Diese Illustration aus der Frontex-Broschüre zeigt Wiedersehensfreude im Heimatland. Doch viele Familien würden dort niemanden kennen, sagen Anja Bartel vom Flüchtlingsrat und der Stuttgarter Aktivist Rex Osa. Foto: Kratz (Screenshot)
Mit einer Broschüre will Frontex Kinder auf ihre Abschiebung vorbereiten. Doch die Darstellung sei realitätsfern und zynisch, sagen Kritiker. Stimmen aus Stuttgart.
Das erste Öffnen der Broschüre habe bei ihr ein „schockierendes Kopfschütteln“ ausgelöst. „Das sieht aus wie ein fröhliches Kinderbuch, in dem jemand auf Reisen geht und Abenteuer erlebt“, sagt Anja Bartel, Leiterin der Geschäftsstelle des Flüchtlingsrats Baden-Württemberg in Stuttgart, und ergänzt: „Ich habe den Eindruck, dass eine solche Darstellung der Wahrheit nicht gerecht wird.“
Die Rede ist von einem „Leitfaden zur Rückkehr“, herausgegeben von der EU-Organisation Frontex. Dieser ist für Sechs-bis Elfjährige gedacht und wurde Anfang des Jahres neu aufgelegt. Jüngst sind im Internet vernichtende Kommentare dazu aufgetaucht. „Wen es da nicht schüttelt vor Abscheu, der hat kein Herz“, heißt es zum Beispiel in einem Beitrag auf netzpolitik.org.
In der Broschüre ist von einem „Umzug“ zu lesen
„Sind Sie aus einem anderen Land nach Europa gekommen? Kehrt Ihre Familie jetzt nach Hause zurück oder ziehen Sie um in ein anderes Land? Dann könnte dieses Buch Ihren Kindern helfen“, ist in der Einleitung der Frontex-Broschüre zu lesen. Und weiter steht dort: „Diese Reise bedeutet für die Kinder eine große Veränderung. Manches könnte ihnen schwerfallen.“
Auf knapp 25 Seiten wird den Mädchen und Jungen erklärt, dass sie das Land verlassen müssen, in dem sie aktuell leben, weil es „Gesetze und Vorschriften“ gibt. Ihnen wird in Aussicht gestellt, dass sie bis zu ihrer Abreise wahrscheinlich in einer Einrichtung bleiben, in der sie Mahlzeiten bekommen und im Bedarfsfall medizinisch versorgt werden. Im Anschluss daran wird dargestellt, wie die „Reise“ ins Heimatland wohl ablaufen wird.
Auch auf die Frage, wie es nach der Ankunft weitergeht, hat die Broschüre eine Antwort: „Im Land Deiner Familie wirst Du viel erleben und kennenlernen, das neu und ganz anders ist.“ So etwas sei immer aufregend. „Darum hab keine Angst, Neues zu entdecken – vielleicht nette neue Lehrer, nette neue Freundinnen und Freunde oder leckere neue Süßigkeiten.“ Ausgeschmückt ist alles mit vielen bunte Bildchen.
In dem Frontex-Leitfaden wird den Kindern auch erklärt, wie ihre „Reise“ wohl ablaufen wird. Foto: Kratz (Screenshot)
„Was geht in den Verfasserinnen und Verfassern einer solchen Broschüre vor? Sind das Menschen, die noch nie Kontakt hatten zu Personen, die von Abschiebungen bedroht sind?“, sagt Anja Bartel und spricht von einem „riesengroßen Spagat zwischen der brutalen Realität und diesem farbenfrohen Bilderbuch“. Sie ergänzt: „Ich frage mich, wie das passieren kann. Entweder es ist nur Ignoranz, was schlimm genug wäre. Oder es steckt eine politische Absicht dahinter, dass man die Deutungshoheit darüber behalten will, dass man auch Abschiebungen kindgerecht ausgestalten kann, und die Abschiebung mit einem Leitfaden in der Hand vielleicht nur halb so schlimm ist.“
Allein schon die Formulierung „nach Hause“ sei zynisch
Für Anja Bartel ist allein schon die Formulierung „nach Hause zurückkehren“ zynisch. Denn die Familien würden die Entscheidung keinesfalls freiwillig treffen, sondern „gegen ihren Willen aus Deutschland entfernt“. Und ein „Zuhause“ seien die Länder, in die sie geflogen werden, in aller Regel auch nicht. „Viele Kinder sind vorher noch nie dort gewesen, weil sie schon in Deutschland geboren wurden“, sagt Anja Bartel. Gegenüber dem Flüchtlingsrat würden Menschen immer wieder ganz klar kommunizieren, dass sie im Falle einer Abschiebung Angst um ihr Leben hätten.
