Kraftwerk auf dem Schlossplatz Die Mensch-Maschinen in Stuttgart
Verhaltener Legendenabend bei den Jazz Open auf dem Schlossplatz: Kraftwerk treten vor prächtiger Kulisse und 7200 Fans in Stuttgart auf.
Verhaltener Legendenabend bei den Jazz Open auf dem Schlossplatz: Kraftwerk treten vor prächtiger Kulisse und 7200 Fans in Stuttgart auf.
Fragt man musikaffine Menschen nach einem gedächtniswürdigen Jazz Open-Moment der letzten Jahre, dann kommt schnell dieser eine Abend in Erinnerung, als Stuttgart Pop-Geschichte geschrieben hat. Bei dem Auftritt von Kraftwerk im Jahr 2018 wurde Alexander Gerst live aus dem Weltall zugeschaltet. Klar, dass dieses Momentum nicht zu toppen ist.
Bei der diesjährigen, der 31. Auflage des Festivals Jazz Open machen Kraftwerk wieder vor dem Neuen Schloss Station. Eines vorweg: es ist ein gutes Konzert, aber dieser eine Moment ist natürlich nicht reproduzierbar. Dennoch wird dieser Auftritt am Dienstagabend auch im Gedächtnis bleiben. Freudig werden sie erwartet, die vier alten Herren, die aus dem Off von einer verzerrten Stimme angekündigt werden: „Meine Damen und Herren, Ladies und Gentlemen. Die Mensch-Maschine Kraftwerk.“
Sie sind Legenden des Elektropops, Pioniere der elektronischen Musik. Alles Worte, die auch die Künstliche Intelligenz für die Düsseldorfer Band ausspucken würde. Was da am Dienstag im Innenhof des Neuen Schlosses passiert, hat natürlich nichts damit zu tun, was man unter einem Popkonzert versteht. Handgemachte Musik? Geschenkt! Das Genre, das Kraftwerk sozusagen erfunden hat, hat die Zukunft schon lange vorausgenommen.
Ein paar der rund 7200 Fans im Hof des Neuen Schlosses tragen die royalblauen Autobahn-Shirts, wie passend, dass die Strohhüte eines Sponsors genau denselben Blauton treffen. Große Worte werden nicht gemacht. In den folgenden knapp 120 Minuten werden die vier Herren kein Wort miteinander, geschweige denn mit dem Publikum sprechen: bis dann ganz zum Schluss Ralf Hütter sich mit „Gute Nacht! Auf Wiedersehen!“ verabschiedet. Es geht um das – auch so ein Wort, das immer wieder gerne im Kontext mit Kraftwerk Verwendung findet: Gesamtkunstwerk. Es ist alles – ein audiovisuelles Ding, aber weit weg von einem Spektakel. Vier Herren – Gründungsmitglied Ralf Hütter, Henning Schmitz, Falk Grieffenagen, Georg Bongartz – präsentieren hier eine Multimediashow, stehen hinter ihren Pulten, drücken oder drehen die Knöpfchen. Ihre Körper stecken in futuristischen Neoprenanzügen, die dann auch mal leuchtende Streifen zieren. Was ist live, was nicht? Egal, das audiovisuelle Ergebnis beeindruckt, Grüne Nummern schwirren über die Bildschirme, während „Numbers“ erklingt. Und dann fast zum Schluss im Dunkel der kalten Sommernacht „Trans-Europa Express“.
Keine Band hat den Sound der Zukunft so früh erfunden wie Kraftwerk. Gegründet 1970 im Umfeld der experimentellen Düsseldorfer Kunstszene, wurde das Projekt zur Blaupause elektronischer Musik und prägte Stilrichtungen wie Synthiepop und Techno.
Die musikalische Reise an diesem Abend geht weit zurück: mitten rein in die 1970er Jahre, in denen die Klassiker entstanden. Immer wieder erstaunlich ist, wie zeitlos die Sounds klingen, wenn sie so durch den Hof scheppern. Wie die Testbilder und Grafiken auf den Leinwänden aus der Zeit gefallen scheinen. Manche Fans haben sich eine 3-D-Show erhofft, waren dann enttäuscht. Die Band, der Auftritt, alles scheint wie immer, doch eine gewisse Distanz ist da doch zu spüren zwischen Publikum und Künstlern. Etwas verhalten sind die Fans, die sich allein schon ob der frischen 15 Grad Außentemperatur etwas in Bewegung versetzen könnten.
Als es dann etwas dunkel wird, leuchten die Visuals auf den Fassaden des Neuen Schlosses. Die Band steht hinter ihren Pulten und macht das, was sie seit so vielen Jahren macht. Es sind die Sounds, die nostalgisch stimmen: „Mensch Maschine“ natürlich, dazu weiße Lettern auf schwarzem Grund. Verpixelte Figuren spiegeln die Vier auf den Leinwänden, dazu schallt „Electric Café“. Dann „Autobahn“ und die blauen Hütchen wippen im Takt. Hits wie „Das Model“ und „Tour de France“ werden bejubelt. Als Zugabe dann noch „Roboter“. Und auch wenn die Stimmung über weite Strecken des Abends verhalten ist, blickt man am Ende doch in viele glückliche Gesichter, die froh sind, diese Band noch einmal live gesehen zu haben.