Kriegswaisen in der Ukraine Die Frau mit den 8000 ukrainischen Kindern

Wegen des russischen Angriffskriegs besuchen diese Kinder in Kharkiv eine unterirdische Schule, um sie vor Bomben zu schützen. Andere haben Elternteile im Krieg verloren (Symbolbild). Foto: IMAGO/Lehtikuva/Vesa Moilanen

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs haben Tausende Kinder in der Ukraine Elternteile verloren. Eine private Organisation kümmert sich um die Kriegswaisen.

Mitte Februar 2022 hatte Antonina geheiratet. Die Wirtschaftswissenschaftlerin, Fachfrau für Marketing, verbrachte die Flitterwochen mit ihrem Mann auf Bali. Und träumte von einem Leben mit Haus, Kindern und Hund. Am 24. Februar begann der Krieg – und das Paar stellte die Weichen um. Heute, zwei Jahre später, hat Antonina etwa 8000 Kinder – Waisenkinder. Waisen, die der Krieg in der Ukraine produziert hat.

 

Anfang März hat Antoninas Mann Danylo Pasko, tätig als Anlageberater, seine elf Mitarbeiter gefragt, ob sie bereit seien, eine Organisation aufzubauen, die sich um Kriegswaisen kümmert. Ohne Bezahlung. Zehn von ihnen waren dabei. Ihr Mann und zwei weitere Kollegen hätten je 50 000 Dollar (47 000 Euro) bereitgestellt. Jeder habe eine eigene Abteilung bekommen und aufgebaut. Antoninas Aufgabe waren die Social-Media-Organisation, Logo- und Webseiten-Entwicklung, andere haben ein Callcenter eingerichtet, wieder andere über das Internet versucht, Kinder zu finden. „Wenn wir über das Internet von Bombardierungen gehört haben, haben wir versucht, die betroffenen Familien zu erreichen. Ich erinnere mich an die ersten Kinder, die wir in die Stiftung aufgenommen haben – zwei Schwestern im Alter von 16 Jahren, Zwillinge, aus Cherson, und ihr 18-jähriger Bruder. Ihre Eltern wurden in ihrem Auto erschossen.“

Inzwischen betreuen sie mehr als 8000 Kinder

Diese Kinder hätten enorme Schwierigkeiten gehabt und ihr Mann habe sich zunächst selber um sie gekümmert und für finanzielle und psychologische Unterstützung gesorgt. „Wir haben dann einen Psychologen eingestellt, der sie fachlich richtig gut betreut hat. Danach haben einzelne Teammitglieder weitere Kinder ausfindig gemacht, auch ich selber habe vier Kinder gefunden und unterstützt – und wir haben mehr Psychologen eingestellt.“ Das war der Beginn von Children of Heroes. „In den ersten drei Monaten haben wir alle unentgeltlich gearbeitet, wir haben unsere Jobs ruhen lassen, weil sie uns gerade nicht so wichtig erschienen“, erinnert sich Antonina. Dann habe man zügig begonnen, für einzelne Aufgabengebiete Leute einzustellen, die dafür ausgebildet sind. „Unsere Organisation wurde nicht an einem Tag gegründet, sondern sie hat sich Schritt für Schritt entwickelt.“, erzählt Antonina.

Antonina Golovach hat Children of Heroes mitgegründet. Foto: childrenofheroes.org

„Von den zehn Leuten, die mit uns begonnen haben, waren nach einem Jahr acht in ihre Jobs zurückgekehrt, nur eine Kollegin und ich sind noch dabei. Wir sehen jetzt, dass wir es schaffen, als unabhängige Organisation zu arbeiten und betreuen inzwischen mehr als 8000 Kinder – darunter etwa 700 Vollwaisen. Leider kommen jeden Tag neue hinzu.“

Graswurzel-Initiative wird professionelle Organisation

Eine echte Graswurzel-Initiative – und eine inzwischen hochprofessionell aufgestellte dazu. Als den Spiritus Rector hinter allem nennt sie ohne Zögern ihren Mann, Danylo Pasko. Von ihm erzählt Antonina, er habe als 16-Jähriger seinen Vater verloren und früh viel Verantwortung übernehmen, mitverdienen müssen. Die „Mission“ der gemeinnützigen Stiftung trägt seine Handschrift: die Erinnerung an die gefallenen Helden ehren und für ihre Kinder ein Umfeld schaffen, in dem sie sich gut entwickeln und für sich selbst und die Ukraine eine Zukunft aufbauen können.

