Krebstherapie Mit Stammzellen Leben retten

Um Stammzellen aus dem Blut zu filtern, werden Spender rund vier bis fünf Stunden an Maschinen, sogenannten Zellseparatoren, angeschlossen. Foto: RBK/Dominik Obertreis

Stammzelltransplantationen sind bei Krebs und anderen Erkrankungen unverzichtbar. Das Thema steht im Mittelpunkt eines Kongresses in Stuttgart.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Pünktlich um acht Uhr fließt schon das Blut: Zwei junge Männer haben es sich auf den Sesseln im Raum der Stammzellgewinnung im Robert Bosch Krankenhaus Stuttgart (RBK) gemütlich gemacht. Sie schauen Videos, nippen an Wasserflaschen. In ihren Armbeugen hängen Transfusionsschläuche und Kabel. Etwa vier, teils fünf Stunden sind an sogenannten Zellseparatoren angeschlossen. Diese Maschinen filtern Stammzellen aus dem Blut, das danach zurück in den Körper geleitet wird.

 

Milliliter für Milliliter füllen sich die Transfusionsbeutel mit einer goldbraunen Flüssigkeit. Ein Viertelliter muss es schon sein, sagt die Oberärztin Sonja Martin, die den Bereich der Stammzellherstellung in der Abteilung für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin am RBK leitet. So viel ist nötig, um mit dieser Spende einem Schwerkranken im besten Fall das Leben zu retten.

Stammzelltherapien sind in Stuttgart hart umkämpft

Stammzelltransplantationen haben im RBK Tradition: Seit mehr als drei Jahrzehnten werden auf diese Weise schon Menschen mit Erkrankungen des Blutes und des blutbildenden Systems in der Klinik auf dem Burgholzhof therapiert. Zudem will die Klinik mehr Aufklärung leisten – etwa beim ihrem Patiententag an diesem Samstag, 5. Juli. „Für viele Erkrankte ist die Zelltherapie – ob mit eigenen oder fremden Zellen oder auch mit CAR-T-Zellen – ein unverzichtbarer Therapieweg“, sagt Hans-Georg Kopp, Chefarzt der Abteilung für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin am RBK.

Hans-Georg Kopp ist Chefarzt der Abteilung für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin am RBK Foto: RBK/Fotostudio M42

Gleichzeitig ist dieser hoch spezialisierte Bereich der Medizin in Stuttgart hart umkämpft: Auch andere Kliniken – wie das Diakonieklinikum und das Klinikum Stuttgart – bieten diese Leistung an. Dabei gelten strenge Vorgaben der Qualitätssicherung: Um etwa die allogene Stammzelltransplantation durchzuführen – also die Übertragung fremder Stammzellen auf Schwerkranke – müssen Krankenhäuser eine Mindestmenge von 40 Behandlungen pro Jahr durchführen. Außer, sie haben eine Sondergenehmigung der Landesregierung – wie etwa das Klinikum Stuttgart, das nun diese Therapie in Kooperation mit dem Marienhospital anbietet.

Zu viele Kliniken können der Qualität der Behandlung schaden

Chefarzt Kopp hält diese Entwicklung für wenig sinnvoll: „Eine solche Transplantation ist die aggressivste Therapieform, die es für krebskranke Patienten gibt.“ Die zum Teil schweren Nebenwirkungen, die im Nachgang der Therapie auftreten können, erfordern ein hohes Maß an medizinischer Erfahrung – „nicht nur vonseiten der Ärzte, sondern auch seitens des pflegerischen Personals“, sagt Kopp. „Es hat Jahre gebraucht, um als Team auf diesem hohen Niveau agieren zu können.“

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat das RBK stets zwischen 30 und 40 Patienten pro Jahr mit fremden Stammzellen therapieren können. Dass jetzt mehr Kliniken auf diesem Gebiet aktiv werden und sich die Patientenzahlen nicht mehr auf zwei, sondern auf drei Standorte in Stuttgart verteilen, resultiert zwangsläufig in niedrigeren Behandlungszahlen pro Klinik. Dies kann aus Sicht der Qualitätssicherung nicht sinnvoll sein und langfristig dazu führen, dass allogene Stammzelltransplantationen in Stuttgart gar nicht mehr angeboten werden können, so Kopp. „Und zwar bei allen Kliniken im Stadtgebiet.“ Noch in diesem Monat wird bekannt gegeben, welches Krankenhaus die Mindestanforderungen für diese komplexe Therapie auch im Jahr 2026 erfüllen wird.

