Stuttgarts Kult-Radschrauber Roland Wolbold feiert seinen 80. Geburtstag. Sein Laden am Lederberg ist weit über die Region hinaus bekannt. Auch ein ehemaliger Außenminister nennt einen Rennradrahmen von dort sein Eigen.
Jürgen Löhle
09.04.2025 - 06:00 Uhr
Das Schild neben der Ladentür deutet eher auf eine Arztpraxis hin. „Roland Wolbold“ steht darauf. Darunter „anerkannter Radologe“ und „alle Kassen“. Öffnet man die Tür, sind es nur noch ein Schritt und zwei Stufen hinunter in eine Welt, die so gar nichts mit einer Arztpraxis zu tun hat, obwohl auch hier Menschen geheilt werden. Zumindest von ihren Sehnsüchten nach dem einen ganz speziellen, individuellen Fahrrad.
Schubfächer, Regale – bis unter die Ladendecke
Wer den winzigen Laden am Lederberg betritt, verlässt diese Welt. So muss sich Harry Potter gefühlt haben, als er in der Winkelgasse die Räume des Zauberstabhändlers Ollivander gesehen hat. Überall Schubfächer, Regale, jeder der wenigen Zentimeter ausgenutzt bis unter die Decke. In den Stauräumen lagert nahezu alles, um ein Velo zu kreieren oder zu reparieren. Und links im Eck lehnt er dann meist lässig am Regal, der Herr der Dinge. Meist in Latzhose und Lederschuhen, die wohl nur für ihn produziert werden. Seine Miene verrät – er weiß ganz genau, was in welcher Schublade zu finden ist. Und dann schaut er dich an mit einem Blick, der zu sagen scheint: „O je – der schon wieder.“ Aber das ist eine gewollte Fassade. Sekunden später schallt einem eine freundliche Begrüßung entgegen. Meistens.
Gestatten, Roland Wolbold, gelernter Galvanoplastiker und Stereotypeur, der vor langer Zeit beim Bechtle in der Druckerei geschafft hat und dort an einer Maschine den rechten Zeigefinger verlor. Auch der lagert übrigens im Laden in einem braunen Fläschchen in Formalin. Stammkunden wissen das.
Foto: Bernd /Weißbrod
Radrennen ist er als „Jonger“ (Wolbold) auch gefahren. Als Mitglied der Sportvereinigung 1897 Cannstatt. Das war in den 60er Jahren auch der Verein eines gewissen Joseph Martin Fischer. Der Mann wurde mal württembergischer Jugendmeister und einiges später als Joschka Deutschlands Außenminister und Vizekanzler.
Und als solcher empfing er seinen einstigen Sportkameraden Wolbold mit acht anderen ehemaligen Teamkollegen im Herbst 2004 im Auswärtigen Amt. „Wir waren auch nach fast 40 Jahren gleich wieder beim Du“, sagt Wolbold, der dem Ex-Radler einen Rennradrahmen mitgebracht hatte. „Und am Ende hat sich Fischer dann zu einem Termin mit dem König von Jordanien verabschiedet“, erinnert er sich.
Besuch aus Fernost
Oft kommen aber auch Promis zu ihm in den Laden. So zum Beispiel auch Yozo Shimano, Chef eines der größten Hersteller von Radkomponenten weltweit. Der Japaner wollte sich selbst ein Bild von dem Laden des schwäbischen Kultradschraubers machen. Was Shimano nicht wusste – Wolbold verbaut eigentlich lieber italienische Teile von Campagnolo. Und das seit mittlerweile 50 Jahren.
In der Zeit hat er sich einen Ruf erarbeitet, der weit über Stuttgart hinaus reicht. Wer ein individuell aufgebautes Rennrad will, wer Freund ist von der klassischen Variante mit ein paar Details, die so (fast) keiner hat, wer wirklich fachkundig beraten werden will und später, wenn am Rad mal was klemmt, auch an Sonn- und Feiertagen Hilfe haben möchte, der geht halt seit Jahrzehnten zum Wolbold. Und dort herrscht nicht nur Enge im Laden, sondern auch der reine Sozialismus. Jeder wird gleich behandelt. Der Jugendliche, der einen Achter zentriert haben will, bekommt so lange Aufmerksamkeit, wie es halt dauert. Auch wenn dahinter ein offensichtlich zeitlich angespannter Mensch nervös wippt, der ein paar Tausender für einen Rahmen ausgeben will, den halt nur der Wolbold hat. Das darf er auch – wenn er dran ist.
Dann bekommt er aber ungeteilte Aufmerksamkeit. Ein paar Dinge sollten die Kunden aber wissen. Räder zur Reparatur sollte man geputzt bringen. Und man verkneift sich besser die Frage, wie man das Rad noch schneller bekommt. Wolbolds Replik: „Weniger essen, mehr trainieren.“
Legendär auch seine Antwort auf die Frage, ob er auch Gesäßcreme im Angebot habe. „Selbstverständlich und Sie können die auch fürs Gesicht verwenden.“ Klingt hart, ist aber nicht so gemeint, und mittlerweile erwartet die Kundschaft den ganz eigenen Wolbold’schen Humor auch regelrecht. Am 9. April wird Roland Wolbold nun 80 Jahre alt – und werkelt weiter. Die meiste Arbeit überlässt er zwar mittlerweile seinem Sohn und Geschäftspartner Michail (genannt Mischa). Vor allem das neumodische Zeug wie Scheibenbremse, Elektroschaltungen oder im Rahmen verlaufende Züge fasst er nicht mehr an. Aber wenn es um das klassische Handwerk geht, macht ihm immer noch keiner was vor.
Im klassischen Handwerk zu Hause
Und das soll auch noch ein Weilchen so bleiben am Lederberg. Wie sagt seine Frau Ute immer: „Ich bin seit mehr als 50 Jahren mit einem Radladen verheiratet.“