Meine große Schwester hatte eine Schallplatte, die sie rauf- und runterhörte. Ich verstand als Kind nicht, was „intellektuell“ und „destruktiv“ bedeutete, aber es klang faszinierend, und diese Annabelle, die der Liedermacher Reinhard Mey da besang, hätte ich wahnsinnig gerne kennen gelernt. Leider war die Wahrscheinlichkeit, in meinem schwäbisch-pietistischen Umfeld so einer aufregenden, verruchten Person zu begegnen, die einen dazu verführte, sich nicht mehr die Zähne zu putzen, ziemlich gering.
Die zweite Frau, die bei Mey auftauchte, war seine französische Ehefrau Christine. Er widmete ihr unter seinem Pseudonym Reinhard Frédéric Mey ein wunderschönes französisches Chanson. Christine schickte aber auch ein Telegramm, „Ankomme Freitag den 13., um 14 Uhr Christine.“ Es machte überhaupt nichts, dass ich schon zu Beginn des Liedes mit dem gleichen Titel die Pointe kannte, nämlich, dass es nicht der vermeintliche Unglückstag, sondern tatsächlich erst der Donnerstag davor war. Jedes Mal folgte ich von neuem atemlos den zahllosen Missgeschicken, die den Protagonisten ereilten. Bis heute fällt mir bei jedem kostenlosen Buffet, bei dem Menschen hochkonzentriert völlig überladene Teller an mir vorbeibalancieren, das Lied „Die heiße Schlacht am kalten Buffet“ ein. Und natürlich kommt in jedem englischen Fernsehkrimi nur der Gärtner als Mörder in Frage.
Trump und das „Narrenschiff“
Ja, der mittlerweile 81-jährige, immer noch produktive Barde begleitet mich und sicher viele Menschen schon mein ganzes Leben lang mit seinen witzigen, klugen und auch zeitlosen Texten. Telegramme mögen etwas aus der Mode gekommen sein, und in Zeiten von Billigairlines ist Fliegen längst kein Ausdruck mehr von Sehnsucht und Freiheit, aber manche Lieder drängen sich einem geradezu auf in ihrer Aktualität.
Schon 1986 nahm Reinhard Mey mit „Nein, meine Söhne geb ich nicht“ engagiert Stellung dazu, dass er nicht willens sei, seine Söhne als Kanonenfutter in einen Krieg zu schicken. Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine wurde dieser Song auf YouTube millionenfach abgerufen und bei Friedensdemos gesungen.
Wenn ich aber das beste Lied von Reinhard Mey wählen müsste, dann wäre es zweifellos das „Narrenschiff“. Ich kenne keinen vergleichbaren modernen Liedtext in deutscher Sprache. Mit einer Wortgewalt, die das gleichnamige Gemälde von Hieronymus Bosch, das vermutlich als Vorlage diente, geradezu als harmlos erscheinen lässt, packt Reinhard Mey Laster wie Korruption, Gier, Eitelkeit und Selbstverliebtheit in die Ballade eines untergehenden Schiffes, seiner unfähigen Mannschaft und seinem betrunkenen Kapitän. Angesichts der drohenden Wiederwahl Donald Trumps wird dieses sprachliche Meisterwerk leider seine traurige Aktualität behalten: „Klabautermann führt das Narrenschiff – volle Fahrt voraus und Kurs aufs Riff...“.