Transplantate aus Stuttgart werden bis nach Australien geliefert

Für das RBK steht viel auf dem Spiel. Hier werden werden nicht nur rund 450 Stammzellspenden aus dem Blut oder dem Knochenmark entnommen und an Patienten transplantiert: Im Untergeschoss des Krankenhauses werden die Zellen so aufbereitet und präpariert, dass sie weltweit an Transplantationszentren geliefert werden können. Das sind rund 300 Transplantate pro Jahr. Ein Alleinstellungsmerkmal – nicht nur unter den Stuttgarter Kliniken. „Ansonsten können diesen Prozess nur die Unikliniken im Land leisten“, so die Oberärztin Martin.

Im RBK werden Stammzellen so aufbereitet und präpariert, dass sie weltweit an Transplantationszentren geliefert werden können Foto: RBK/Dominik Obertreis www.obertreis.de

In Schutzanzügen, die den strengsten Hygienevorschriften entsprechen, arbeiten die Mitarbeiter in Reinluftkammern – untersuchen und bearbeiten die Stammzellen. Erst dann kann das Transplantat auf den Weg zum Empfänger gebracht werden – entweder innerhalb der Klinik oder per Kurier in andere Krankenhäuser. Gegebenenfalls werden die Stammzellen bei Minus 140 Grad eingefroren und sind so lange haltbar. Selbst nach Australien wurden schon Spenden verschickt, erklärt Sonja Martin.

Wochenlange Isolation für die Empfänger auf Station

Für die Koordination arbeitet das Team um Martin eng mit dem Zentralen Knochenmarkspender-Register in Ulm zusammen. Über das Register läuft die Suche nach geeigneten Spendern bis hin zum Transport der gespendeten Zellen.

Die Empfänger der Stammzellen müssen wochenlang vor möglichen Keimen geschützt werden. Foto: Kathrin Gralla Der Rote Drache Fotografie/RBK

Vier Stockwerke höher findet sich die Station 4C, auf der gerade rund sieben Patienten mit Stammzellen behandelt wurden – oder noch auf die Transplantation warten. Wer auf die Station aber auch in die Zimmer möchte, muss erst durch Schleusen gehen. Auch Mundschutz ist Pflicht: Jeglicher Kontakt mit Viren, Bakterien und Pilzsporen aus der Umwelt soll verhindert werden. „Sie stellen eine Lebensgefahr für die Patienten dar“, so der Oberarzt Kay-Karsten Kober, stellvertretender Herstellungsleiter im Bereich Blutprodukte, Stammzell- und Spenderlymphozytenherstellung.

Diese ertragen die teils wochenlange Isolation teils sehr gelasse n:„Ich bin froh, dass sich mir dieser Therapieweg erschlossen hat“, sagt ein 73-jähriger Krebspatient, der in wenigen Tagen transplantiert wird. Die lange Wartezeit in den isolierten Räumen vertreibt er sich mit Fitnessübungen – etwa auf dem Ergometer in seinem Zimmer. Das Ziel des Seniors ist schließlich: endlich wieder kilometerweit mit seinem Hund spazieren zu gehen.

Patiententag im Robert Bosch Krankenhaus

Beginn
Am Samstag, 5. Juli 2025, lädt das Zentrum für Stammzell- und

Krebs
Ein weiterer Schwerpunkt an dem Tag sind Angebote rund um das Thema Krebs: So werden Fachärzte über „Krebs- und Sexualität“ informieren, ebenso über die richtige Ernährung bei Krebs sowie die Teilnahme an Studien.

Aktion
Für Besucher gibt es die Möglichkeit, an einer DKMS-Typisierungsaktion teilzunehmen. Bei dieser werden Spender für die lebenswichtige Stammzelltherapie gesucht. Eine Speichelprobe genügt. Nähere Infos: www.dkms.de

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