Kultkneipe in Stuttgart „Kein Schein, nur Sein“ – 30 Jahre Schlesinger, die Geschichte schrieben

Volles Haus in der Schlossstraße: Im Schlesinger kamen Gäste schon in den 90ern auf Bier, zum Fußball, zu Konzerten oder einfach so zusammen. (Archivbild) Foto: Uli Kraufmann

Die Betreiber der Stuttgarter Kultkneipe Schlesinger hören nach 30 Jahren auf. Damit geht eine Ära zu Ende. Die Wirte und treue Wegbegleiter erinnern sich.

Digital Desk: Nina Scheffel (nse)

„Es wird sicher nicht so ganz einfach, aufzuhören. Aber es gibt kein Zurück mehr“, sagt Heribert „Heri“ Meiers. Nach 30 Jahren Schlesinger geben er und Martin „Nolde“ Arnold ihre Kultkneipe in der Schlossstraße in neue Hände – noch ist nicht klar in wessen.

 

Zeit, um zurückzublicken auf all das, was das Schlesinger ist und war – gemeinsam mit denjenigen, die es dazu gemacht haben. Viele der Wegbegleiter und Gäste sind seit Anbeginn der Schlesinger-Zeit mit dabei, manche sogar noch länger. Denn ab 1986 mischten die Gründer schon im legendären Casino im Stuttgarter Süden mit: Heribert Meiers als einer der Chefs, Martin Arnold und Jörg „Tschelle“ Schelling, der 2020 verstorben ist, am Zapf und im Service. „Wir haben das gemacht, wo wir selbst am liebsten hingegangen wären – einen Ort, den es damals noch nicht gab“, erinnert sich Johannes Zeller, damals Co-Wirt im Casino und später Mitgründer des legendären Clubs Unbekanntes Tier.

Mit dem Casino ist 1994 Schluss, nach einer Baupause findet das Schlesinger ab 1996 seinen Platz zwischen Universität, Börsenplatz und DGB-Haus in der Stadtmitte.

„Wie ein Familientreffen“: Punkrock, Fußball, Bier und gutes Essen für alle

Im biederen, noch wenig experimentierfreudigen Klima des Stuttgarts der 90er Jahre muteten das Casino und später das Schlesinger fast schon anarchisch an, erinnern sich die Macher und Wegbegleiter. Von Beginn an machten drei Dinge die Kneipe aus: Punkmusik, Fußball und Bier.

Die Leidenschaft für die Musik – vor allem Jörg „Tschelle“ Schelling war leidenschaftlicher Punkrocker und Schlagzeuger, unter anderem in der Ska-Band No Sports – zeigte sich auch im Programm des Schlesinger. Gerade in den Anfängen fanden wilde Konzerte statt. Dann mussten Stühle und Tische weichen, die Kneipe verwandelte sich in einen Live-Club. „Die Konzerte waren immer wie eine Art Familientreffen, bei dem die Szene zusammenkam, Spaß hatte und tanzte“, erinnert sich No Sports-Sänger- und Gründer Michael Friedrich, der als gelernter Grafikdesigner auch hinter dem Schlesinger-Logo steht.

Die Band No Sports in der ehemaligen „Raucherhütte“ des Schlesinger. Foto: No Sports

Die Gigs entstanden meist über Bekanntschaften und Bands, die einen Bezug zum Schlesinger hatten. Auf der Bühne rockten unter anderem The Bollock Brothers, No Sports, Mark Foggo, Good Men gone Bad, Citizen Fish, The Cleaning Women und viele weitere.

Das Schlesinger – ein Chamäleon in der Schlossstraße

Doch das Schlesinger ist ein Chamäleon. Wenn keine Konzerte gespielt wurden, wurde getrunken, geschwätzt, gegessen. So ist das auch heute noch. „Es ist ein urbaner Treffpunkt für alle“, sagt der Stuttgarter Kolumnist und Autor Joe Bauer. Privat und auch mit seinem „Flaneursalon“ war und ist er selbst häufig Gast. Egal, ob Handwerker, Geschäftsleute oder Studierende – im Schlesinger gibt es keine Generationen- oder Milieugrenzen.

