Kongress zu Geburt und Familie Frau aus Löchgau bietet Reichsbürgern und Verschwörungstheoretikern eine Bühne

Orientierung für werdende Eltern verspricht ein Kongress, den eine Frau aus Löchgau organsiert (Symbolbild). Foto: IMAGO/Westend61

Eine Frau aus dem Kreis Ludwigsburg organisiert einen Online-Kongress zu den Themen Geburt und Familie. Die Liste der Redner wirft Fragen auf.

Unter dem Deckmantel von Geburt und Elternschaft wird von diesem Dienstag an online Reichsbürgern und Verschwörungstheoretikern eine Bühne gegeben. Organisiert wird der Kongress, der den Titel „Liebe, Geburt & Eltern sein der neuen Zeit“ trägt, von einer Frau aus Löchgau. Angekündigt werden „40+ Top Speaker:innen & Live-Events“, das alles sei „100 % kostenlos“, heißt es. Dabei offenbart sich, dass Esoterik und rechte Ideen nach wie vor zueinander finden. Für Laien dürfte das nicht auf den ersten Blick ersichtlich sein.

 

Auf dem Programm stehen unter anderem Themen wie „Generationenheilung und Familienkultur im Wandel“, „Bewusstseinsentwicklung und inneres Erwachen“ aber auch „Weiblichkeit und Körperweisheit“. In diesem Rahmen darf unter anderem Raik Garve, der als „Gesundheitslehrer und Bindungs-Experte“ vorgestellt wird zum Thema „Bindung als Fundament“ sprechen. Garve bekennt sich offen zum „Königreich Deutschland“ (KDR). Der bundesweit tätige Verein wurde im vergangenen Jahr verboten, er war eine der mitgliederstärksten und aktivsten Gruppierungen im Milieu der Reichsbürger und sogenannten Selbstverwalter. Ziel der Gruppe sei es gewesen, das System der Bundesrepublik Deutschland durch ihr eigenes zu ersetzen, teilte die Bundesanwaltschaft damals mit.

Rechtsesoterische Szene

Dass er seine „Bildungsakademie“ innerhalb des KDR gegründet habe, begründet Garve unter anderem damit, dass die „Zeit mittlerweile mehr als reif ist für einen grundlegenden Wandel“. In diesem Zusammenhang schreibt er von gesellschaftlichen Problemen, die es zu bekämpfen gelte. Unter anderem hat Garve „eine gestörte Mann-Frau-Beziehung, eine blinde Autoritätenhörigkeit, Gesundheits-Analphabetismus, die Abgabe von Eigenverantwortung, ein völlig veraltetes Schul- und Bildungssystem, welches Kinder zu Systemsklaven abrichtet und ein beschränktes Welt- und Menschenbild“ ausgemacht.

Michael Butter von der Universität Tübingen forscht unter anderem zu Verschwörungsmythen. Inhalte wie die, die auf dem Kongress dargeboten werden, würden verfangen, weil „viele (potenzielle) Eltern natürlich tendenziell empfänglich sind für alternative Erklärungen zu Empfängnis, Geburt und Elternschaft, weil sie oft unsicher oder unzufrieden mit der etablierten Medizin sind“, sagt der Wissenschaftler. „Bei Rechten spielen diese Themen eine Rolle, weil man so einerseits das Themenspektrum erweitern und attraktiver werden kann, andererseits weil es eine Affinität zu alternativen Wissensbeständen gibt.“ Gesellschaftliche Gefahren gingen von der Veranstaltung eher nicht aus, so Butter. Diese liegen seiner Einschätzung nach „eher im persönlichen Bereich, weil man sich nicht an medizinischem Fachwissen und Expertise orientiert“.