Der Stuttgarter Aktivist Rex Osa vom Verein Refugees 4 Refugees hat nahezu täglich Kontakt zu Familien, die abgeschoben wurden oder denen eine Abschiebung bevorsteht. Vor 20 Jahren flüchtete er aus Nigeria, nachdem er in seinem Heimatland verhaftet und gefoltert wurde, weil er sich politisch engagiert hatte. Asyl in Deutschland erkämpfte er sich vor Gericht. Heute hilft er Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen, wie er damals. Zu dem Frontex-Leitfaden sagt er: „Das ist eine absolute Absurdität.“ Die Verfasser hätten keinerlei Gefühl für Menschenwürde. Mit einem „Umzug“ und einer Rückkehr in die „Heimat“ habe eine Abschiebung gar nichts zu tun. „Die Familien haben in der Regel keinerlei Perspektive in den Ländern, in die sie abgeschoben werden. Sie kennen dort niemanden.“ Die Kinder, die völlig unschuldig und zufällig in diese Situation geraten, würden darunter am meisten leiden und oft ein lebenslanges Trauma davontragen.
Persönliche Beratung statt „gedruckter Worte“
Auch die Beratungszentren des Jugendamts begleiten Familien, die vor einer Abschiebung stehen – wenn auch nur vereinzelt. „Uns geht es dabei vor allem darum, zu schauen, wie wir die in Deutschland verbleibende Zeit gut nutzen können, wir schauen also zum Beispiel, was das Kind für den Schul- oder Kita-Besuch braucht. Und wir wollen die Eltern stärken, dass sie die Fragen der Kinder gut beantworten können“, sagt die Amtsleiterin Katrin Schulze. Den Frontex-Leitfaden habe sie bis dato nicht gekannt. Sie finde es aber auch ohnehin schwierig, „Menschen in so einer besonderen Lebenssituation ein Heftle in die Hand zu drücken“. Denn in einem solchen Ausnahmezustand „helfen doch keine gedruckten Worte“, sagt Schulze, da brauche es persönliche Gespräche und Begleitung.
Frontex selbst antwortet umgehend auf die Presseanfrage dieser Zeitung: „Dieser Leitfaden wurde entwickelt, um Kinder in einem Moment zu unterstützen, der oft verwirrend und belastend ist. Ziel ist es, Kindern grundlegende, altersgerechte Informationen zu geben, damit sie besser vorbereitet sind“, heißt es in der schriftlichen Stellungnahme. Der Leitfaden sei mit Unterstützung von Kinderrechtsexperten erstellt worden und orientiere sich an bewährten Grundsätzen kindgerechter Kommunikation. „Er verwendet einfache Sprache und nachvollziehbare Bilder, um Ängste zu verringern – nicht, um die Realität zu verharmlosen“, schreibt die EU-Organisation.
Frontex sei sich der starken Reaktionen bewusst, die der Leitfaden ausgelöst habe. Und diese Reaktionen könnten auch nicht überraschen, denn: „Es handelt sich um ein schwieriges Thema, das echte menschliche Emotionen berührt. Doch manchmal vernebeln Emotionen die Fakten und führen zu Missverständnissen.“ Das Ziel des Leitfadens sei „einfach und menschlich: Kinder und Familien in einem ohnehin schon belastenden Moment zu unterstützen“.
Zahlen zur Abschiebung
Bundesrepublik In den ersten drei Monaten dieses Jahres sind 6151 Menschen aus Deutschland abgeschoben worden, darunter 1118 Minderjährige. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervor, die der Bundestag online veröffentlicht hat. Hochgerechnet auf das ganze Jahr könnten demnach insgesamt 24 000 Menschen abgeschoben werden – und damit deutlich mehr als in den Vorjahren. 2024 wurden insgesamt etwa 20 000 Menschen aus Deutschland abgeschoben, 2023 waren es rund 16 500 Abschiebungen. Die Zahl könnte in diesem Jahr allerdings noch stärker steigen: Die Abschiebungen in den ersten Monaten des Jahres lagen noch in der Verantwortung der alten Bundesregierung. Insbesondere CDU und CSU haben angekündigt, dass es künftig mehr Rückführungen geben soll.
Baden-Württemberg und Stuttgart Aus Stuttgart sind laut dem Regierungspräsidium Karlsruhe von Januar bis Ende Mai 2025 70 Menschen abgeschoben worden, darunter zwei Kinder. 2024 waren es 181 Menschen, davon 29 Kinder und 2023 169 Menschen, worunter sechs Minderjährige waren. In Baden-Württemberg sind von Januar bis Ende Mai 1581 Menschen abgeschoben worden, darunter 367 Kinder; 2024 waren es 2873 Menschen, darunter 603 Kinder und im Jahr 2023 waren es 2099 Menschen, darunter 312 Kinder.