Krankhafte Tiersammelsucht Wenn Tierliebe zum Tierleid wird

Die Tiere aus Tierhortungen werden im Tierheim wieder aufgepäppelt. Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Auch im Kreis Böblingen gibt es Fälle von Animal Hoarding. Das Sammeln von Katzen, Hunden oder Vögeln ist als Krankheit nicht anerkannt, Therapiemöglichkeiten gibt es wenig.

Böblingen: Veronika Andreas (va)

Zu Beginn des Jahres sorgte ein Fall von sogenanntem Animal Hoarding im Kreis Böblingen für Aufsehen. 115 Katzen wurden aus einer kleinen Wohnung gerettet. Der größte Teil der Katzen kam ins Kreistierheim, die übrigen Samtpfoten wurden auf Tierheime in Baden-Württemberg verteilt. In den Medien oder im Fernsehen sieht man immer wieder schockierende Bilder von Tiersammelsucht. Unzählige Katzen oder Hunde, die unter furchtbaren Bedingungen abgemagert im eigenen Kot hausen. Vermehrt stoßen Behördenvertreter auf solche Extremfälle.

 

Animal Hoarding steht für ein Krankheitsbild, bei dem betroffene Menschen Tiere in einer so großen Anzahl halten, dass sie sie nicht mehr angemessen versorgen können. Sie geben ihren Schützlingen zu wenig Futter und Wasser und lassen sie verwahrlosen. Oft sind die Tiere wegen der hygienischen Umstände krank, von Parasiten befallen, manche sterben.

Die Anzahl der Fälle steigt

Laut dem Deutschem Tierschutzbund gab es im Jahr 2023 in Deutschland 115 Fälle mit insgesamt rund 6700 Tieren – so viele wie noch nie zuvor. Es wird zudem von einer hohen Dunkelziffer beim Animal Hoarding ausgegangen, da die Fälle meist im Verborgenen stattfinden und von Behörden oft erst spät entdeckt werden. „Im Kreis Böblingen hat es im vergangenen Jahr vier Fälle von Animal Hoarding gegeben“, sagt Landkreis-Sprecher Benjamin Lutsch auf Nachfrage. Eine bestimmte Tierart steche beim Animal Hoarding nicht heraus. Oft seien es Katzen und Vögel, aber auch Reptilien wurden schon übermäßig gesammelt. Zudem seien auch manchmal Nutztiere wie Kühe, Schweine oder Schafe betroffen, heißt es vonseiten der Landestierärztekammer Baden-Württemberg.

Auch Vögel sind von Animal Hoarding betroffen. Foto: picture alliance/dpa

Oft sind es alleinstehende Frauen mittleren Alters

Doch die Tierhortung ist nicht nur ein Tierschutzproblem. Hinter fast jedem Fall steht dahinter ein Mensch mit einer psychischen Erkrankung. Die Ursachen für sein Handeln sind vielfältig. Betroffene sind nicht oder nur eingeschränkt in der Lage zu erkennen, dass es den Tieren in ihrer Obhut schlecht geht. Auch die negativen Auswirkungen auf ihr direktes Umfeld und auf die eigene Gesundheit nehmen sie meist nicht wahr. In den USA gilt Animal Hoarding als psychische Erkrankung und wird seit längerer Zeit untersucht. In Deutschland wird Animal Hoarding in der Psychologie als komplexe psychische Problematik oder Störung gesehen. Mittlerweile gibt es auch hierzulande eine Reihe wissenschaftlicher Studien darüber.

Häufig werden in der wissenschaftlichen Literatur psychische und psychosoziale Ursachen und Hintergründe beschrieben. Das krankhafte Tierhorten ist oft mit Zwangsstörungen und Verhaltenssüchten verbunden. Bei den Betroffenen handelt es sich häufig um sozial isolierte, alleinstehende oder alleinlebende Personen im mittleren oder höheren Lebensalter. Meist sind es Frauen. Da die Betroffenen in der Tierhaltung eine teilweise stark verzerrte Wahrnehmung entwickelten – wie beispielsweise die Verleugnung der nicht tiergerechten, oft desolaten Haltungsbedingungen – sei der therapeutische Zugang häufig erschwert und die Rückfallrate relativ hoch, heißt es vonseiten der Landespsychotherapeutenkammer Baden-Württemberg (LPK BW). Inzwischen gebe es zwar verschiedene psychotherapeutische Behandlungsansätze, dennoch seien weitere Forschungen notwendig, um deren Wirksamkeit zu verbessern.

Viele der Tiere sind scheu, manche krank

Viele Fälle von Animal Hoarding passieren im Verborgenen. Nur manchmal kommt man einem krankhaften Tiersammler auf die Spur. „Meist durch Hinweise aus der Nachbarschaft“, sagt Benjamin Lutsch. „Wer einen Verdacht hat, sollte sich damit an das Veterinäramt oder Ordnungsamt wenden“, rät die Landestierärztekammer. Stoßen die Behörden auf einen Animal-Hoarding-Fall, so werden die Tiere erst einmal von Tierärzten kontrolliert, behandelt und aufgepäppelt. Die Tierheime übernehmen dann die weitere Betreuung, bis sich neue Halter finden. Der Umstand, das meist ein Drittel der aus Tierhortungen befreiten Tiere schwer krank ist, führt bei den ohnehin schon belasteten Tierheimen zu finanziellen und räumlichen Schwierigkeiten.

Die 70 Katzen aus dem Animal Hoarding Fall im Januar, die im Kreistierheim aufgenommen wurden, sind größtenteils vermittelt. Zehn Samtpfoten warten noch immer auf ein neues Zuhause. Sie haben sich mittlerweile gut erholt. Über den Verbleib der anderen 45 Katzen in den anderen Tierheimen wisse man in Böblingen nichts. „Grundsätzlich seien die Katzen aber gut vermittelbar gewesen, nachdem sie genesen waren“, sagt Benjamin Lutsch.

Fünf Verhaltensmuster von krankhaften Tiersammlern

Anfänger-Typ
Betroffene versuchen noch die minimalen gesetzlichen Standards der Tierhaltung und -pflege einzuhalten. Ein gewisses Bewusstsein über das Problem ist noch vorhanden.

Pfleger-Typ
Der Betroffene hat den Wunsch, sich um viele Tiere zu kümmern. Er ist aber aufgrund begrenzter Ressourcen nicht in der Lage, die Tiere artgerecht zu versorgen.

Züchter-Typ
Diese Person züchtet Tiere mit dem Ziel, sie auszustellen oder zu verkaufen. Die Vermehrung gerät außer Kontrolle und die Tiere werden nicht ordnungsgemäß versorgt.

Retter-Typ
Die Person hat das Ziel, alle Tiere zu retten und vor Leid und Tod zu bewahren. Sie glaubt, dass sie die einzige ist, bei denen es die Tiere gut haben, obwohl sie sie nicht artgerecht versorgen kann.

Ausbeuter-Typ
Die Betroffenen sind häufig Soziopathen oder Personen mit Persönlichkeitsstörungen. Der Ausbeuter-Typ nutzt die Tiere für eigene Zwecke und kümmert sich nicht um deren Wohlergehen. Oftmals werden die Tiere vernachlässigt, misshandelt oder gar gequält.

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