Kritik von Herrenberger Pianistin „Jugend musiziert“ – erst unfair, jetzt zu lasch?
Wegen einer verschärften Zulassung bei „Jugend musiziert“ hatte die Herrenberger Pianistin Annique Göttler 2025 zum Boykott aufgerufen.
Wegen einer verschärften Zulassung bei „Jugend musiziert“ hatte die Herrenberger Pianistin Annique Göttler 2025 zum Boykott aufgerufen.
Anfang des Jahres 2025 hat die Konzertpianistin und Youtuberin Annique Göttler mit einem Video namens „Die Zerstörung von Jugend musiziert“ in Deutschlands klassischer Musikszene mächtig Aufruhr ausgelöst. In dem Clip äußerte Göttler, die auf Youtube Hunderttausende Abonnenten hat, scharfe Kritik am Deutschen Musikrat für dessen angekündigte Änderungen bei den Zulassungskriterien für den Bundeswettbewerb von „Jugend musiziert“.
Konkret ging es darum, dass der für die Organisation des traditionsreichen Wettbewerbs zuständige Deutsche Musikrat das Teilnahmefeld verkleinern wollte. Pro Bundesland sollte demnach nur noch eine bestimmte Zahl an Teilnehmenden zugelassen werden – auch wenn mehr Jugendliche beim Landeswettbewerb die erforderliche Punktzahl erreichen. Ein Schlag ins Gesicht für alle Nachwuchstalente.
Annique Göttler, für die der Wettbewerb in ihrer Jugend ein wichtiger Bestandteil ihrer eigenen Karriere war, veröffentlichte als Reaktion darauf ein Protestvideo auf Youtube. In diesem erklärte sie die Problematik und rief zum Boykott des Bundeswettbewerbs auf. „Stell dir vor, du qualifizierst dich für den hochkarätigsten Wettbewerb für Jugendliche in Deutschland“, sagte Annique Göttler damals. Zum Bundeswettbewerb eingeladen zu werden, sei nämlich so etwas wie ein Ritterschlag. „Und dann sagt einer: „Du nicht. Ohne Begründung, obwohl du den Zettel in der Hand hältst, dass du da hingehörst.“
Laut Annique Göttlers Recherchen wurde die Änderung der Regularien seitens des Deutschen Musikrats mit finanziellen Problemen begründet. „Diese wurden allerdings nicht transparent aufgeschlüsselt“, kritisierte sie. Außerdem äußerte die 30-Jährige den Verdacht, dass die Kontingentierung auch auf den Erfolg Baden-Württembergs bei dem Wettbewerb zurückführen sei. Das Bundesland stellt nämlich jährlich besonders viele Teilnehmer. Diese Vermutung hatte sie später jedoch revidiert.
Der Deutsche Musikrat reagierte auf Göttlers Vorwürfe mit deutlichen Worten. Das Gremium kritisierte die Aussagen als „sachlich-grob“, „irreführend“ und „manipulativ“. Der Deutsche Musikrat bedauerte außerdem, dass Göttler nicht vorab das direkte Gespräch gesucht habe. „Aber das haben viele Leute versucht, und alle wurden abgewimmelt“, verteidigte sich die Pianistin in einem zweiten Video, das sie als Antwort auf die Reaktion des Musikrats veröffentlichte. Der Musikrat sei ihr auch eine Antwort darauf schuldig geblieben, welche ihrer Aussagen denn konkret falsch waren.
Am Ende kam die neue Zulassungsregelung doch nicht zum Einsatz und so erhielten 2025 trotz Kontingentierung alle, die sich über den Landesentscheid qualifiziert hatten, eine Weiterleitung zum Bundeswettbewerb. Zumindest galt dies für Baden-Württemberg. „Ich habe aber von anderen Bundesländern gehört, in denen das nicht so war“, sagt Annique Göttler.
All diese Ereignisse liegen mittlerweile rund ein Dreivierteljahr zurück. Ende Januar starten die neuen Regionalwettbewerbe für die diesjährige Auflage von „Jugend musiziert“. Ein erneutes Gespräch mit dem Deutschen Musikrat gab es Göttler zufolge nicht. Allerdings hat das Gremium die Zulassungsregeln für den Bundeswettbewerb vor einiger Zeit erneut angepasst. In den Solo-Kategorien erhalten nun alle eine Einladung zum Bundeswettbewerb, die auf Landesebene 25 Punkte erreichen. Ensembles brauchen für eine Qualifizierung mindestens 24 Punkte.
„Für die jungen Musiktalente bedeutet das mehr Transparenz und Verlässlichkeit“, erklärt Professor Martin Maria Krüger, Präsident des Deutschen Musikrats, in der offiziellen Erklärung. „Wer die erforderliche Punktzahl erreicht, kann sicher mit einer Einladung zum Bundeswettbewerb rechnen.“ Eine Kontingentierung ist demnach kein Thema.
Die in Herrenberg aufgewachsene Annique Göttler hat sich dazu nicht mehr auf Youtube geäußert. Nicht, weil ihr die Sache egal geworden ist. Sondern weil es ihr an Zeit und Energie mangelt, wie sie im Gespräch mit unserer Zeitung erklärte. Der neuen Regelung gegenüber zeigt sie sich allerdings ebenfalls misstrauisch. „Es ist auf jeden Fall besser als die Kontingentierung“, sagt sie.
Dass nur noch Jugendliche mit genau 25 Punkten zum Bundeswettbewerb zugelassen werden, könne aber auch dazu führen, dass die 25 Punkte inflationär genutzt werden und der Wettbewerb nicht mehr die tatsächliche Leistung abbilde. „Ich denke, dass dann vielleicht auch Jugendliche 25 Punkte erhalten, die eigentlich nicht ganz so gut sind“, so Göttler. Außerdem erinnere sie sich noch gut daran, wie es war, mit 23 oder 24 Punkten zum Bundeswettbewerb zugelassen zu werden. „Da hatte man dann eine richtige Motivation, im Bundeswettbewerb abzuliefern und die Leistung zu steigern.“
Grundsätzlich kann die Profimusikerin verstehen, dass der Deutsche Musikrat den Wettbewerb attraktiver gestalten will. Göttler befürchtet allerdings, dass das Leistungsniveau beim Bundeswettbewerb durch die neuen Regeln auf Dauer gesenkt werden könnte. „Klar ist ein Preis motivierend“, gibt die selbst vielfach bei dem Wettbewerb ausgezeichnete Musikerin zu. „Aber es kann auch demotivierend sein, wenn der Preis nichts mehr wert ist.“
Die Pianistin
Annique Göttler (Jahrgang 1995) ist Konzertpianistin und Youtube-Influencerin. Ihr Kanal „heartofthekeys“ hat 293 000 Follower. Bei „Jugend musiziert“ war sie schon mehrfach als Jurorin eingeladen. Ihr Protestvideo erhielt knapp 186 000 Aufrufe und überwiegend positive Kommentare. Zu einem Boykott kam es allerdings nicht.
Der Wettbewerb
Vom 31. Januar bis zum 1. Februar findet in der Sindelfinger Musikschule (SMTT) der Regionalentscheid für die diesjährige Auflage von „Jugend musiziert“ statt. Die erfolgreiche Teilnahme qualifiziert für den Landeswettbewerb (18. bis 22. März) in Ditzingen und Waldstetten, danach findet vom 21. bis zum 31. Mai der Bundeswettbewerb in München und Regensburg statt.