Natürlich bespielen Schmutzki längst viel größere Bühnen. Es hat aber eben immer etwas besonders Eskalatives, wenn man Stuttgarts Punkrock-Zirkus in einem intimen Rahmen erleben darf. Entsprechend schnell war das Goldmark’s ausverkauft – eine der letzten Punk-Bands der Stadt im letzten Punk-Schuppen der Stadt, da kommt zusammen, was zusammengehört. Um dann fachgerecht auseinandergenommen zu werden.
Schmutzki feiern die Veröffentlichung ihres neuen Albums „Wunder“, und natürlich sind alle da, um das zu feiern. Der Schmutzki-Mob, diese Ultra-Fraktion innerhalb der Schmutzki-Fans, dazu die halbe Stuttgarter Punkblase und viele Musiker, mit denen man an diesem Abend aus dem Stand fünf neue Bands hätte gründen können. Muss man natürlich nicht. Schmutzki sind ja da. Die sorgen erst mit einem Spontankonzert im Charlottenplatz für Aufsehen, Anarchie und Rauch im vorweihnachtlichen Trubel und verlagern den gepflegten Abriss dann ins legendäre Goldmark’s.
Dort eröffnen At The Shore den Abend, eine eigentlich brandneue Stuttgarter Pop-Punk-Band, die sich sieben Monate nach ihrem Live-Debüt (damals natürlich auch im Goldmark’s, wo sonst?) deutlich gewachsen und explosiv präsentiert. Um halb zehn dann Schmutzki. Die stürmen auf die Bühne, als hätte man sie gerade erst aus monatelanger Käfighaltung befreit – und bescheren dem Goldmark’s ein Lehrstück in Sachen Zügellosigkeit. Schmutzki sind gekommen. Und sehen es mal wieder nicht ein, nur mit Standgas zu fahren. Vom ersten Augenblick an tanzt, hüpft, pogt, eskaliert die Meute, dreht komplett durch und schickt sofort erste Stagediver durch die Menge. Bei der niedrigen Decke im schwitzenden Goldmark’s ein Gesellenstück.
Die Energie tropft von der Decke
Schmutzki ist eben, wenn man weitergeht als man eigentlich vorhatte. Beat Schmutz, Dany Horowitz und Flo Hagmüller haben mittlerweile so oft zusammen gespielt, dass man sie morgens um drei wecken und auf eine Bühne stellen könnte. Gut, morgens um drei sind sie wahrscheinlich eh noch wach, aber der Punkt sollte klar sein. Die freigesetzte Energie ist greifbar, schmeckbar, tropft von der Decke. Immer wieder darf der neue Keyboarder Jesus „Freddy“ Schmutzki für Heimorgel-Rummelplatzmomente sorgen, wie gewohnt schnallt sich auch Stuttgarts Akustik-Punk Dave Collide mal die Gitarre um, damit Sänger Beat nur mit Mikrofon in der Menge baden kann. Und das ist sprichwörtlich gemeint: Wer mitten im Mob ist, ist nach wenigen Songs klatschnass. Schmutzki, die wahren Punk-Bademeister.
Natürlich präsentieren sie reichlich Songs ihrer neuen Platte „Wunder“. Der Titeltrack ist ein legitimes Sauflied, „Tourensöhne“ feiert das Unterwegssein, bei „Schmutzki repariert“ persifliert das Trio einschlägige Baumarkt-Werbungen. Ist natürlich ein Irrglaube, dass Schmutzi repariert. Schmutzki reißt vor allem ab, macht kaputt, was sie kaputt macht und lässt alle mit unverhohlener Freude an diesem zügellosen Treiben teilhaben.
Dafür sorgen natürlich auch all die Klassiker, die diese Band in den letzten 15 Jahren so fabriziert hat. „Zeltplatz Baby“, „Rodeo“ oder „Beste Bar der Stadt“ hat man schon zahllose Male gehört. An diesem Abend, im Goldmark’s, entwickeln aber irgendwie auch die alten Songs ein unfassbares Momentum. Hat eben was, so eine kleine Bühne. Gut, dass es das Goldmark’s noch gibt. Und gut, dass es nach diesem Abend noch steht.