Künstliche Intelligenz aus dem Land Warum Aleph Alpha jetzt umschwenkt

Aleph-Alpha-Gründer Jonas Andrulis Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Statt das weltbeste Sprachmodell zu bauen fokussiert sich das Heidelberger KI-Start-up jetzt auf Lösungen für Verwaltung und Mittelstand. Unterstützung kommt vom ersten Kunden: der Landesregierung.

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Das Heidelberger KI-Start-up Aleph Alpha richtet sich stärker als bisher am Staat als Kunden aus. Am Donnerstag stellten der Gründer Jonas Andrulis und die Vertreter zusätzlich beteiligter Partner eine weiterentwickelte Version des Assistenzsystems F13 vor, die von Mitte August an in allen baden-württembergischen Ministerien und von September an auch in anderen Verwaltungen nutzbar sein soll. Die Landesregierung sei „nicht nur Kunde, sondern Mitgestalter“, so Andrulis.

 

Unter dem Schlagwort F13 sind verschiedene Assistenzprogramme zusammengefasst. Verwaltungsleute können lange Textdokumente zusammenfassen und durchsuchen, in bereits vorliegenden Dokumenten wie den Landtags-Drucksachen recherchieren sowie Entwürfe für E-Mails oder Vermerke erstellen. Das biete „einen ganz konkreten Mehrwert“, sagte der baden-württembergische Staatsminister Florian Stegmann. Das Land sei dabei „Wegbereiter für die deutsche Verwaltung“.

Eine Anwendung: Wohngeldanträge prüfen

Der Aleph-Alpha-Chef Andrulis betonte, dass seine Firma nicht einzelne Anwendungen zur Verfügung stelle, sondern den technischen Rahmen. „Aus einem reinen Anbieter von Sprachmodellen ist ein breit aufgestellter Anbieter eines Produkt-Stacks mit umfangreichen Applikationen geworden“, heißt es in einer Pressemitteilung vom Donnerstag.

Fachanbieter könnten für die Aleph-Alpha-Plattform künftig selbst Programme entwickeln, die konkrete Verwaltungsaufgaben übernehmen – als Beispiel wurde eine Überprüfung von Wohngeldanträgen gezeigt. Die Daten würden in den Rechenzentren der Stackit-Cloud verarbeitet, einer IT-Tochter der Neckarsulmer Schwarz-Gruppe. „Wir dürfen keine Abhängigkeit von ausländischen KI-Anbietern riskieren“, sagte Staatsminister Stegmann.

Aleph Alpha bestätigt mit seiner Ankündigung vom Donnerstag einen in der Branche schon länger erwarteten Strategieschwenk. Das Start-up, das vergangenes Jahr noch als Konkurrent für OpenAI mit seinem Sprachmodell GPT-4 gehandelt wurde, hatte in den vergangenen Wochen mit negativen Berichten über die Leistungsfähigkeit seines eigenen Sprachmodells Luminous und Zweifeln an seinem Finanzierungsmodell zu kämpfen. Die von Aleph Alpha eingesammelten und im Herbst kommunizierten 500 Millionen Euro Investorengelder reichen nicht, um Sprachmodellen von finanziell deutlich potenteren Anbietern wie OpenAI oder der französischen Softwarefirma Mistral Konkurrenz zu machen – zumal bislang offenbar erst ein kleinerer Teil des Gelds tatsächlich bei Aleph Alpha angekommen ist.

Komplizierte Struktur

Tatsächlich sind die Firmen- und Finanzierungsstrukturen kompliziert. Aleph Alpha hat Ende vergangenen Jahres seine Forschungsaktivitäten in eine eigene GmbH ausgelagert, die mittelbar der IPAI-Stiftung gehört – IPAI ist der hauptsächlich von der Schwarz-Stiftung sowie zusätzlich mit bis zu 50 Millionen Euro Landesmitteln geförderte, in Heilbronn verortete KI-„Innovationspark“, der künftig in einem noch zu bauenden IPAI-Campus beheimatet sein soll.

Die Verschränkung sei nicht ganz leicht zu verstehen, gab der Aleph-Alpha-Forschungschef Yasser Jadidi zu. Allerdings könne Aleph Alpha in dieser Struktur seine Sprachmodelle und deren Output nachvollziehbar machen und für nicht kommerzielle Anwendungen zur Verfügung stellen. So soll der Quellcode für F13 noch dieses Jahr veröffentlicht werden. Die kommerzielle Verwertung bleibe Aleph Alpha selbst vorbehalten.

Verwaltungs-KI als „Herzensangelegenheit“

Wie viel das Land für die verbesserte F13-Version gezahlt hat oder künftig zahlt, konnte das Staatsministerium auf Anfrage nicht mitteilen – auch nicht, ob Aleph Alpha für die Unterstützung bei der Entwicklung bezahlt.

Die Vermarktung der KI-Systeme soll der von Staat und Industrie gemeinsam gegründete Verein Govtech Campus zuständig sein. „Es darf und wird nicht bei den in F13 enthaltenen Anwendungen bleiben“, sagte der Vorstand Ammar Alkassar am Donnerstag. KI verspreche nicht nur enorme Effizienzgewinne für die Verwaltungen, sondern sei auch ein Mittel gegen den Fachkräftemangel infolge zahlreicher anstehender Pensionierungen. Für ihn sei die Kooperation mit der Verwaltung eine „Herzensangelegenheit“, betonte wiederum Jonas Andrulis in Richtung des am Donnerstag ebenfalls anwesenden Innenministers Thomas Strobl (CDU).

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