Inzwischen wird über alle wichtigen Dinge in einem abgestuften Verfahren entschieden, schließlich haben die Direktoren und die Vorstände das letzte Wort. Drei international besetzte Aufsichtsgremien sitzen in den USA, den Niederlanden und der Ukraine, alle Mitglieder haben enge Verbindungen zur Ukraine.

Mitarbeiter in der gesamten Ukraine melden, wenn sie nach russischen Bombenanschlägen von Kindern hören, die Eltern verloren haben. Auch von der Front kommen Informationen. Viele wüssten inzwischen von ihnen, was auch daran liegt, dass es eine PR-Abteilung gibt.

Kinder bekommen Psychotherapie, Lebensmittel, Geld

Man gebe den Hinterbliebenen eine gewisse Zeit, etwa fünf Tage, um den ersten Schock zu verarbeiten, dann gehe man auf sie zu. Damit ein Kind in das Programm aufgenommen werden kann, bedarf es seiner Geburtsurkunde und der Todesurkunde des Elternteils, das durch Kriegsfolgen ums Leben gekommen ist. Verteilt über die gesamte Ukraine – ausgenommen sind die besetzten Gebiete – gibt es aktuell 56 sogenannte Familienhelfer, die persönlich auf die Familien zugehen und ab dann in regelmäßigem Kontakt bleiben. Familienhelfer haben einen entsprechenden beruflichen Hintergrund und werden vor ihrer Einstellung sorgfältig auch auf Sicherheitsaspekte hin überprüft – und sie erhalten ihrerseits regelmäßig Hilfe, da sie viel Belastendes erleben. Alle sind fest angestellt, um die Kontinuität in der Beziehung zu Familien zu sichern.

Die Familienhelfer finden die genauen Bedarfe der Kinder und Familien heraus und geben diese an die Organisation weiter. Zudem hat childrenheroes.org 21 Psychotherapeuten unter Vertrag, die sich um die Kinder und Witwen kümmern, zumeist online. Sie müssen Erfahrung in Trauma-Behandlung mitbringen. Zumindest zehn Stunden Psychotherapie erhält jedes frisch verwaiste Kind zeitnah, ebenso das verwitwete Elternteil. Neben humanitärer Hilfe wie Lebensmittel und Kleidung erhalten die Familie finanzielle Unterstützung. Ebenso wichtig ist der Organisation aber, dass die Kinder an Camps teilnehmen – mit und ohne Eltern –, von Therapeuten begleitet, dass sie Sprachkurse machen, eine Reise ans Meer oder ins Ausland, Laptops erhalten, dass in ihre Bildung und berufliche Entwicklung investiert wird. Dazu gehören Mentoren-Programme, Praktika und enge Begleitung bei der Berufsfindung. Aber auch Angebote, die einfach für Lebensfreude sorgen sollen. Wer einmal aufgenommen ist, wird bis zum 19. Geburtstag betreut. Gleichbehandlung der Kinder und ihr Schutz, insbesondere auch der Schutz ihrer Daten, gehören zu den Prioritäten.

4000 Sponsoren unterstützen die Kinder

Dafür braucht es verlässliche Partner. Diese zu finden ist eine von Antoninas Hauptaufgaben. Es gibt private Spender, die einfach über die Webseite zu ihnen finden. Der Großteil aber von insgesamt etwa 4000 Sponsoren sind Firmen, Unternehmen, Geschäftsleute, Restaurants. Im In- und Ausland. Alle Vertragspartner müssen sich einem Testverfahren durch die Sicherheitsabteilung unterziehen – wegen der vielen Tausend nach Russland entführten Kinder.

Den außerordentlich hohen Organisationsstandard und die Effektivität ihrer Arbeit erklärt Antonina damit, dass alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Geschäftsleute seien und hochprofessionell. „Wir sind sehr flexibel, nicht bürokratisch, wir haben professionelle Entscheidungsabläufe, wir sind sehr schnell. Alles ist digitalisiert.“ Alle arbeiten aus der Ferne, also per Laptop von irgendwo in der Ukraine oder auf der Welt – Antonina oft aus Dublin, intern kommuniziert wird über ein „chatboard“. „Es gibt nicht einmal ein physisches Büro“, erklärt sie lachend.

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