Kritik an neuer Grundschulempfehlung Ist die Aufregung über Kompass 4 gerechtfertigt?
Das Kultusministerium weist die Kritik von Eltern an den neuen Kompetenztests zurück und nimmt Stellung zu der Frage, was Kompass 4 kann und was nicht.
Das Kultusministerium weist die Kritik von Eltern an den neuen Kompetenztests zurück und nimmt Stellung zu der Frage, was Kompass 4 kann und was nicht.
Bei der Umstellung auf das neue G9-Gymnasium steht aktuell der Kompass-4-Test im Fokus, das neue Element in der künftigen Grundschulempfehlung. Eltern klagen, der Test sei sehr schlecht ausgefallen, vor allem weil er in Mathematik zu schwierig gewesen sei. Es fehle im Verfahren überdies an Transparenz. Wie reagieren Schulleitungen, Schulamt und das Land auf die Kritik?
Der Test sei „verhältnismäßig anspruchsvoll gewesen, vor allem in Mathematik“, sagt der Rektor einer Stuttgarter Grundschule. Und dies nicht allein wegen der dafür nötigen Rechenfähigkeit, auch das sprachliche Verständnis der Kinder war bei einigen Aufgaben entsprechend gefordert. In dem Test sei „gymnasiales Niveau abgeprüft worden“, erklärt der Schulleiter. Auch die Korrekturanweisungen für die Lehrkräfte sind offenbar recht streng. Ermessensspielräume für eine großzügige Bewertung der Tests etwa durch die Vergabe von Teilpunkten habe es nicht gegeben. Womit der Schulleiter den Kompass-Test nicht in Frage stellen will. Dass die Lehrkräfte mit diesem zusätzlich „ein Instrument von außen bekommen“ für die Bildung der Grundschulempfehlung, sei „so verkehrt nicht“.
Aufsichtsbehörde auch für die Stuttgarter Grundschulen ist das Staatliche Schulamt. Eltern hätten sich nach den inzwischen korrigierten Tests zumindest beim Staatlichen Schulamt nicht beschwert, sagt die Schulamtsdirektorin Petra Meyer. Und die Rückmeldungen der Schulen zeigten, dass die Kompass-Tests hier „reibungslos abgelaufen sind“. Allerdings hätten Schulen auch deutlich gemacht, „dass es Kinder gab, die sehr angespannt waren“, erklärt Petra Meyer. Manche Lehrkraft hätte deshalb erst einmal Entspannungsübungen mit den Kindern gemacht, „um Druck rauszunehmen“.
In den meisten Fällen deckten sich die Ergebnisse des Tests mit den bisherigen Leistungen der Schüler, betont die Schulamtsdirektorin. In Mathematik aber habe es „Abweichungen“ gegeben. Das seien aber nur „vereinzelte Fälle“, größere Notenabweichungen seien „nicht stuttgartweit“ aufgetreten. Dass der Matheteil von Schülern als schwierig empfunden wurde, könne auch damit zu tun haben, dass in dem Test der Stoff der dritten und vierten Klasse berücksichtigt worden sei. „Da war manches vielleicht nicht mehr so frisch“, kann sich Petra Meyer vorstellen. Die Schulen hätten aber bestätigt, dass der Kompass-4-Test trotz der „herausfordernden Aufgaben gut auf dem E-Niveau lag“. E steht für das erweiterte Niveau von Gymnasien, M für das mittlere Niveau an Realschulen, das grundlegende G-Niveau für den Weg zum Hauptschulabschluss.
Zur Erstellung des Kompass-4-Tests habe das Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg (IBBW) zwei unabhängige Kommissionen eingerichtet. Eine sei mit erfahrenen Lehrkräften, die andere mit Fachleuten aus der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften besetzt gewesen, erklärt das Kultusministerium. Der Prozess sei überdies von Experten der Pädagogischen Hochschulen wissenschaftlich begleitet worden. Die Aufgaben wurden auf Basis des Bildungsplans der Grundschule und der Bildungsstandards für den Primarbereich der Kultusministerkonferenz erstellt. „Anschließend hat das IBBW einen Praxischeck durchgeführt“, so das Ministerium. Petra Meyer bestätigt diese „Probephase“. Zumindest für Lehrkräfte war Kompass 4 nicht ganz neu. Seit etwa zwei Jahren hätten die Schulen „freiwillig und unbenotet“ den Test einsetzen können, sagt die Schulamtsdirektorin. In Stuttgart hätten auch viele Schulen mitgemacht. Angesichts der heutigen Kritik machte ein Sprecher des Kultusministeriums aber deutlich: „Konstruktive Rückmeldungen nehmen wir gerne auf.“
Wie das Kultusministerium betont auch Schulamtsdirektorin Meyer, beim Kompass-4-Test handle es ich nur um ein „zusätzliches Unterstützungstool“ zur Empfehlung für die weitere Schullaufbahn der Kinder. Durch „landesweit einheitliche Aufgaben“ biete es für Lehrkräfte wie für Eltern „eine gute Vergleichbarkeit und eine objektive Ergänzung ihrer eigenen Bewertungen“, betont das Ministerium. Durch die geltende Regel „2 aus 3“ mit den Elementen Elternwille, Empfehlung des Lehrerkollegiums und Ergebnis von Kompass 4 habe der Test nicht die alles entscheidende Bedeutung. Das Testergebnis diene der „Entscheidungsunterstützung“ und sollte laut Ministerium „getrennt von der eigenen Einschätzung beziehungsweise des Lehrerkollegiums gesehen werden“. Auch wenn der Test nicht so gut wie die sonstigen Leistungen des Kindes ausgefallen sein sollte, gelte: „Wenn sich Lehrerkollegium und Eltern einig sind, ist der Gymnasialbesuch möglich“, schreibt das Ministerium.
Auch der weitere Ablauf ist transparenter als von manchen gedacht. Die Eltern bekommen das Ergebnis mitgeteilt und können bei den in den Schulen teils bereits laufenden Beratungsgesprächen „Einsicht in die Arbeiten ihrer Kinder nehmen“.