Große Herausforderung für den Sport in Baden-Württemberg: Theresa Schopper (im Bild mit dem neuen Ministerpräsidenten Cem Özdemir) ist in der Landesregierung nicht mehr die einzige Ansprechpartnerin für Jürgen Scholz und den LSV. Foto: Imago/Eibner, Hettrich
Jürgen Scholz, der Präsident des Landessportverbandes Baden-Württemberg, kritisiert die Zuständigkeiten innerhalb der neuen Regierung: Sport ist auch dem Bauministerium zugeordnet.
Im Sport ist immer auch die Perspektive wichtig. Der nächste Schritt. Der Blick nach vorne. Insofern waren die Top-Funktionäre in Baden-Württemberg nicht unglücklich darüber, dass über die wichtigste Zukunftsfrage noch mit der alten Landesregierung verhandelt wurde – ohne großartig daran denken zu müssen, was sich durch die anstehende Wahl womöglich verändern könnte. Zwei Wochen vor dem Urnengang wurden Fakten geschaffen und der „Solidarpakt Sport V“ unterzeichnet, der den Vereinen und Verbänden neue Spielräume verschafft: Ab 2027 erhöht das Land die jährliche Förderung von rund 105 Millionen Euro auf 121 Millionen Euro, ein Plus von 80 Millionen Euro für die nächsten fünf Jahre. Dazu kommen die Mittel für die Infrastruktur. „Die Vereinbarungen geben uns nicht nur Planungssicherheit“, sagte Jürgen Scholz, der Präsident des Landessportverbandes Baden-Württemberg (LSV), nachdem er unterschrieben hatte, „sie sind auch ein eindrückliches Zeichen dafür, wie wertvoll der Sport für das Land ist.“ Mittlerweile sind von Jürgen Scholz allerdings auch andere Töne zu hören – deutlich kritischere.
Das hat nichts mit dem neuen Solidarpakt zu tun. Sondern mit den Geschehnissen nach der Wahl. Und der Frage, welches Ministerium künftig für welche Themen zuständig sein wird. „Als es darum ging, was für den Sport sinnvoll ist und was nicht“, sagt Jürgen Scholz, „waren wir nicht eingebunden.“ Mit dem Ergebnis ist der LSV-Präsident, im Hauptberuf seit 1990 Bürgermeister von Sersheim, denn auch alles andere als zufrieden: „Da wiehert der Amtsschimmel – und zwar heftig!“
Jürgen Scholz: Baden-Württemberg geht einen ganz eigenen Weg
Bisher war die Sache eindeutig geregelt: Alle Anliegen des Sports sind im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport gebündelt gewesen, dessen Chefin Theresa Schopper (Die Grünen) seit Januar 2025 auch die Vorsitzende der deutschen Sportministerkonferenz ist. Diese klare Zuständigkeit gibt es nun nicht mehr, der Sport taucht bei keinem der zwölf Ministerien im offiziellen Titel auf. „Was in Baden-Württemberg passiert ist“, sagt Jürgen Scholz, „gibt es so in keinem anderen Bundesland.“
Treffen bei der „Sportler des Jahres“-Gala in Baden-Baden: Landesministerin Theresa Schopper und Markus Gaugisch, Bundestrainer der deutschen Handballerinnen. Foto: Imago/wolf-sportfoto
In den ersten Gerüchten, die den LSV erreichten, war noch die Rede davon gewesen, dass der Sport ins Staatsministerium des bekanntermaßen sportbegeisterten Ministerpräsidenten Cem Özdemir wandern würde. Umso überraschter waren die Funktionäre über die Lösung, die nun gilt: Der Sport wird aufgeteilt. Für den Leistungssport, die außerschulische Förderung und die Infrastruktur ist künftig das Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen zuständig, der klassische Schulsport bleibt im Kultusministerium, um die Belange der (Sport-)Jugend kümmert sich das Arbeits- und Sozialministerium. „Das Konstrukt ist wahnsinnig unübersichtlich und bedeutet für uns eine große Herausforderung“, sagt der LSV-Präsident, „bisher fühlt sich das an, als würden wir uns in einem Dunkelraum bewegen, in dem zudem noch Nebelkerzen gezündet wurden.“ Es gibt allerdings auch einen Lichtblick.
Jürgen Scholz freut sich auf weitere Zusammenarbeit mit Theresa Schopper
Es ist laut Scholz zwar ein „eigenartiges“ Gefühl, dass ein wesentlicher Teil des Sports nun zum Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen gehört, doch wenigstens die Ansprechpartnerin bleibt dieselbe. Denn Theresa Schopper, die frühere Kultusministerin, ist nun die neue Bauministerin im Land. „Sie wollte unbedingt weiterhin für den Sport zuständig sein“, erklärt Jürgen Scholz, „dass es so gekommen ist, darüber sind wir froh, denn wir sind bisher sehr gut mit ihr gefahren. Und natürlich kann die Verbindung zwischen Sport und Bauen sinnvoll sein.“ Dafür dürften die Entscheidungswege an anderer Stelle komplizierter werden.
Schon jetzt befürchtet der LSV-Präsident, dass es künftig bei wichtigen Themen zu „unangenehmen Hängepartien“ kommen könnte: „Bei vielen Entscheidungen, die zu treffen sind, gibt es nun mehr als ein zuständiges Ministerium. Das wird Zeit kosten. Wir hätten uns mehr Stringenz in der Arbeit und Zielgerichtetheit gewünscht.“
Ob sich noch einmal etwas ändern lässt? Wohl kaum. Zwei Forderungen hat der Sport im Land aber trotzdem. „Wenn schon bei den Zuständigkeiten alles durcheinander gewürfelt wird, dann benötigen wir wenigstens Kontinuität im Personaltableau und gehen davon aus, dass das bisherige Sportreferat als unser zentraler Ansprechpartner eine Einheit bleibt“, sagt Jürgen Scholz. Und zum anderen wünscht sich der LSV-Chef, dass die Wichtigkeit des Sports sich darin zeigt, dass er weiterhin im Namen eines Ministeriums zu finden ist. „Wir müssen uns neu sortieren. Es ist immer auch eine Chance, bisherige Strukturen zu überdenken“, sagt Jürgen Scholz, „allerdings ist der Sport im Land schon jetzt eine Erfolgsgeschichte. Deshalb muss er offiziell in der Bezeichnung eines Ministeriums auftauchen.“ Es geht schließlich immer auch um die Perspektive.