Links die Folgen der Überflutung in Rudersberg, rechts Martin Schelleis, Bundesbeauftragter für Krisenresilienz bei den Maltesern. Foto: 7aktuell.de/Kevin Lermer / Foto: Malteser
Hochwasser, Stromausfälle, Unsicherheit: Der Zivilschutz-Experte Martin Schelleis ordnet ein, wie gut Deutschland auf Krisen vorbereitet ist – und warum private Vorsorge wichtig ist.
Hochwasser, Pandemien, Stromausfälle, Cyberangriffe, Krieg, Brände – Krisen werden immer wahrscheinlicher. Gleichzeitig ist die Fähigkeit vieler Menschen, sich im Ernstfall selbst zu versorgen, gering. Was das für den Bevölkerungsschutz bedeutet und wie gut Deutschland auf die nächste Krise vorbereitet ist, ordnet Martin Schelleis ein. Er ist Bundesbeauftragter für Krisenresilienz bei den Maltesern und einer der führenden Zivilschutzexperten in Deutschland.
Bevölkerungsschutz sei ein Überbegriff, erklärt der frühere Generalleutnant. Während der Katastrophenschutz Ländersache ist, fällt die zivile Verteidigung in die Zuständigkeit des Bundes. „Heute müssen wir das gemeinsam denken“, sagt Schelleis. Naturkatastrophen nähmen in Häufigkeit und Intensität zu, hinzu kämen neue Bedrohungen wie Cyberangriffe, Desinformation oder die veränderte Sicherheitslage in Europa.
So gut ist Deutschland auf Krisen vorbereitet
Grundsätzlich verfüge Deutschland über gute Fähigkeiten im Katastrophenschutz: „Die Strukturen sind professionell und leistungsfähig“, sagt Schelleis. Gleichzeitig seien in den vergangenen Jahrzehnten deutliche Lücken entstanden – vor allem im Bereich der zivilen Verteidigung.
Hinzu kommt ein zentrales Problem: „Wir wissen oft gar nicht, worauf wir uns konkret vorbereiten müssen.“ Welche Szenarien eintreten, wie viel Personal und Material erforderlich wäre, lasse sich nur schwer vorhersagen. Entsprechend wahrscheinlich sei, dass Deutschland nicht auf alle Gefahren gleichermaßen gut vorbereitet sei.
Schelleis unterscheidet bei der Krisenvorsorge zwischen drei Ebenen, die ineinander greifen: die Vorgaben des Staates, die Vorbereitung von Institutionen – und die der einzelnen Menschen. Die Eigenvorsorge der Bevölkerung sei dabei nicht zu unterschätzen.
„Der Staat und die Hilfsorganisationen können nicht überall sofort helfen“, sagt er. Bis Unterstützung anlaufe, könnten Stunden oder gar Tage vergehen. Umso wichtiger sei es, dass Menschen wüssten, wie sie sich in dieser Zeit selbst helfen könnten – etwa bei einem Stromausfall. Dazu gehöre auch der Blick auf das Umfeld: ältere Nachbarn, Menschen mit Einschränkungen, Familien mit Kindern.
Schüler lernen, was es bedeutet, für Krisen vorbereitet zu sein
Wie solche Eigenvorsorge aussehen kann, zeigt sich derzeit ganz konkret am Georg-Büchner-Gymnasium in Winnenden(Rems-Murr-Kreis). Dort lernen Schüler in einer neuen Arbeitsgemeinschaft der Malteser, was es bedeutet, für Krisen vorbereitet zu sein – vom Packen eines Notrucksacks bis zur Planung eines Notvorrats. Für Martin Schelleis sind Schulen ein zentraler Ort, um Bevölkerungsschutz verständlich und angstfrei zu vermitteln.
Bei der Katastrophenschutz-AG am Georg-Büchner-Gymnasium in Winnenden hatten die Schüler die Aufgabe, einen Notvorrat einzukaufen. Foto: Marijan Murat/dpa
„Es geht nicht darum, Panik zu erzeugen“, betont der Experte. Wer wisse, was zu tun sei, gehe mit Krisen selbstbewusster um. Schulen müssten nicht nur organisatorische Pläne für den Ernstfall haben, sondern auch Schüler einbeziehen. In Ländern wie Japan sei es längst üblich, Krisensituationen in der Schule regelmäßig zu üben.
Vorsorge scheitert häufig an der Umsetzung
Dass sich Menschen zunehmend mit der Vorsorge beschäftigen, beobachtet Schelleis durchaus. Trotzdem sieht er einen dringenden Nachholbedarf: „Viele wissen, dass Vorsorge für den Krisenfall wichtig ist – setzen es aber nicht konsequent um.“
Schelleis verweist auf den Ratgeber „Vorsorgen für Krisen und Katastrophen“ , den das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe bereitstellt. Darin werden Vorbereitungs- und Handlungsempfehlungen für verschiedene Notsituationen zusammengefasst. Der Ratgeber enthält auch Checklisten, die bei der Umsetzung unterstützen sollen.
Grundausstattung für den Ernstfall
Essen und Trinken: z.B. Trinkwasser, haltbare Lebensmittel
Information und Kommunikation: z. B. Kurbelradio, Warn-App
Licht und Wärme: z.B. Taschenlampe, Decken
Hausapotheke: z.B. persönliche Medikamente, Verbandsmaterial
Notgepäck: z.B. Mappe mit wichtigen Dokumenten, Powerbank
Hygiene: z.B. Seife, Toilettenpapier
Brandschutz: z.B. Rauchmelder, Feuerlöscher
Sonstiges: z.B. Bargeld, Atemschutzmaske
Schelleis: Vorbereitung statt Alarmismus
Projekte wie die AG in Winnenden sind für Schelleis ein wichtiger Baustein, um die Bevölkerung auf den Krisenfall vorzubereiten. Sie sind Teil eines größeren Ganzen: eines Rahmens, den der Staat setzen müsse, ergänzt durch vorbereitete Institutionen – und Menschen, die wissen, wie sie im Ernstfall handeln können. Bevölkerungsschutz, so Schelleis, beginne nicht mit Alarmismus, sondern mit realistischer Vorbereitung.