In ihren Erinnerungen mit dem Titel „Um ein Haar. Überleben im Dritten Reich“ beschreibt Marietta Moskin das Grauen, das sie in jenen Tagen erlebt: „Wir befanden uns in einer Kaserne der Wehrmacht, und der Kommandant hatte drei Tage lang mit der SS gestritten, was mit uns werden sollte. Inzwischen lag die Hälfte unserer Gruppe darnieder – aus Erschöpfung, durch Durchfall oder Fieber. Drei Menschen waren in der ersten Nacht nach dem Genuss von Tellern voll köstlicher, dicker Erbsensuppe gestorben. Zu viel auf einmal kann ein ausgehungerter Magen nicht vertragen.“ Die Ankunft der 133 deutschen und holländischen Juden markiert die letzte Etappe des Lagers in Biberach, ehe das Lindele am 23. April 1945 durch französische Truppen befreit wird.
Wer sich der Historie des Gefangenenlagers heute nähern will, kommt an Reinhold Adler nicht vorbei. Der 76-Jährige hat die Geschichte des Internierungslagers in seinem Buch „Das war nicht nur Karneval im August“ kenntnisreich aufgeschrieben. An der Stelle, an der zwischen 1939 und 1945 erst deutsche Soldaten stationiert waren und dann nacheinander britische Offiziere, sowjetische Kriegsgefangene, Zivilisten von britischen Kanalinseln und zuletzt die oben genannten „Austauschjuden“ interniert waren, befindet sich heute die Hochschule für Polizei.
Das Lager als Modell
Reinhold Adler wartet bereits am Eingang, gemeinsam mit Berthold Marschall von der Polizeischule und Stefan Rasser, einem Experten für das unglaublichste Kapitel aus dem Lager, doch dazu später mehr. Die Führung durch das ehemalige Gefängnis beginnt hinter der Eingangsschleuse. Dort steht der ehemalige Uhrenturm, der sich einst auf dem Hauptgebäude des Lagers befunden hat und angeblich aus jeder Ecke des Gefängnisses zu sehen gewesen war. Adler und Rasser, beide in roten Outdoor-Jacken gekleidet, und Marschall, trotz oberschwäbischer Herbstluft in Polizeiuniform mit kurzem Hemd ausgestattet, bitten weiter zur Erkundungstour in das Gebäude, in dem ein Modell des Lagers in einem Schaukasten steht.
Das Modell wurde 1971 nach einem Foto aus den 50ern gefertigt und hat etwas von einer Märklin-Eisenbahn-Romantik, die der schrecklichen Geschichte des Orts nicht gerecht wird. „Als ehemalige Internierte bei uns zu Gast waren und das Modell zum ersten Mal sehen konnten, haben sie laut gelacht: Das viele Grün in der modellhaften Darstellung habe mit der grauen Realität nichts zu tun gehabt“, erzählt Adler.
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Lange sei die Beschäftigung mit der Geschichte des Lagers Lindele in Biberach tabu gewesen, erklärt Reinhold Adler, der von Freunden und Familie Adi gerufen wird. „Die Biberacher dachten, dass das Lindele ein KZ war, und hatten Angst vor den möglichen Gräueltaten, die hier begangen worden sind.“ Umso wichtiger sei es gewesen, die reale Geschichte aufzubereiten.
An der Dollinger-Realschule in Biberach unterrichtet Adler damals Geschichte. In den 80er Jahren beginnt er gemeinsam mit seinen Schülern, Quellen zu studieren und Zeitzeugen zu interviewen. Das Ergebnis der Forschungen von Reinhold Adler: Anfangs ist man in Biberach angetan von der Kaserne, die über der Stadt errichtet wird. Industrie sucht man in der oberschwäbischen Stadt zu der Zeit vergeblich. Das Gelände gehört einer Brauerei, die das Areal gerne verkauft, weil sie darauf spekuliert, mit den 800 Soldaten, die zunächst hier stationiert werden, gute Geschäfte machen zu können. Baubeginn ist im Februar 1939. Bereits im Juni wird der Einzug des Ersatzbataillons des Infanterieregiments 56 aus Weinsberg mit einem Schützenfest gefeiert. Neidisch schauen die Biberacher zum Lindele-Hügel hinauf: „Das Lager ist modern, es gibt Toiletten mit fließendem Wasser, das hatten in diesen Tagen hier nur die Wohlhabenden“, sagt Reinhard Adler.
Blamage für das Schreckensregime
Zum Entsetzen der Biberacher sind die Soldaten aber genauso schnell wieder weg, wie sie gekommen sind: Sie müssen im September 1939 an die Front, an den Westwall. Die Kaserne steht einige Monat leer. Dann beginnt die Zeit, in der das Lager für verschiedene Kriegsgefangene genutzt wird. Ob es von den Nazis von Anfang an eigentlich als Internierungslager geplant war? Darauf gibt es keine abschließende Antwort.
