Für viele Eltern bricht eine Welt zusammen, wenn ihr Kind keine Gymnasialempfehlung bekommt. Unsere Autorin kann das nachvollziehen – und findet es trotzdem falsch.

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

In diesen Tagen müssen Eltern von Viertklässlern zusammen mit ihren Kindern überlegen, auf welcher Schule es für ihr Kind weitergehen soll. Ich bin froh, dass diese Entscheidung bereits hinter mir liegt und dass sich meine Töchter an ihrer nicht mehr ganz so neuen Schule rundum wohlfühlen. Und ja, ich bin froh, dass es in unserem Fall keine Frage war, ob sie aufs Gymnasium gehen oder nicht.

 

Doch dieses Gefühl macht mich nicht glücklich. Im Gegenteil, ich erschrecke vor mir selbst. Warum ist es mir als Mutter so wichtig, dass die Kinder aufs Gymnasium gehen? Habe ich denn nicht schon oft und aus tiefster Überzeugung in der Zeitung darüber geschrieben, dass viele Wege in eine erfolgreiche berufliche Zukunft führen, und darüber, dass ein Abitur auch auf Umwegen möglich ist? Habe ich nicht erlebt, wie Handwerker für ihren Beruf brennen und damit oft mehr Geld verdienen als ich, die studierte Geisteswissenschaftlerin? Habe ich nicht schon viele Menschen getroffen, die nicht an der Uni waren und dennoch hochintelligent sind und auf sehr vielen Gebieten viel mehr wissen als ich? Kann ich mir nicht vorstellen, wie schlimm es für ein Kind sein muss, wenn es am Gymnasium überfordert ist, wenn es nur noch Lernen und Schule in seinem Leben gibt, und wenn es am Ende vielleicht trotzdem das Abitur nicht schafft und auf eine andere Schule wechselt?

Warum ist es auch mir als Mutter so wichtig, dass meine Kinder Abitur machen? Foto: dpa/Martin Schutt

Ich muss jede dieser mir selbst gestellten Fragen mit Ja beantworten. Und dennoch hätte es mir einen Stich versetzt, wenn die Grundschullehrerin meiner Töchter damals vom Gymnasium abgeraten hätte. Ich hätte mich unweigerlich gefragt, ob ich was falsch gemacht habe, ob ich meine Kinder vielleicht nicht genug unterstützt habe. Und ich hätte mich gefragt, wie jetzt wohl Verwandte und Bekannte reagieren. Würden sie meine Töchter für dumm halten? Ist es nicht lächerlich, wie wichtig mir die Meinung anderer Leute ist?

Manchmal komme ich mir ein bisschen scheinheilig vor

In diesen Tagen und Wochen höre ich in meinem Umfeld wieder, das es vielen Müttern (ja, es sind meistens die Mütter, die sich solche Gedanken machen) genauso geht, wie es mir damals wohl gegangen wäre. Dann versuche ich sie aufzubauen, sie davon zu überzeugen, dass die Anmeldung an einer anderen Schule als dem Gymnasium in keiner Weise bedeutet, dass das Kind nichts kann. Aber ich komme mir ein bisschen scheinheilig dabei vor. Eben weil ich die Vermutung habe, dass auch ich damit gehadert hätte.

Ich glaube, dass es an der Zeit ist, die Bildungsbürgertum-Eltern in diesem Land aufzurütteln. Und ich möchte bei mir selbst anfangen. Ein Rektor hat damals auf einem Infoabend für Viertklässler zu mir gesagt, man dürfe die Fähigkeiten von Kindern nicht vertikal begreifen, sie in höherwertig und niederwertig einteilen. Vielmehr müssen man die Fähigkeiten von Kindern horizontal begreifen, also als gleichberechtigt und gleichwertig nebeneinander stehend. Diese Aussage ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Und ich wünsche mir, dass Mütter und Väter im Allgemeinen, aber ich im Besonderen, auch danach handeln.

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Alexandra Kratz hat zwei Töchter, die mitten in der Pubertät stecken. Allzu oft erkennt sie sich dabei in ihren eigenen Kindern wieder.