Wenn Hans-Peter Östermann einen Stein vor sich hat, dann sucht er darin etwas, was die wenigsten Menschen mit dem harten Material verbinden würden: Den Ausdruck von Bewegung, Dynamik, Leichtigkeit. Die meiste Zeit, sagt der 68-Jährige, sei diese Arbeit eine einsame Angelegenheit: „Da bist nur du und der Stein.“ Deshalb ist das Bildhauer-Symposium, das sein Freund und Lehrer Michael Schützenberger jedes Jahr in Berglen abhält, für den Künstler aus Kernen-Rommelshausen eine willkommene Abwechslung.
Die Antwort auf eine große Frage hat er hier gefunden
Sieben Künstlerinnen und Künstler aus dem Kreis arbeiten während dieser Woche gemeinsam auf dem Hof und in der Scheune. Abends setzen sie sich an den großen Tisch, es wird viel und genüsslich gespeist und noch leidenschaftlicher diskutiert. Denn Schützenberger gibt jedem Symposium ein eigenes Thema. Angesichts all der Katastrophen der vergangenen Monate, sagt Schützenberger, stand es dieses Mal schnell fest: „Was macht ein gutes Leben aus?“ Für Hans-Peter Östermann liegt die Antwort in dem, was er hier auf dem Hof erlebt: Kunst machen, Skulpturen schaffen, sich freundschaftlich austauschen über das, was einen beschäftigt – das mache für ihn ein gutes Leben aus.
Mit dem Meißel hat er der Länge nach eine tiefe Rille in den italienischen Travertin gehauen, den er in dieser Woche bearbeiten will. Wie eine handtaschengroße Bohne liegt der gesprenkelte Stein vor ihm auf der Arbeitsfläche. Steine mit solchen Einsprengseln sind eine Herausforderung: Jeder Meißelschlag fällt anders aus.
Der Bauch sagt, wann eine Arbeit fertig ist – und wann nicht
Was der Stein verkörpern soll, davon hat der Künstler eine klare Vorstellung: Er will ihm eine Momentaufnahme abringen. Das Bild einer Explosion kurz nach dem Knall will er zeigen, das Auseinanderdriften der Teile, die Dynamik der Fliehkräfte. Wann er die Arbeit als abgeschlossen betrachtet, wird wie immer eine Bauchentscheidung sein. Manchmal, sagt er, sei er bei der Heimkehr von der Arbeit so unzufrieden gewesen, dass er sich noch einmal angezogen habe und wieder zurückgekehrt sei zum Stein, um weiterzuarbeiten.
Wie schwer solche Bauchentscheidungen manchmal sind, wissen auch Carmen Hartmaier und Ingrid Lindemann. Deshalb genießen auch sie den Austausch bei der Arbeit. Hartmaier arbeitet mit Holz und mit Stein, Lindemann nur mit Stein. Die beiden haben ihre Werkzeuge abgesetzt und beratschlagen, wie sie ihre Rohlinge weiter bearbeiten. Aber wie kann man einen Ratschlag geben, wenn man gar nicht weiß, was der andere in seinem Material zu erkennen glaubt? Die beiden lächeln. Keiner kann dem anderen sagen, was er als nächstes tun soll. Jeder kann nur sagen, was man selbst tun würde, sagt Ingrid Lindemann.
Flucht, Vertreibung, Friede – all das beschäftigt die Künstler auch
Die Schorndorfer Künstlerin Ebba Kaynak ist einen Schritt weiter. Sie arbeitet an einem neuen Friedenswächter und weiß schon genau, wo er eines Tages stehen wird – vor der Kirche in Welzheim. Der Bürgermeister hat bereits zugestimmt, den Gemeinderat muss sie noch überzeugen. Aus dem Kirschbaum, der einen großen Baumkrebs in sich getragen hat, will sie einen Regenbogen schneiden. Der Friedenswächter soll ihn über die Stadt ausbreiten. Flucht, Vertreibung, Friede – die Themen kommen nicht von ungefähr.
Auch ihre Vorfahren sind einst geflüchtet. Bis heute setzt sie sich damit auseinander, was das aus dem Menschen macht. „Man muss seine Kräfte zentrieren“, sagt sie. Und das Wichtigste dabei: Zu glauben, dass das eigene Tun einen Unterschied macht.