Apache 207 und seine Band haben am Dienstagabend das erste ihrer vier ausverkauften Konzerte in der Schleyerhalle gegeben. Kritik, Fotos und Setlist von einer außergewöhnlichen Show.
Michael Werner
10.12.2025 - 08:03 Uhr
Paul Stanley von Kiss ist einst durch die Schleyerhalle geflogen. Aber ein ausgewachsenes Flugzeug hat bisher noch keiner in Stuttgarts größte Arena mitgebracht. Doch dann fällt der Vorhang, es dampft ordentlich, und siehe da: Auf der Mittelbühne steht ein moderner Jet der imaginären Feder Airlines, und Apache 207 sitzt im Cockpit.
Noch spektakulärer wird das Bühnenbild durch eine Art Zaubertrick: Sobald sich die obere Hälfte des Flugzeuges gen Hallendecke hebt, kann der Rapper mit der Sonnenbrille nicht nur auf dem Rumpf und auf den Tragflächen herumtigern, sondern sozusagen auch im aufgeschnittenen Bauch. Weil das schweißtreibend zu sein scheint, zumal zwischen den regelmäßig züngelnden Flammen, mutet eine der vielen Bedeutungsebenen seines Konzerts durchaus bekannt an: Unter dem Namen Zwiebeltechnik haben mehrere Generationen von Eltern versucht, ihren Kindern adäquate Bekleidungsdicke beizubringen – erst entledigt sich Apache seiner Jacke, dann legt er die Weste und schließlich die Krawatte ab und rappt und singt im offenen Hemd. Später wird er im Flugzeug eine Motorradkluft finden, schließlich performt er im Unterhemd.
Apache flüchtet auf eine Wolke
Eine weitere Bedeutungsebene geht etwas tiefer: An die Durchsagen vor dem Start eines Linienfluges angelehnt, ist noch vor dem Fall des Vorhangs aus dem Off davon die Rede, dass die Menschheitsgeschichte angetrieben werde vom Tanz zwischen Aufstieg und Fall. Oder vom Kampf, ganz sicher kann man nicht sein, weil die Durchsage so laut dröhnt.
Noch lauter wird es, als der Bassist seine Arbeit aufnimmt, der auf einer Bühnenseite neben einem ebenso unnachgiebig rackernden Schlagzeuger drapiert wurde. Auf der anderen Seite stehen ein Gitarrenartist und eine Keyboarderin, die Apache 207 später alle beinahe vorstellen wird, indem er ihre Vornamen nennt. Die Anordnung der vier Musiker und ihres Chefs reißt bei Apaches erstem von vier ausverkauften Stuttgart-Konzerten in dieser Woche eine dritte Ebene der Bedeutung auf: Wer möchte, vermag zwischen dem rastlos auf seinem Flugzeug wandernden Rapper und seiner am Boden gebliebenen Band Metaphern von Getrenntheit auszumachen, von Einsamkeit gar. Womöglich deshalb flüchtet Apache 207 zwischendurch von seiner Maschine auf eine Wolke, und weil die von Schiebehelfern ermöglichte Reise einmal um die Mittelbühne herum deutlich länger als sein Song „Wolken“ dauert, kommt alsbald Reinhard Mey aus der Konserve zu der seltenen Ehre, 13 000 Zuschauern die Freiheit jenseits der Wolkendecke schmackhaft zu machen.
Den zweiten kleinen dramaturgischen Hänger erlaubt sich der 28-jährige Ludwigshafener, als er vor seinem Song „Miami“ zwischenzeitlich drei jugendliche Fans zwar sympathisch zugewandt aber ein bisschen zu lange auf sein Flugzeug bittet, ohne ihnen eine echte Funktion zuzubilligen. Ansonsten geht es aber rasant zu bei der großen, bunten Apache-Show: Regelmäßig explodiert was, der Massagebass aktiviert offenbar auch die Leuchtarmbänder der Fans, und der Star lädt beim zweiten Teil seiner Einsamkeitsüberwindungsübung seinen virtuosen Gitarristen ins aufgeschnittene Flugzeug ein, woraufhin besonders viele Flammen züngeln.
Denn eigentlich geht es ja um Musik bei dieser zweistündigen Intensivbehandlung gegen Flugscham, und Apache 207, ein pfiffiger Innovator, der Hip-Hop mit Eurodance und R’n’B geimpft und radikal mit eingängigen, sehnsüchtigen, überschwänglichen und zuweilen auch lustigen Melodien getränkt hat, zeigt auch als traumwandlerischer Tragflächentänzer, wie gut er seine Kerndisziplin beherrscht: Die schnoddrige Beiläufigkeit, mit der er in „Breaking My Heart“ die Hookline ironisch Richtung Verschluckungsgrenze dimmt, zeigt seine Klasse ebenso wie die souveräne Selbstverständlichkeit, mit der er in „Komet“ auch Udo Lindenbergs Part singt.
Agil: Apache 207 in der Schleyerhalle Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone
Mit diesem Hit wurde Apache 207, der eigentlich Volkan Yaman heißt, vor knapp drei Jahren auch bei den Alten bekannt – und Lindenberg abermals bei den Jungen hip. Seitdem zeigt die zu Beginn der Show beschworene Aufstiegs-und-Fall-Wippe bei Apache beständig nach oben, und der Künstler arbeitet mit stimmlicher Wucht, blickdichter Coolness und einem beachtlichen Maß an Reflexion daran, dass dies möglichst lange so bleibt: „Manchmal fressen sich hier Ratten durch Wände. Sie wurden hier geboren, doch sie woll’n hier nicht enden“, heißt es in „Was weißt du schon“, einem seiner eindrücklichsten Lieder, das auch beim Konzert in Stuttgart zu packen vermag, auch weil Volkan Yaman nie vergessen zu haben scheint, von wo aus er einst aufbrach, um ein Superstar zu werden.
Während seiner Wolkenreise fängt ihn eine der zahllosen ihn umschwirrenden Kameras dabei ein, wie er unter der Hallendecke eine Zigarette raucht. Es würde einen nicht wundern, wenn er sie gar nicht brauchte, so wie er das Flugzeug nicht wirklich benötigt, ja nicht einmal seine Band. Seinen ersten Hit „Roller“ singt er ganz zum Schluss mit all seinem Überschwang zu Musik aus der Konserve: „Apache bleibt gleich“, heißt es da, was nicht Stillstand meint, sondern sich treu zu bleiben. Um die Konstanz, mit der Apache 207 dem Jubel seiner Fans immer neue Ideen ausliefert, ohne seinen Markenkern je zu gefährden, würde ihn manche Airline beneiden.