Konzert auf dem Wasen Ein kleines bisschen Monstershow: So war’s bei Iron Maiden in Stuttgart

Iron Maiden mit ihrem Bandmaskottchen Eddie am Samstagabend in Stuttgart Foto: Ferdinando Iannone

Die Heavy-Metal-Legende lebt: Iron Maiden sind am Samstagabend in Stuttgart aufgetreten: Bilder, Setlist und Kritik vom Auftritt vor 45.000 Fans auf dem Cannstatter Wasen.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Das ist kein Rockkonzert. Das ist großes Weltentheater – und ein kleines bisschen Monstershow: ein Spektakulum mit viel Bühnengrollen, mit Blitz und Donner und Feuer und Schwefel, das die großen Fragen der Menschheit verhandelt – und immer ganz nah dran ist am Weltuntergang. Zwischen all den mehrstimmigen Gitarrenlicks und furiosen Soli, den fiesen Rhythmuswechseln und der Lust am Brachialen geht es um Schuld und Sühne, Tod und Teufel, Vergebung und Verdamnis. Und mittendrin ein zombieartiges Wesen namens Eddie, das mal als axtschwingendes Monster, die Musiker bedroht, mal als trotzig-untoter Soldat mit Säbel, Musiker und Publikum herausfordert.

 

Zweistündige Show von Iron Maiden in Stuttgart

Die Band Iron Maiden hat in ihre „Run For Your Lives“-Tour all das gepackt, was diese britische Heavy-Metal-Legende ausmacht. 45.000 Fans feiern am Samstagabend auf dem Cannstatter Wasen euphorisch die zweistündige Show – und bleiben sogar vom Regen verschont. „Wir haben ein ernstes Wort mit dem Regenverantwortlichen gewechselt“, behauptet Sänger Bruce Dickinson, „und wir haben ihm gesagt, dass er sofort damit aufhören soll.“

Iron Maiden in Stuttgart: 45.000 Fans feiern am Samstagabend auf dem Cannstatter Wasen. Foto: Ferdinando Iannone

Und Dickinson, der bei Iron Maiden singt, seit der erste Sänger Paul Di’Anno 1981 die Band verlassen musste, ist einer, mit dem man sich besser nicht anlegt. Selbst das Monster Eddie kuscht am Ende vor ihm, als er es bei den Songs „Killers“ und „The Trooper“ mit ihm zu tun bekommt. Dickinson ist in dieser Konzertshow der große Zampano, der, wenn’s passt, fürchterlich kreischen kann, meistens aber einfach mit seiner kraftvollen tiefen Tenorstimme beeindruckt. Er singt die Lieder aber nicht nur. Er spielt sie. Er ist der Hauptdarsteller, der oft tragische Held in den Theaterstücken, zu denen die Liversionen von Songepen wie „Rime of the Ancient Mariner“, „Seventh Son of a Seventh Son“ oder „Hallowed Be Thy Name“ letztlich werden. Er wird mal zu einem Gespenst, tritt mal mit einer rituellen ägyptischen Maske auf, kommt mal im Käfig, mal in einer Uniform auf die Bühne, schwenkt erst die britische und dann die deutsche Flagge. Und er zieht sich (zumindest obenrum) während der Show häufiger um als Taylor Swift.

Iron Maiden feiern in Stuttgart 50. Geburtstag

Bassist Steve Harris hat die Band im Dezember 1975 gegründet. Mit der „Run For Your Lives“-Tour feiern Iron Maiden, die inzwischen 17 Studioalben veröffentlicht haben, ihren 50. Geburtstag. Und auch wenn Harris (69), das einzige verbliebende Gründungsmitglied ist, das hier in Stuttgart auf der Bühne steht, fühlt sich das Konzert so an, als ob man hier und heute dabei zuschauen darf, wie eines der wichtigsten Kapitel der Heavy-Metal-Geschichte als spektakuläre Retrospektive inszeniert wird.

„Wir haben uns für heute viel vorgenommen“, verspricht Dickinson (66). Und er hält an diesem Abend Wort. Zusammen mit den Gitarristen Dave Murray (68), Adrian Smith (68) und Janick Gers (68) und dem Schlagzeuger Simon Dawson, der seit Ende letzten Jahres den erkrankten Nicko McBrain ersetzt, bekommen die Fans Songs aus allen Schaffensphasen Iron Maidens zu hören.

Iron Maiden: Von „Run to the Hills“ über „Phantom of the Opera“ bis „The Trooper“

17 Songs haben Iron Maiden im Programm. Und immerhin fünf stammen aus der Zeit, in der Dickinson noch gar nicht Mitglied war. Durch Stücke wie die Edgar-Allan-Poe-Hommage „Murders in the Rue Morgue“ aus dem Jahr 1981, mit der die Band das Konzert eröffnet, oder „Iron Maiden“ aus dem Jahr 1980, das letzte Lied vor den Zugaben, schimmert zwischen den martialischen Riffs und Licks noch ein bisschen der Punk hervor, dessen rebellische Rotzigkeit Iron Maidens Frühwerk mindestens genauso geprägt hat wie Thin Lizzys mehrstimmige melodische Gitarrenparts.

Neben grandiosen Riffmonstern wie „2 Minutes to Midnight“ und „The Trooper“ gibt es am Samstagabend in Stuttgart Metalhymnen wie „Run to the Hills“ oder auch „The Number of the Beast“ zu hören, bei dem auf der Videoleinwand ein verstörend düsterer Film zu sehen ist, der sich vor dem deutschen Expressionismus verneigt. Es sind dann aber doch die mit dem Progrock und dem Musiktheater flirtenden Miniopern Iron Maidens, denen bei der Show der meiste Platz eingeräumt wird. Zu diesen zählt auch die irrwitzige Metalsuite „Phantom of the Opera“ vom Debütalbum der Band, die immer wieder wunderbar eigentümlich das Tempo wechselt und neue musikalische Wendungen ausprobiert und schon 1980 vorführte, wie großartig diese Band ist. Und dies immer noch tut. Ganz großes Weltentheater!

Iron Maiden „Run For Your Lives“: Setlist in Stuttgart

  • Murders in the Rue Morgue
  • Wrathchild
  • Killers
  • Phantom of the Opera
  • The Number of the Beast
  • The Clairvoyant
  • Powerslave
  • 2 Minutes to Midnight
  • Rime of the Ancient Mariner
  • Run to the Hills
  • Seventh Son of a Seventh Son
  • The Trooper
  • Hallowed Be Thy Name
  • Iron Maiden
  • Zugaben
  • Aces High
  • Fear of the Dark
  • Wasted Years

Wie immer bei Auftritten von Iron Maiden, wurde auch in Stuttgart vorab „Doctor Doctor“ von UFO vom Band abgespielt, und nach der letzten Zugabe tönte der Monty-Python-Song „Always Look On The Bright Side Of Life“ aus den Boxen, während sich das Publikum um 22:30 Uhr auf den Weg nach Hause machte.

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