Alexander Akimov und Thomas Gehring im Raum Picasso in der Staatsgalerie vor der kubistischen Figurengruppe der „Badenden“ Foto: Staatsoper Stuttgart
Bei der „Langen Nacht der (guten) Geister“ wagt die Staatsoper Stuttgart den Brückenschlag – von der Musik zur Kunst. Virtuose Musikerinnen und Musiker verwandeln Staatsgalerie, Kunstmuseum und Württembergischen Kunstverein zur Konzertbühne.
Susanne Benda
13.04.2025 - 13:56 Uhr
Durch die Musik tanzen fantastische Wesen, zwischendurch gibt’s geistige Getränke, und wache Geister aus der Dramaturgie bringen in einem unterhaltsamen Konzertprogramm die Staatsoper Stuttgart mit den drei umgebenden Museen zusammen. „Wir sind Kulturquartier!“: Das wäre ein gutes Alternativ-Motto für die fünfeinhalbstündigen Veranstaltung gewesen. Es hätte auch insofern gepasst, als der Konzerttitel „Lange Nacht der (guten) Geister“ ein ziemlich diffuses Feld umspannte und zuweilen auch etwas bemüht gewirkt hat.
Ein Glück, dass es ein solches Staatsorchester in Stuttgart gibt!
Im Vortragssaal der Staatsgalerie dürfen sich zu Beginn Kunst und Musik zwar noch nicht ineinander spiegeln, dafür begegnen sich aber Musik und Worte. Man dankt einander sehr ausgiebig für Ideen und Gastfreundschaft. Das erste Bläserquintett von Pēteris Vasks, ein frühes Werk des Letten, klingt noch überhaupt nicht nach jenen leisen, meditativen Seelentönen, die Vasks später berühmt machten. Im Gegenteil: Die „Musik für wegziehende Vögel“, so der Untertitel des Stücks, verbindet Improvisiertes mit Notiertem, komplexe Bläser-Polyfonie mit der Imitation von Vogelrufen und das Bild schwirrender Zugvögel mit der Sehnsucht des Komponisten nach unbegrenzter Reisefreiheit.
Vasks’ Stück gehört zu jenen, die am Freitagabend daran erinnern, wie glücklich wir uns schätzen dürfen, ein solches Staatsorchester in Stuttgart zu haben! Aus dem Klang-Kollektiv lösen sich in der „Langen Nacht“ Individuen, die als Solisten oder in kleinen Ensembles auftreten: hochenergetische, kreative, virtuose Musikerinnen und Musiker.
Die Mitglieder des Bläserquintetts – Julia Köhl, Nadine Bauer, Frank Bunselmeyer, Susanne Wichmann, Christina Becker – sorgen für das erste Staunen. Die Fortsetzung erlebt man in der Sammlung der Klassischen Moderne, im Raum Picasso, neben Gemälden wie der „Liegenden mit Katze“ und vor der kubistischen Figurengruppe der „Badenden“. Zwei Bratscher werfen dort musikalische Motive hin und her. „Viola Zombie“ heißt das ebenso anspruchsvolle wie unterhaltsame Duo-Stück des Amerikaners Michael Daugherty, das Alexander Akimov und Thomas Gehring mit viel Spiellust präsentieren. Verbindungen mit Picasso stellen sich allerdings nicht unmittelbar her, und man muss sehr rasch weiterziehen nach nebenan. Dort porträtiert Chiara Holtmann auf der Bassklarinette auf sehr bildhafte Weise Tauno Marttinens „Gnom“. Immerhin passt hier der Titel des Saales „Zwischen Figuration und Abstraktion“ irgendwie zur Musik, die ja auch immer figurativ und abstrakt ist.
Wie passt die Kunst zu den Klängen?
Zweite Station: Kunstmuseum. Dort wird wieder erst mal lange gedankt und dann nochmals erzählt, was man auch im Programmheft lesen kann. Das dauert! Und warum wagt man bei der Präsentation nicht mal etwas Kreatives, lässt einen Kunsthistoriker über ein Musikstück sprechen, eine Musikerin über ein Kunstwerk? Oder lässt einen Museumsmenschen ein Bild erklären, präsentiert dann davor Musik und traut dem Publikum einen eigenen Brückenschlag zwischen den Künsten zu?
Kathrin Scheytt, Amelie Wünsche, Alexander Akimov und Evelina Heiberga spielen Schostakowitschs achtes Streichquartett im Kunstmuseum Foto: Staatsoper Stuttgart/Marc Schmuck
Dafür müsste dann allerdings die Kunst ein wenig besser zu den Klängen passen, als es an diesem Abend der Fall war. Schon in der neuen Sammlungspräsentation der Staatsgalerie hatten der Luftgeist Ariel aus Hans Werner Henzes „Royal Winter Music“, fein gespielt von Stefan Koch-Ross, und Charles Koechlins „Stèle funéraire“ für Flöte solo (bzw. für Altflöte, große Flöte und eine von Andreas Noack zu erstaunlich körperreichem Klang geführte Piccoloflöte) im luftleeren Raum gehangen. Im Kunstmuseum wäre der Saal „Böse Geister“ ein passender Ort gewesen, doch dort wurde kein Stück aufgeführt. Stattdessen erklang im nüchternen Vortragssaal unter dem leicht verzwungenen Übertitel „Wiedergänger“ Carl Reineckes „Undine“-Flötensonate (leider ohne den zweiten Satz) in der Klarinettenversion.
Bei Schostakowitsch hält man den Atem an
Danach sorgten Kathrin Scheytt, Amelie Wünsche, Alexander Akimov und Evelīna Heiberga für eine Interpretation von Schostakowitschs achtem Streichquartett, die zwar weniger poliert wirkte als bei manch eingespieltem Ensemble, dafür aber einen extrem hohen Ereignischarakter aufwies. Man hielt den Atem an – auch dafür steht das Staatsorchester. Zur Jubiläumsausstellung im Kubus passte Reinecke aber gar nicht und Schostakowitsch nur bedingt. Zwischen dem Quartett und Dieter Roths „Doppelkäseplatte“ liegen zwar nur acht Jahre, aber der Weg vom verschimmelnden Lebensmittel zu Stalins Repressionen ist, wenn man denn nicht über die Rahmenbedingungen von Kunstproduktion philosophieren will, doch ziemlich weit.
Blick ins Konzert im Württembergischen Kunstverein Foto: -/Staatsoper Stuttgart
Zum Abschluss im Foyer des Württembergischen Kunstvereins gab’s dann weder Beethovens Geistertrio noch eine Verwandlungsmusik aus Aribert Reimanns „Gespenstersonate“ und auch keine Arie aus Andrew Lloyd Webbers „Phantom der Oper“. Sondern eine Hommage an die menschliche Fantasie, beginnend mit dem Menuett aus Haydns letztem vollendeten Streichquartett op. 77/2, das Caroline Shaws Stück „Entr’acte“ liebevoll umspielt, zerstückelt, in Schleifen treibt und neu zusammensetzt. Dazu Teile einer Bearbeitung von Mussorgskys „Bildern einer Ausstellung“ für Streichquartett.
Unter den Händen von Muriel Bardon, Vanessa Gembries, Martha Casleanu-Windhagauer und Linda Evelīna Heiberga macht dieses Arrangement aus Mussorgskys musikalischen Ölbildern feine Radierungen – so zart und genau ausgearbeitet, dass man den Unmut über die unglückliche Reihenfolge der Werke im Programm (warum nicht Shaws Haydn-Reflex gleich nach dem Original?) rasch vergaß und dann begeistert hinein stolperte in die von geistvollen Partygängern bevölkerte Nacht.