Kreis Esslingen Marktführer aus Kirchheim frustriert: „Start-up wäre heute kaum mehr möglich“
Erfolgreiche Unternehmer aus dem Kreis Esslingen nennen beim Frühjahrsempfang der IHK eine ihrer Hauptsorgen – sagen aber auch, was sie hier noch hält.
Erfolgreiche Unternehmer aus dem Kreis Esslingen nennen beim Frühjahrsempfang der IHK eine ihrer Hauptsorgen – sagen aber auch, was sie hier noch hält.
Die Stimmung in der Wirtschaft im Kreis Esslingen ist schlecht. Gewinneinbrüche, Stellenstreichungen: „Der Ton ist sehr negativ“, sagt am Dienstagabend die Präsidentin der Industrie- und Handelskammer im Bezirk Esslingen-Nürtingen (IHK), Vanessa Bachofer, beim alljährlichen IHK-Frühjahrsempfang. Auch eine im Februar veröffentlichte Umfrage der IHK zeigt, dass sich die wirtschaftliche Lage im Kreis Esslingen zwar in einigen Bereichen stabilisiert, viele Unternehmen aber weiter skeptisch bleiben.
Diese Skepsis soll sich nach Vorstellungen der IHK in Aufbruchsstimmung verwandeln, doch vor allem ein Umstand hemmt die Freude: Bürokratie. „Die EU hat schon viel Bürokratie aber Deutschland legt noch einmal 50 Prozent drauf“, sagt etwa Christian Planck, Geschäftsführer bei der in Kirchheim unter Teck ansässigen Polymedics Innovations GmbH. Gegründet im Jahr 2001 sorgte das Unternehmen Anfang dieses Jahres international für Aufsehen. Nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana wurden Opfer in der Schweiz, in Deutschland und in Belgien mit einem Hautersatz versorgt – produziert von eben jenem hiesigen Familienunternehmen.
Mit rund 90 Beschäftigten an den Produktionsstätten Kirchheim und Denkendorf ist Polymedics Innovations nach eigenen Angaben Marktführer in dem Segment. Ein Vorbild also, aber: „Heute sind die Anforderungen so hoch, dass ein Start-up wie das unsere kaum mehr möglich wäre“, sagt Planck. Zwei Jahre habe es zum Beispiel gedauert, bis eine Studie des Unternehmens in Stuttgart genehmigt worden sei. „Würde ich das noch mal machen? Nein! Dann gehe ich eher nach Mexiko.“
Deutschland stehe sich selbst im Weg, sagt auch Simon Tillisch vom gastgebenden Bildungszentrum GARP. Homeoffice-Hindernisse im Ausland, Datenschutz, monatelange Wartezeiten bei den Ämtern verbunden mit mehrmaligem Einreichen von Anträgen: Gerade für Start-ups sei der Weg in Deutschland beschwerlich. „Gründern wird es schwer gemacht, etwas auf die Beine zustellen“, so Tillisch. Vanessa Bachofer stimmt zu und nennt nur ein paar der vielen Bürokratie-Herausforderungen, mit denen sich Unternehmen konfrontiert sehen: „Ämter arbeiten nacheinander. Das braucht Zeit. Sie sollten aber parallel arbeiten“, sagt sie. „Und wenn dann eine Antwort auf den eingereichten Antrag kommt, die negativ ausfällt, dann bleibt es seitens der Behörde dabei. Warum werden keine Möglichkeiten aufgezeigt, wie es anders funktionieren kann?“
Auch Jessica Göthel, Geschäftsführerin des beliebten Waldgasthofs Schmellbachtal in Leinfelden-Echterdingen, bestätigt: „Wenn Behörden involviert sind, dauert alles lange.“ 2021 hat Göthel zusammen mit ihrem Lebenspartner die Gaststätte gekauft – mitten in der Coronapandemie. Doch das Gastro-Angebot setzte sich durch. Aus zehn Mitarbeitenden wurden 60, seit Februar ist Göthel neue Pächterin der Mäulesmühle im Siebenmühlental. Zuvor arbeitete die Unternehmerin viele Jahre bei Mercedes. Mit Blick auf den strauchelnden Autoriesen sagt sie am Dienstagabend: „Ich glaube, ich habe auf das richtige Pferd gesetzt. Es ist gut, dass ich gegangen bin.“ Großes Gelächter im Saal.
Immer wieder sind bei den Unternehmerinnen und Unternehmern im Raum nickende Köpfe zu sehen, wenn die Herausforderungen der Bürokratie beschrieben werden. Aber nickt auch die Politik? Zwischen Maultaschen-Büffet und Stehtisch geht die Frage an Esslingens Oberbürgermeister Matthias Klopfer. Haben wir zu viel Bürokratie? „Das ist auf jeden Fall so. Wir müssen schneller werden. Für Unternehmen braucht es bei der Verwaltung zum Beispiel statt mehreren nur einen Ansprechpartner. Das ist effizienter.“ Gleichzeitig seien doch aber viele froh, dass Deutschland ein Rechtsstaat ist. Das geht mit Regeln einher.
Ein gutes Stichwort: Geschäftsführer Christian Planck spannt einen Bogen in die von Trump regierte USA. Dort sei die unternehmerische Haltung zwar positiver als in Deutschland – trotzdem wolle man dem Standort im Kreis Esslingen treu bleiben. Warum? „Die Netzwerke hier sind einfach extrem viel wert“, so Planck. Viele andere Unternehmer stimmen zu. Unterstützung durch die IHK aber ebenso von Hausbanken „auch in schwierigen Zeiten“ - das seien gute Gründe, um in der hiesigen Wirtschaft zu bleiben.