Konzert der Stuttgarter Philharmoniker Musik mit Gänsehautfaktor
Die Stuttgarter Philharmoniker spielen in der Leitung von Erina Yashima im Beethovensaal Weill, Poulenc und Mozart.
Die Stuttgarter Philharmoniker spielen in der Leitung von Erina Yashima im Beethovensaal Weill, Poulenc und Mozart.
Eine schlafende Löwin ist das, versteckt hinter Jalousien: Die Konzertorgel im Stuttgarter Beethovensaal, die über ein Riesenorgelwerk verfügt, kommt in klassischen Konzerten nur sehr selten solistisch zum Einsatz. Die Stuttgarter Philharmoniker haben sie jetzt aufgeweckt und in ihrer Reihe „Zwanziger Jahre“ das Orgelkonzert (von 1938) des experimentierfreudigen Franzosen Francis Poulenc aufgeführt. An den Tasten: Kay Johannsen, Stuttgarts Stiftskantor und ein großartiger Orgelvirtuose. Die Besetzung ist originell: Ein Streichorchester und Pauken stehen der gigantischen Klanggewalt der Orgel gegenüber.
Der Spieß wird quasi umgedreht. Sonst muss sich das Soloinstrument (als Individuum) gegen das Orchester (Kollektiv) durchsetzen. Jetzt hat sich das Orchester einzufügen, vereint sich mit zarten Orgelmelodien, antwortet der schroffen akkordischen Emblematik der Orgel mit introvertierten Gesängen oder wird zur Farbe in spektakulären Klangtürmungen. Jedenfalls faszinierend, was dieses Konzert an ungewohnten Klangfarbenmixturen zu bieten hat. Als Zugabe zeigte Johannsen Improvisationskunst, ließ die Farbpracht des Orgelwerks explodieren, entfaltete eine Klangpalette von schillerndem Glucksen bis hin zu rauschenden Kaskaden. Fantastisch!
Die deutsch-japanische Dirigentin Erina Yashima hatte schon in der eingangs gespielten einsätzigen ersten Sinfonie Kurt Weills das Orchester energetisch befeuert und mit weit ausholender Gestik Wucht und Präzision eingefordert. Auch so ein selten gespieltes Werk, diese „Berliner Sinfonie“ – 1921 komponiert, das Gewusel der Großstadt, ihre latente Gewalt, ihr Chaos, die Verlorenheit einsamer Herzen körperlich spürbar machend. Eine unglaublich kraftvolle Musik. Erina Yashima, gute Stimmung verbreitend, dirigierte exzellent, und die Philharmoniker spielten fantastisch. Zum Schluss Mozarts letzte Sinfonie KV 551 („Jupiter“): sehr transparent und ausbalanciert, en Detail durchgearbeitet, die rhetorische Kraft dieses Werks plastisch artikulierend. Phänomenal, wie jene Stellen herausgespielt wurden, an denen die vorwärtspreschende Euphorie durch plötzliche, harmonische Öffnungen noch gesteigert oder die raffiniert komponierte, unproblematisch scheinende Oberfläche plötzlich zerrissen wird und Tiefe entsteht. Etwa im ersten Satz, wenn ein Tutti-Forte-Moll-Akkord in die entspannte Dur-Idylle einschlägt – mit der Macht und Wucht eines Kometen. Gänsehaut!