Die Jahre, die der Ort von den Nationalsozialisten dann als Gefangenenlager genutzt wird, beginnen mit einer riesigen Blamage für das Schreckensregime. Rund 900 britische Offiziere werden in Biberach eingesperrt. Den Soldaten Ihrer Majestät gefällt es in der Provinz anscheinend nicht ganz so gut. Einige Offiziere buddeln einen über 40 Meter langen Tunnel, der unter der Ofenplatte in einer ihrer Baracken beginnt und hinter dem Stacheldrahtzaun endet, von den Wachen hinter einer leichten Anhöhe nicht einsehbar. Die Soldaten graben mit allen Utensilien, die ihnen zur Verfügung stehen, Löffel, Becher. Bretter aus Schränken und Betten nutzen sie, um den Tunnel abzustützen. Die ausgehobene Erde spülen sie die Toiletten hinunter. „Bis in die 50er Jahre hinein soll es in den Gebäuden auf dem Areal immer wieder zu verstopften WCs gekommen sein“, erzählt Berthold Marschall von der Polizei.
Die spektakuläre Flucht hat nicht nur rohrverstopfende Aushubkonsequenzen, sondern schenkt 26 britischen Offizieren am 13. September 1941 die Freiheit. Liest man etwas mehr über Tunnel und Flucht, kommt man zu dem Schluss, dass hier das viel zitierte Herrgöttle von Biberach im Spiel gewesen sein muss: So unglaublich muten Tunnelbau und Flucht an. Vier der britischen Offiziere schaffen es auf abenteuerliche Weise über die Schweiz und Spanien bis in ihre Heimat nach England. Einer von ihnen, Michael Duncan, veröffentlicht später ein Buch mit dem Titel „Underground from Posen“, in dem er beschreibt, wie beklemmend der Ausbruch in dem engen Tunnel gewesen sein muss. An einer Stelle stoßen die Offiziere auf einen Felsen und kommen mit ihrer Ausrüstung nicht weiter: „Ich schwitzte im Dunkeln in unkontrollierbarer Panik. Für einen Moment hatte ich Todesangst, ich schien zu ersticken.“
Die dunkelste Zeit
Mit ihrer Geschichte inspirieren die Briten in Biberach einen weiteren Ausbruch, der 1944 in einem Lager im niederschlesischen Sagan stattfindet, beschrieben von Paul Brickhill im Buch „The Great Escape“, später in einem der bekanntesten Kriegsfilme, „Gesprengte Ketten“, mit Steve McQueen, Charles Bronson, James Garner und James Coburn in den Hauptrollen aufgegriffen. „Hollywood hat mir meine Story geklaut“, soll Michael Duncan später gesagt haben.
Nach der Tunnelepisode werden die Briten aus dem Lager verlegt. Es beginnt die wohl dunkelste Zeit des Lagers: Zwischen November 1941 und Februar 1942 werden 800 sowjetische Kriegsgefangene im Lager Lindele interniert. 146 Gefangene kommen zu Tode. An der Behandlung der Kriegsgefangenen aus dem Osten, von den Nazis als Untermenschen angesehen, erkennt man die schreckliche NS-Rassenideologie.
Von September 1942 an folgt dann die Phase im Lager, die Biberach bis heute prägt: Zivilinternierte der Kanalinseln Guernsey und Jersey werden ins Lager Lindele gebracht. Hitler hatte die winzigen Inseln im Ärmelkanal zwischen Frankreich und England als strategisch wichtig ausgemacht und besetzt. Im Lager in Biberach sind Familien, Männer, Frauen, Kinder interniert. Nach der Befreiung durch die Franzosen kehren die Kanalinselbewohner bis Juni 1945 in ihre Heimat zurück. ihre Nachkommen besuchen Biberach bis heute. Zwischen Biberach und Guernsey – oder Gööönsi, wie Reinhold Adler es mit lang gezogenem ö ausspricht – besteht heute eine enge Partnerschaft.
Was ist geblieben?
Reinhold Adler und Stefan Rasser, der seine Recherchen zur Biberacher Tunnelflucht gerade in einem Buch verarbeitet, haben das Areal der Bereitschaftspolizei mittlerweile verlassen. Sie zeigen zum Abschied die Stelle, an der der Tunnel einst aus dem Lager führte. 2015 mussten die Tunnelüberreste für eine – wie könnte es auch anders sein in Deutschland – Tiefgarage weichen. Wo der Tunnel endete, befindet sich heute ein Spielplatz. Das Einzige, was hier heute angekettet ist, ist ein Bobbycar neben einem Spielplatz.
Drei Straßennamen erinnern in dem Neubaugebiet mit Einfamilienhäusern an die Geschichte des Kriegs: der Tunnelweg, die Guernsey-Allee und der Jerseyweg. Oberhalb des Neubauareals thront wie vor dem Krieg der Hügel mit den Linden, der namensgebend für das Lager war. Hier fahren Biberacher Kinder heute im Winter wieder Schlitten. Von hier aus blicken die Nachfahren der Gefangenen von den Kanalinseln, die Biberach besuchen, auf das Areal der Bereitschaftspolizei, daran denkend, dass seit den Schrecken des sinnlosen Kriegs noch keine 75 Jahre vergangen sind.