Mittlerweile werden Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen elektronisch an die Krankenkassen übermittelt. Die offiziellen Zahlen stiegen dadurch weiter an. Foto: dpa/Jens Büttner
Ola Källenius hat immer wieder die häufigen krankheitsbedingten Ausfälle von Arbeitnehmern in Deutschland kritisiert. Im EU-Vergleich ist die Anzahl der Fehltage überdurchschnittlich hoch. Ganz so einfach ist die Sache trotzdem nicht.
Wenn es darum geht, zu begründen, warum wieder Arbeitsplätze aus Deutschland ins Ausland verlagert werden, verweist Mercedes-Benz gerne auf die hohen Arbeitskosten hierzulande. Um 70 Prozent seien diese in Ungarn niedriger, hieß es im Frühjahr, als der Stuttgarter Autobauer ankündigte, tausende Jobs von Deutschland in sein ungarisches Werk in Kecskemét zu verlagern. Was Mercedes in Deutschland insbesondere stört: die häufigen krankheitsbedingten Ausfälle.
„Der hohe Krankenstand in Deutschland ist ein Problem für die Unternehmen“, erklärte der Vorstandsvorsitzende Ola Källenius bereits im vergangenen Herbst. Es dürfe nicht so einfach sein, sich krankzumelden, das habe wirtschaftliche Folgen. Aber ist das wirklich so? Sind die Arbeitsunfähigkeitsregelungen zu locker in Deutschland? Und gefährdet der hohe Krankenstand den Wirtschaftsstandort?
In der Tat hat Deutschland ein sehr großzügiges Lohnfortzahlungssystem im Krankheitsfall: Anders als etwa in Frankreich, Italien oder Spanien gibt es keine Karenzzeit; der Arbeitgeber zahlt ab dem ersten Tag den vollen Lohn, und das für bis zu sechs Wochen.
Auch andere Länder aus Nord- und Mitteleuropa wie Norwegen, Dänemark oder Österreich haben eine hundertprozentige Lohnfortzahlung ab Tag eins der Krankheit.
Andere Länder beschreiten einen Mittelweg und zahlen in den ersten Tagen nur einen eingeschränkten Anteil des Lohns. In der Slowakei, wo Porsche zusammen mit Volkswagen, Audi und Skoda ein gemeinsames Werk betreibt, wird bis zu zehn Tage Lohnfortzahlung vom Arbeitgeber gewährt – für die ersten drei Tage in Höhe von 25 Prozent des Bruttolohns, ab dem vierten Tag sind es 55 Prozent. In Ungarn beträgt die Lohnfortzahlung 70 Prozent des Bruttolohns, für maximal 15 Werktage pro Jahr.
Hohe Ausgaben für kranke Arbeitnehmer
Auch im Hinblick darauf, ab wann und in welchem Umfang die Krankenkassen einspringen, gibt es große Unterschiede. Besonders großzügig sind die Regelungen in Luxemburg, wo Arbeitgeber das volle Gehalt für bis zu elf Wochen zahlen, anschließend übernimmt die Nationale Gesundheitskasse für bis zu eineinhalb Jahre den vollen Lohnausgleich. In Deutschland bekommen längerfristig Arbeitsunfähige etwas weniger Krankengeld, die Vorgaben sind im EU-Vergleich aber immer noch sehr arbeitnehmerfreundlich: 70 Prozent des Bruttogehalts zahlen die gesetzlichen Krankenkassen, ebenfalls für bis zu eineinhalb Jahre.
Mercedes-Chef Ola Källenius findet, dass die Arbeitnehmer in Deutschland zu oft krank sind. Foto: dpa/Jörg Carstensen
Das sieht in manchen süd- und osteuropäischen Ländern anders aus: In Ungarn sind es immerhin noch 60 Prozent des Bruttolohns, aber maximal ein Jahr lang. In der Slowakei sind es sogar nur 55 Prozent, ebenfalls für bis zu einem Jahr. Interessant ist auch, sich die Ausgaben der EU-Staaten für Leistungen im Krankheitsfall anzuschauen: Hier war Deutschland 2020 mit 2,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) unangefochtener Spitzenreiter. Ungarn kam nur auf 0,5 Prozent des BIP, Schlusslicht war Griechenland mit 0,2 Prozent des BIP.
Zusammenhang zwischen Lohnfortzahlung und Fehltage
Die gesetzlichen Regelungen für den Krankheitsfall sind das eine. Das andere ist, wie sehr die Arbeitnehmer davon Gebrauch machen. Zieht man die Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) heran, bestätigen diese den Eindruck von Mercedes-Chef Källenius nur zum Teil. Die Untersuchung ergab, dass Arbeitnehmer in Deutschland durchschnittlich 6,8 Prozent der wöchentlichen Arbeitszeit aufgrund von Krankheit verpassen. Damit liegt Deutschland zwar im oberen Mittelfeld, aber weit hinter Spitzenreiter Norwegen mit 10,7 Prozent. Die Arbeitnehmer in der Slowakei (2,7) und Ungarn (2,0) fehlen aber insgesamt deutlich weniger krankheitsbedingt.
Tatsächlich haben verschiedene Studien gezeigt, dass es durchaus einen kausalen Zusammenhang zwischen der Großzügigkeit der Lohnfortzahlung und der Zahl der Fehltage gibt. Das hat sich in Deutschland auch schon ganz konkret gezeigt: Als die Regierung aus Union und FDP im Jahr 1996 die Höhe der Lohnfortzahlung von 100 auf 80 Prozent senkte, ging auch die Zahl der Fehltage zurück. Nach der Rücknahme der Reform durch die rot-grüne Nachfolgeregierung stiegen die Fehltage wieder an.
Andererseits haben die Studien aber auch ergeben, dass bei geringeren Lohnfortzahlungen die Menschen tendenziell eher dazu bereit sind, auch krank zur Arbeit gehen – mögliche Langzeitfolgen inklusive. Wie die DAK herausgefunden hat, geht die hohe Zahl der Fehltage auch nicht darauf zurück, dass die Menschen in großer Zahl blaumachen. Und noch etwas: Eine Umfrage des Beratungsunternehmens EY unter 115 Top-Managern deutscher Industrieunternehmen ergab, dass die Krankentage kaum eine Rolle spielen, wenn es darum geht, warum Firmen planen, Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern. Vielmehr seien Bürokratie und der Fachkräftemangel die Hauptgründe.