wort zu missbrauchen. Es war 1996, als der erste Stuttgart-Song von den Massiven Tönen veröffentlicht wurde. „Eins für den Rap, zwei für die Bewegung, von klein auf geprägt durch die Umgebung. Es ist nicht, wo du bist, es ist, was du machst. Herzlich willkommen in der Mutterstadt.“ Das Lied „Mutterstadt“ wurde zur Hymne eines Lokalpatriotismus, der nicht auf dem Fernsehturm gründete, sondern auf ihrer ganz eigenen Lebensrealität zwischen Soundshop, Radio-Barth und 0711-Club.
1997 blickte ganz Rapper-Deutschland nach Stuttgart. Die Kolchose war auf Tour. Das Abschlusskonzert musste auf Grund der großen Nachfrage von der alten Expressguthalle im Hauptbahnhof ins Congresscentrum B auf den Killesberg verlegt werden. Dabei waren Skills en Masse und Deine Quelle, in den Pausen gab es Musik von den DJs Friction, Emilio und Hank, Breakdance von den Southside Rockers, Headliner waren die Massiven Töne und natürlich Freundeskreis. Gefeiert wurde anschließend im Club Prag, am Pragsattel gelegen.
Jan Delay von den Beginnern in Hamburg erklärt 2016 im Interview mit dieser Zeitung: „Die Leute aus Stuttgart waren so alt wie wir, haben aber Dinge gestemmt, von denen wir nicht zu träumen wagten. Die hatten den ersten krassen Hip-Hop-Club, die haben ein eigenes Label gegründet, die hatten Bands wie Freundeskreis oder Massive Töne. Die Stuttgarter haben Hamburg vorgemacht, wie es gehen kann. Wir waren mit denen befreundet, haben aber schon immer ein bisschen neidisch geschaut. „Kopfnicker“ von den Massiven Tönen erschien schon 1996. Da waren wir noch weit weg von allem.“
Was sich aus der Kolchose heraus entwickelte, war ein Netzwerk, das sich gegenseitig unterstützte. Die Aktivisten treffen sich im Jugendhaus Mitte und im Jugendhaus West. Ihre Zentrale soll später das 0711-Büro im ehemaligen Radio-Barth-Gebäude werden, das damals von Johannes „Strachi“ von Strachwitz und Jean-Christoph Ritter, genannt Schowi und Rapper bei den Massiven Tönen, aus der Taufe gehoben wurde. Sie machen Veranstaltungen und gründen nach der Schließung des Clubs Red Dog den legendären 0711-Club. Und genau jene Vorwahl, die von der Firma Bonn als Logo auf T-Shirts gedruckt wurde, stand auf einmal für so etwas wie ein Lebensgefühl.
Nicht unerwähnt bleiben, dürfen natürlich in der Stuttgarter Hip-Hop-Geschichte die Fantastischen Vier. Von deren Erfolg und Verständnis von Rapmusik sich die Kolchose zu Beginn distanzierte. Als die Fantas die Plattenfirma Four Music im Medienhaus Heslach gründeten, nahmen sie auch Künstler aus dem Schoß der Kolchose unter Vertrag wie etwa Freundeskreis und Afrob. Dann wurden auch die Fantas zu einem Teil des großen Ganzen.
2000 fanden die ersten Hip-Hop Open auf dem Stuttgarter Pragsattel statt. Die Absoluten Beginner, die FK Allstars, Massive Töne und auch die Fünf Sterne Deluxe traten auf. In den folgenden Jahren kamen Stars wir LL Cool J, Afrob, Gentleman, Snoop Dogg und Cypress Hill auf die Waldau und fortan ins Reitstadion beim Cannstatter Wasen. Einen Ausflug nach Mannheim gab es auch. Doch 2015 war Schluss, auf Grund der stetig steigenden Kosten.
Max Herre beschreibt in seinem Lied „1ste Liebe“, das 2004 veröffentlicht wurde, ganz gut, wie es war, in Stuttgart aufzuwachsen, aber auch welche Hassliebe ihn mit der Stadt verband: „Ich mag deinen Anblick, dass du viele Sprachen sprichst, dass du sowohl High-Class als auch Straße bist.“ Aber auch: „Klar gab es auch eine Zeit, da waren wir nicht mehr tight. Sie wollt‘ mich kontrollieren in ihrem Wahn aus Sicherheit.“
Zur Person Die Redakteurin Anja Wasserbäch hat das erste Interview mit Kolchose-Mitgliedern im März 1997 geführt. Sie hat noch einen Zettel mit den Festnetz-Telefonnummern der Akteure, um sich damals mit den Rappern in der Röhre zum Interview zu verabreden. Dort traten an dem Abend Maximillian und sein Freundeskreis, Die Krähen, Massive Töne und der Tobi und das Bo aus Hamburg auf. Ein halbes Jahr später spielte die Kolchose schon im ausverkauften Congresscentrum B.