Gustav Holsts Orchestersuite „Die Planeten“ ist ein Werk, dessen Bekanntheitsgrad in umgekehrtem Verhältnis zur Häufigkeit seiner Aufführungen steht. Das hat vor allem mit den besetzungstechnischen Anforderungen zu tun, denn Holst verlangt neben einem großen Orchester nicht nur eine Orgel, sondern im letzten Satz auch noch einen Frauenchor – wer kann sich das leisten, für einen einzigen, gerade mal siebenminütigen Satz?
Da traf es sich gut, dass die Stuttgarter Philharmoniker und der Figure Humaine Kammerchor Stuttgart schon länger eine enge Zusammenarbeit pflegen, zuletzt im November bei einem eindrucksvollen Konzert in der Stuttgarter Leonhardskirche. Und da der Chor für seinen feinen, ätherischen Klang gerade in den hohen Stimmen bekannt ist, war er die ideale Besetzung, um den spektakulären Schluss des Zyklus, „Neptun, der Mystiker“ adäquat zu realisieren: genial, wie Holst hier mit der Auflösung der rhythmischen Struktur und der Entmaterialisierung des Klanges den Eindruck eines Übergangs ins Jenseits evozierte. Und großartig auch, wie die von außerhalb des Saales sanft hereinwehenden Stimmen der Chordamen zu diesem Eindruck von Transzendenz beitrugen.
Planeten-Charaktere in allen Facetten
Freilich war das nur das Finale einer ingesamt hochklassigen Aufführung im gut besetzten Beethovensaal, bei dem es dem Gastdirigenten Nabil Shehata gelang, im Verbund mit den prächtig aufgelegten Philharmonikern die unterschiedlichen Charaktere der Planeten in all ihren Facetten darzustellen. Wie gleich zu Beginn den „Mars“. Holst schrieb den Satz 1914, wenige Monate vor Beginn des Ersten Weltkriegs, und der martialische Auftritt des Kriegsgotts in einem mechanisch gleichförmigen 5/4-Ostinato scheint die Schrecken moderner Kriegsführung vorwegzunehmen.
Die Zahl interstellarer Kompositionen ist überschaubar
Eine völlig entgegengesetzte Welt zeichneten hernach die schillernden, durch Celesta angereicherten Farben der „Venus“, die Shehata in all ihrer kammermusikalischen Feinheit und Gelöstheit aufblühen ließ. Mit den stärksten Eindruck hinterließ „Jupiter“, das Ebenbild der Lebensfreude: Wunderbar ausgespielt das hymnische Streicherthema, das die patriotischen Briten später mit dem Text „I Vow to Thee, My Country“ unterlegten.
So war Holsts Werk der formidable Abschluss eines am Ende bejubelten Konzerts, das unter dem Motto „Der Weltraum“ stand - kein leichtes Unterfangen angesichts der äußerst überschaubaren Anzahl interstellarer Werke im klassischen Orchesterrepertoire. Man behalf sich mit der Orchestereinleitung „Die Vorstellung des Chaos“ aus Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ - der aber nicht die Erschaffung des Lichts folgte, sondern: eines Cellokonzerts. Und zwar jenem in C-Dur aus Haydns Feder, das die Gewinnerin des ARD-Musikwettbewerbs von 2024, Maria Zaitseva, klanglich etwas gedeckt, dafür aber mit blitzender Virtuosität spielte. Und ohne jede Erdenschwere.