Kriegsverbrecher-Aufmarsch „Nazideutschland ist auferstanden“

Von und Tobias Widmann 

Ludwigsburg und Montbéliard gingen die erste deutsch-französische Städte-Partnerschaft ein. Auch deshalb wählte de Gaulle Ludwigsburg als den Ort für seine berühmte Rede an die Jugend. 1966 wäre sie fast zerbrochen.

So berichtete „Paris Match“ über den Ludwigsburger Skandal. Foto: factum/Granville
So berichtete „Paris Match“ über den Ludwigsburger Skandal. Foto: factum/Granville

Ludwigsburg/Montbéliard - Es ist viel los auf dem Neuen Friedhof am 27. April 1966. Dicht gedrängt stehen die Kameraden von Sepp Dietrich bei dessen Beisetzung um das Grab. Etwa 5000 Trauergäste, darunter ehemalige Soldaten der Wehrmacht und der Waffen-SS, sind in die Stadt gekommen. Dietrichs „engste Freunde aus Ludwigsburg“ haben den Termin in der Lokalzeitung annonciert. In Autos und Bussen sind sie aus allen Teilen der Republik und sogar aus Österreich, Holland, Dänemark und Finnland angereist. Der Verkehr staut sich mitten in der Innenstadt. Der Aufmarsch erregt Aufsehen. Eine Augenzeugin beschreibt später in einem Film den Trauerzug von der Bärenwiese zum Friedhof: „Es waren schon so Leute, dass man gesehen hat, es ist militärisch irgendwie. Außerdem hat man den Gesang gehört, wie die gesungen haben alle, das war ja laut, sozusagen, oder ungewöhnlich.“

Die Feier in der Friedhofshalle wird von Lautsprechern nach draußen übertragen. Es ist keine Stunde der leisen Töne. Es werde „ein Mann der Geschichte zu Grabe getragen“, sagt der katholische Dekan Josef Zörlein in der Trauerrede. Zu diesem Abschnitt in der deutschen Geschichte gebe es zwar viele Fragen, aber in diesem Moment suche man nicht nach Antworten. Ähnliche Reden werden an diesem Tag von früher hochrangigen Nazigenerälen gehalten sowie von Vertretern des Verbandes Deutscher Soldaten und der ehemaligen Waffen-SS Österreichs.

Die französische Illustrierte „Paris Match“ hat ihre große Bilderreportage im Kasten. Mit einer Auflage von circa 700 000 Exemplaren druckt das Magazin am 7. Mai 1966 die Skandalgeschichte aus der württembergischen Barockstadt. Auf der ersten Seite des umfangreichen Artikels prangt die doppelte Siegrune, das Zeichen der Waffen-SS, und daneben in fetten Lettern ein Zitat aus dem „Horst-Wessel-Lied“, der Hymne der NSDAP: „Serrez les rangs“ – die Reihen fest geschlossen. Dazu das Foto von der singenden Menschenmenge, die um den Kriegsverbrecher Dietrich trauert.

Entsetzte Reaktionen in Frankreich

Die Reportage schlägt in Frankreich wie eine Bombe ein. Ihre Botschaft haben die Autoren explizit formuliert: „Für die Zeit einer Beerdigung ist in Ludwigsburg Nazideutschland wieder auferstanden.“

Heute steht Ludwigsburg wie keine andere Stadt in Deutschland für die Freundschaft der beiden Nachbarländer. Die allererste deutsch-französische Städtepartnerschaft wurde hier 1950 mit Montbéliard geknüpft. Ein starkes Zeichen in Richtung Aussöhnung. Auch deshalb wählte Charles de Gaulle Ludwigsburg als den Ort für seine berühmte Rede an die Jugend vor 50 Jahren, zu deren Jubiläum die Staatschefs Angela Merkel und François Hollande am kommenden Samstag ins Schloss kommen. Bis heute folgten mehr als 2000 Partnerschaftsverträge diesem Vorbild. Was kaum einer weiß: vier Jahre nach der De-Gaulle-Rede wäre die mühsam aufgebaute Freundschaft fast an dem Trauerspiel um den Nazi Sepp Dietrich zerbrochen.

Geboren 1892 als Joseph Dietrich dient sich der Sohn eines bayerischen Gastwirts nach oben in eine Spitzenposition des Naziregimes. 1911 tritt er in die bayrische Armee ein, schon 1923 ist er unter den Hardlinern, die Adolf Hitler für seinen Putschversuch um sich schart. Er ist Mitbegründer der Ludwigsburger SS. Nachdem er 1934 die Exekution der Führungsriege der konkurrierenden Sturmabteilung (SA) um Ernst Röhm geleitet hat, befördert ihn Hitler zum Kommandeur seiner Leibwache. Er wird zum Generaloberst der Waffen-SS und führt 1944 die 6. SS-Panzerarmee an der Ostfront.




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