Kseniia Kalmus und Konrad Walter in Kiew Foto: privat
Konrad Walter, Sozialarbeiter und Grünen-Mitglied in Stuttgart, fährt regelmäßig in die ukrainische Hauptstadt, um dort in einem ehemaligen Blumenladen Drohnen für den Krieg gegen Russland zusammenzubauen.
Andrej Schenk und Olena Polotniana.
13.01.2026 - 20:00 Uhr
Der Lötkolben in Konrad Walters Hand kann sich bis zu 400 Grad Celsius aufheizen. Wenn der 39-jährige Stuttgarter in der Werkstatt in Kiew Videotransmitter an ein Drohnengestell lötet, ist Präzision gefragt. Auch der Verantwortungsgrad ist hoch, da Walter nicht mit handelsüblichen Geräten hantiert. Die Werkstatt stellt an einem geheimen Ort in der Hauptstadt Drohnen für die ukrainischen Streitkräfte her – und sieht ganz anders aus, als man sich ein High-Tech-Labor oder ein Widerstandsnest aus Hollywood-Filmen vorstellt.
Vor Ort findet man weder sterile Oberflächen noch bärtige Guerilleros mit umgebundenen Munitionsgurten vor. Die Werkstatt befindet sich in einem ganz normalen Büro in einem ganz normalen Haus, dessen Fenster abgeklebt sind, um die Außeneinsicht zu verdecken. An den Wänden stehen Regale und Tische voller Drohnen-Komponenten, ein Plattenspieler spielt ukrainische Musik und Evergreens. Auf dem knallorangen Sessel döst ein Hund der Freiwilligen. Jedes Möbelstück haben die Freiwilligen aus ihren eigenen Häusern hergeschleppt.
Der Strom der Unterstützung aus dem Westen bricht nicht ab
Auch zum Ende des vierten Kriegsjahres findet der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine kein Ende. Allein am Heiligabend töteten Moskaus Luftangriffe mehrere Zivilisten im ganzen Land. Doch auch der Strom der Unterstützung aus dem Westen bricht nicht ab: Über die Grenzen des angegriffenen Landes kommen Waffen, Hilfsgüter – und auch Menschen aus der EU und Deutschland. Kiew blieb bis vor kurzem noch eine lebendige Metropole trotz des Krieges: Cafés, Bars, Kunstgalerien waren offen, Menschen trafen sich auf Plätzen, diskutierten über Politik und Kultur, als sei Normalität ein Akt des Widerstands. Selbst nach den schweren russischen Angriffen Anfang Januar, die einen Teil der Stadt ohne Strom und Heizung zurückließen, heißt die Stadt weiterhin Besucher willkommen.
Laut VisitKyiv.com, einem unabhängigen Informationsprojekt für ausländische Ukraine-Besucher, sind allein im ersten Halbjahr 2025 fast 1,2 Millionen Ausländer in die Ukraine eingereist. Nach Angaben des Grenzschutzes stammten davon rund 25 000 aus Deutschland – wie Konrad Walter. In seiner Heimat Stuttgart ist er bei den Grünen aktiv.
Nicht alle von ihnen haben hehre Motive: Manche kommen auch, um eine günstige Zahnbehandlung zu bekommen oder als bloße Kriegs-Touristen. Walter hat andere Ziele: „Ich hätte nie gedacht, dass ich in meiner Freizeit einmal Drohnen für ein Schlachtfeld zusammenbaue. Ich mach das aber, weil ich die Verteidigungsfähigkeiten der Ukraine im Rahmen meiner beschränkten Möglichkeiten unterstützen möchte“, sagt er. „Ich habe ja nicht darauf gewartet, dass ich endlich etwas potenziell Tödliches produzieren darf. Wie alle Ukrainerinnen und Ukrainer hätte auch ich am liebsten nie etwas mit einem Krieg zu tun gehabt.“ Aber er will auch nicht tatenlos der Zerstörung des Landes durch die russischen Besatzer zusehen.
