Kritik an Tests für Viertklässler Ist Kompass 4 wirklich objektiv? – „Gymnasien werden immer elitärer“

Die Grundschule dürfe nicht auf Mathematik und Deutsch reduziert werden, sagt der Grundschulverband Baden-Württemberg. Foto: Marcel Kusch/dpa

Am Mittwoch und Donnerstag schreiben die Viertklässler in Baden-Württemberg Kompass 4. Der Grundschulverband kritisiert die Tests scharf. Das sind die Argumente.

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Den ersten Test haben die Kinder geschafft. Am Mittwochvormittag haben alle Viertklässlerinnen und Viertklässler in Baden-Württemberg Kompass 4 in Deutsch geschrieben. Am Donnerstag folgt für sie noch der Mathe-Test.

 

Derweil lehnt der Grundschulverband die Tests rundweg ab. Kompass 4 verstärke die technokratische Verkürzung des Bildungsverständnisses, so die Kritik. Die Grundschule dürfe nicht zu einem Ort werden, an dem Kinder auf Testleistungen reduziert werden, sondern müsse ein Ort des Lernens, Förderns und Wachsens bleiben.

Bei Bildung geht es nicht nur um Mathe und Deutsch

Besonders kritisch sieht der Grundschulverband, dass Kompass 4 sich ausschließlich auf Deutsch und Mathematik konzentriert. Denn Bildung sei mehr als ein Testergebnis in zwei Fächern. Sozial-emotionale Kompetenzen, kreative Fähigkeiten, Mehrsprachigkeit oder unterschiedliche Entwicklungsgeschwindigkeiten würden ignoriert. Damit werde ein sehr einseitiges und verkürztes Bild von Bildung und Leistung gezeichnet.

Statt Ressourcen in Tests zu investieren, fordert der Grundschulverband mehr Unterstützung für individuelle Förderung, multiprofessionelle Teams und gute Rahmenbedingungen durch mehr Personal, kleinere Klassen und gezielte Förderangebote für Kinder mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen.

Darüber hinaus warnt der Grundschulverband vor sozialen Ungleichheiten. Kompass 4 sei nur auf den ersten Blick objektiv, in Wirklichkeit seien vor allem Kinder aus bildungsnahen Milieus in solchen Tests erfolgreich, was insbesondere an ihren „bildungssprachlichen Kompetenzen“ liege. Das führe dazu, dass überwiegend Kinder aus bildungsnahen Familien Gymnasialempfehlungen bekämen und die Gymnasien immer „elitärer“ würden – „eine gefährliche, milieuspezifische Verengung des Selektionsprozesses“.

Der Grundschulverband fordert daher die Landesregierung auf, die Tests noch einmal kritisch zu überprüfen und echte Förderung vor „ungerechte sowie unnötige Selektion“ zu stellen.

Kompass 4 ist ein Teil der neuen verbindlichen Grundschulempfehlung, welche die Landesregierung im vergangenen Jahr im Zuge des Rückgangs zum neunjährigen Gymnasium eingeführt hat. Der Test kann mit darüber entscheiden, ob ein Kind aufs Gymnasium gehen darf oder nicht.

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