Garve soll auf anderen Veranstaltungen auch schon Verschwörungstheorien mit Bezug zu QAnon verbreitet haben. Bei „QAnon“ handelt es sich um eine Subkultur im Netz, die laut Verfassungsschutz „breit gestreut auf unterschiedlichen Plattformen Verschwörungserzählungen mit Bezügen zum Antisemitismus und zum Rechtsextremismus verbreitet“. Im Kern geht es um eine „pädophile Elite“ aus Politik, Wirtschaft und Medien, die in industriellem Ausmaß Kinder ermordet und mit Hilfe von „Kontrolltechnologien“ eine weltweite Diktatur errichtet.

Krude Verschwörungstheorien beim „Wahrheitskongress“

Derlei Theorien verkündete Garve unter anderem auf dem „Wahrheitskongress“, der von Steffen Padberg organisiert wird. Auch Padberg ist beim Onlinekongress in dieser Woche dabei. Bei der ersten Auflage seiner eigenen Veranstaltung trat auch das selbst ernannte Staatsoberhaupt des Königreich Deutschlands, Peter Fitzek, als „Experte“ auf. Fitzek wurde im vergangenen Jahr im Zuge einer bundesweiten Razzia festgenommen. Die Verbindungen Padbergs in die Reichsbürger-Szene sind also offensichtlich.

Der wohl bekannteste Name auf dem Kongress ist Ricardo Leppe. Der Österreicher gilt mit seinem Verein „Wissen schafft Freiheit“ als ein Knotenpunkt in der rechtsesoterischen und verschwörungsideologischen Szene. Leppe ist „Anhänger der antisemitischen, völkischen und rechtsesoterischen Anastasia-Lehre und bewirbt in diesem Zusammenhang die autoritär-alternative Schetinin-Schule“, heißt es in einem Beitrag für die Amadeu-Antonio-Stiftung. Anhänger der Bewegung orientieren sich an der gleichnamigen Protagonistin einer Buchreihe des russischen Autors Wladimir Megre. Ein „ursprüngliches“ und „göttliches“ Leben wird darin der Demokratie gegenübergestellt. Über die Romane hinweg spinnt Megre eine antisemitische Erzählung über eine angebliche „jüdische Weltverschwörung“. Seit Juni 2023 wird die Bewegung vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall eingestuft. Darüber hinaus vertrete Leppe „gefährliche pseudomedizinische und in Teilen antisemitische Germanische Neue Medizin“, heißt es in dem Beitrag.

„Mache mich ja nicht strafbar“

Fragen zu der Rednerliste will die Organisatorin nur bedingt beantworten. Die Auswahl sei „bewusst“ getroffen worden, aber „mit irgendwelchen Reichsbürgern hat das nichts zu tun“, sagt sie am Telefon auf Nachfrage unserer Zeitung: „Ich rede mit diesen Personen als Väter und Mütter.“ Weitere Fragen zu den Rednerinnen und Rednern oder ihrer Person will sie nicht beantworten. Auf ihrer Internetseite schreibt die Frau, dass sie mit rund 5000 Teilnehmern rechne. Einige von ihnen dürften für die Veranstaltung auch Geld bezahlen. Denn die Interviews und Beiträge kann man im Nachhinein nur anschauen, wenn man ein „Kongresspaket“ kauft. Kosten: bis zu 79 Euro.

Den Kongress organisiere sie, weil sie gespürt habe, „dass die Strukturen, die uns tragen sollten, oft weder unsere Gesundheit noch die heilige Zeit von Schwangerschaft, Geburt und Familie schützen“, heißt es auf der Webseite. Offenbar war die Frau zuvor auch schon als Goldschmiedin tätig, inzwischen bietet sie Yoga- und Geburtsvorbereitungskurse an.

Michael Butter bezeichnet die Veranstaltung als „esoterischen Unsinn, aber was wäre denn die Alternative?“, sagt er. „Verbieten kann und sollte man solche Kongresse auf keinen Fall. Das wäre das Ende der freien Gesellschaft.“ Diesen Standpunkt vertritt auch die Organisatorin. „Ich mache mich ja nicht strafbar“, sagt sie.

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