Auch die Drohnen-Werkstatt, in der Konrad Walter arbeitet, ist ein Produkt des Krieges. Vor dem Krieg war die Inhaberin Kseniia Kalmus eine erfolgreiche und mehrfach ausgezeichnete Kiewer Floristin. Im Laufe des Krieges tauschte sie die Rosenschere gegen einen Lötkolben und gründete die NGO KLYN Drones. „Um nicht zu weinen, sammele ich Spenden für Drohnen“, steht seitdem in ihrer Instagram-Biografie.
Drohnen für die Front Foto: privat
„Ich hatte einen Laden von etwa 75 Quadratmeter voller Blumen und jede Menge Freunde, teilweise im Ausland, die spenden oder helfen wollten“, erzählt Kseniia Kalmus in einem Video-Interview. Gleichzeitig hätten viele Zivilisten und Militärs diese Hilfe gebraucht. Die NGO sei schließlich aus der Notwendigkeit entstanden, die Unterstützung zu bündeln. „Freunde, die mich noch aus meiner Zeit als Floristin kennen, sagen, diese Werkstatt sähe der alten sehr ähnlich“, sagt die 37-Jährige, umgeben von surrenden Lötkolben und Drohnenteilen.
Ihr Team stellt so genannte FPV-Drohnen her. Nachdem die Geräte zusammengesetzt sind, werden sie per Post an die Front geschickt. Oft legt das Team den Paketen handgeschriebene Kinderzeichnungen bei. Viele der kleinen Botschaften stammen aus Schulen und Kindergärten des Landes und sollen den Soldaten Mut machen.
Die Drohnen werden manuell navigiert
FPV steht für First-Person-View, eine Ansicht aus der „ersten Person“ also, da sie von Drohnenpiloten durch eine eingebaute Kamera manuell navigiert werden. In Deutschland werden die etwa DIN-A3 großen Geräte vor allem von Kameraleuten bei Hochzeiten, Konzerten oder Landschaftsaufnahmen genutzt. Diese Art von Drohnen können aufgrund einer begrenzten Akkuleistung nur eine kleine Ladung mitnehmen, was sie von den von Russland verwendeten großen automatisierten Drohnen unterscheidet.
Die russischen Lenkwaffen, sogenannte „loitering munitions“ wie die Shahed- oder die Lancet-Modelle, erreichen inzwischen fast die Größe eines Marschflugkörpers und werden de facto wie Langstreckenraketen mit mehreren Dutzend Kilogramm Sprengstoff bestückt. Moskau nutzt solche Waffen seit Jahren, um die zivile Infrastruktur der Ukraine gezielt zu zerstören.
Die kleinen, schwächeren FPV-Quadcopter sind indes vielseitiger. Auch sie können für einzelne Soldaten tödlich sein und auch russisches Militärgerät zerstören. Sie fliegen aber auch über Schützengräben, liefern Informationen oder können dringend benötigte Medizin an die Front bringen – und damit Leben retten. „Die FPVs, die wir bauen, sind nicht wie die russischen Langstreckendrohnen dazu da, um Zivilisten zu terrorisieren“, betont Konrad Walter. „Die von uns gebauten Drohnen zerstörten beispielsweise einen russischen Panzer oder einen Raketenwerfer, sie schützen damit das Leben ukrainischer Zivilisten und Soldaten.“
Konrad Walter entdeckte die Ukraine im Jahr 2010 zum ersten Mal für sich. Im Lauf der Jahre gewann er immer mehr Freunde vor Ort. Vor allem die Folgen der Maidan-Revolution 2014 hinterließen einen bleibenden Eindruck: „Ich war beeindruckt von den Menschen, die nach der Revolution etwas Neues aufbauten“, sagt er. Sogar einen Umzug nach Kiew habe er erwogen.
Die Dorfschule von Nowyj Bykiv, nördlich von Kiew, wurde durch russische Bomben zerstört. Konrad Walter half mit, das Gebäude so weit instand zu setzen, dass heute wieder Unterricht möglich ist. Foto: privat
Doch die russische Invasion 2022 machte ihm und Millionen anderer einen Strich durch die Rechnung. Konrad Walter wollte seine Freunde vor Ort unterstützen und reparierte in den Folgejahren zunächst Häuser in den von Russen zerstörten Dörfern. „Wir haben anfangs mit Freunden viel Wiederaufbau in den befreiten Gebieten betrieben und dabei die zerstörten Dächer von rund 400 Familien, drei Schulen und einer Krankenstation repariert“, sagt er. „Dabei bekamen wir auch viel Unterstützung aus Stuttgart, unter anderem von Stelp e.V. Dafür sind wir sehr dankbar.“
Walter bemerkte bald, dass die rein zivile Hilfe an ihre Grenzen stieß
Doch Konrad Walter merkte bald, dass die rein zivile Hilfe in der Ukraine an ihre Grenzen stößt, solange Putins Truppen ihre Angriffe fortsetzen: „Als die Russen begannen, die ersten Häuser, die wir gerade repariert hatten, erneut zu zerstören, habe auch ich verstanden, dass man an die Ursache gehen muss. Die Ursache sind die Invasoren – und sie werden mit Drohnen bekämpft.“ So kam er zu KLYN Drones. „Ich habe mich entschieden, einen klitzekleinen Beitrag zu leisten, und mir beibringen lassen, wie man lötet. Es fühlte sich anfangs fremd an, ein seltsames Gefühl. Mit der Zeit wurde es besser. Zu sagen, dass mir das Spaß macht, wäre natürlich übertrieben. Aber es ist notwendig.“
Konrad Walter erzählt von schlaflosen Nächten in Kiew, von unerwarteten Einschlägen und auch davon, wie man sich Kenntnisse aneignet, die man eigentlich nie haben wollte: „Am Geräusch erkennen zu können, was gerade durch die Luft fliegt um dich oder andere Menschen in der Stadt zu töten, darauf bin ich nicht stolz. Ich hätte es am liebsten nie gelernt.“
Zusammen mit Millionen von Ukrainern wurden die ehemalige Floristin Kalmus und der Stuttgarter Sozialarbeiter Walter zum Teil einer Entwicklung, die der russische Angriffskrieg der Ukraine aufgezwungen hat. Menschen aus allen Gesellschaftsschichten – Lehrer, Künstler, Taxifahrer – mussten lernen, Drohnen zu bauen oder zu steuern, Codes für das Militär zu schreiben oder Experten für Luftaufklärung werden. Zugleich gibt es natürlich einen wesentlichen Unterschied zwischen den Ukrainern und den ausländischen Helfern, der auch Konrad Walter bewusst ist: „Ich kann jederzeit aufhören und wieder nach Hause fahren. Die Menschen hier können es nicht.“
Er betont, dass er in der Ukraine in seiner Freizeit und als Privatperson handele. Mit Kritik an seiner Arbeit hat er kein Problem: „Wenn Menschen mein Engagement kritisieren, ist das ihr gutes Recht. Wir leben in einem freien Land, hier darf man unterschiedliche Meinungen haben und darüber sprechen. Genau darin liegt ja der Unterschied zu der oft genannten Alternative, sich zu ergeben und unter Besatzung angeblich in Frieden zu leben“, sagt er. „Dann nämlich gäbe es diese Meinungsfreiheit nicht mehr.“
Walter sammelt auch Geld- und Sachspenden
Für Konrad Walter ist der Drohnenbau nur einer der Wege, sich in den ukrainischen Verteidigungskampf einzubringen. Er sammelt in Deutschland auch Geld- und Sachspenden. Kurz vor Weihnachten brach er erneut nach Kiew auf. Zusammen mit anderen Helfern überführte er zwei gekaufte Geländewagen, die in der Ukraine präpariert wurden und den Frontsoldaten zugute kommen sollen. Für seine ukrainischen Freunde hatte Walter Weihnachtsstollen mit im Gepäck. In einigen Monaten will er wieder nach Kiew reisen, um das Drohnenbau-Team von Kseniia Kalmus mit Spendengeldern und seinem persönlichem Einsatz zu unterstützen.