Man brauche sich nicht zu verabreden, denn man treffe ohnehin immer jemanden, ergänzt Michael Friedrich. „Kein Schein, nur Sein“, fasst Johannes Zeller die Atmosphäre zusammen. „Man kann hier so sein, wie man will. Das ist das Schöne und Heimelige an der Kneipe.“

Public Viewing in der „Rumänien-Loge“ – Fußball gehört zur DNA des Schlesinger

Neben der Leidenschaft für Punkrock und Bier – jährlich zelebrieren Meiers und Arnold der Tag des deutschen Bieres mit dutzenden Biersorten – verfolgen Gäste im Schlesinger gemeinsam WM-, EM- und VfB-Spiele.

Heri und Nolde am Tag des deutschen Bieres im Schlesinger: Aus verschiedenen Regionen suchen sie sich jedes Jahr unterschiedliche Sorten zusammen. (Archivbild) Foto: Susanne Kern

„Da hing schon ein Video-Beamer an der Decke, als die Dinger noch größer waren als ein Auto“, erzählt Joe Bauer. Lebhaft erinnert er sich an die sogenannte „Rumänien-Loge“, die die Macher im Jahr 2004 eröffneten, nachdem das deutsche Team vor der EM in Portugal ein Spiel in Rumänien vergeigt hatte. In einem Käfig mit schräger Tapete, Bildschirm, Kühlschrank und eingebautem Klo konnte man abseits der meist bis zum Rand gefüllten Kneipe autonom feiern. „Das Ganze haben wir mehrere Jahre betrieben“, erinnert sich Heri Meiers und lacht. „Sogar Firmen haben das gebucht.“

Fußballfans bei einem Länderspiel im Schlesinger. Foto: Max Kovalenko

„Es ist kein Wirthaus, bei dem man sich mit einem Bier in die Ecke stellt und wartet, bis man umfällt“, so Bauer. Im Gegenteil. „Connector“ seien sie gewesen, der Heri, der Nolde und der Tschelle, betont Ex-Wirtskollege Johannes Zeller. „Wenn ich wissen will, wie geht’s eigentlich dem und dem, dann frage ich heute noch den Nolde oder den Heribert. Das Schlesinger war schon immer eine Börse für Neuigkeiten.“

Kleine Shows und Überraschungen – ein Markenzeichen der Stuttgarter Kneipe

Auch die legendären, selbstgedrehten Video-Trailer, die die Wirte in den Werbepausen zwischen den Fußballspielen zeigten, gehen in die Geschichte ein. „Das waren immer sehr skurrile Aktionen mit dem ganzen Team“, erinnert sich Heri Meiers. „Wir haben alle Klischees bedient. Vor einem Spiel mit Österreich haben wir mal eine Szene auf einem Bauernhof gedreht.“

Kleine Shows und Überraschungen wie diese sind im Schlesinger Gang und Gäbe. An manchen Abenden empfangen Nolde und Heri ihre Gäste schon mal im Dreiteiler oder mit Fliege. Legendär bleibt auch der Schnaps-Ausschank, bei dem Tschelle den Hochprozentigen untermalt von einer Nebelmaschine verteilte. „Wenn man die Nebelwolke gesehen hat, wusste man, oh, da drüben gibt’s Schnaps“, erinnert sich Michael Friedrich. 

Heribert „Heri“ Meiers und Martin „Nolde“ Arnold bei ihrer Feier zum 30-Jährigen im Schlesinger. Es könnte die letzte große Party gewesen sein, bevor die Macher aufhören. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

S21-Demos und Wasserwerfer: „Ins Schlesinger gehen nicht nur Leute rein, es kommen auch Dinge raus“

Nach dem Motto „Einmal Punk, immer Rebell“ bot das Schlesinger auch S21-Gegnern nach Demos einen Zufluchtsort, Bauers „Kneipe gegen rechts“ fand dort statt und die Grünen veranstalteten hier mehrere Wahlpartys.

„Damals sind aus dem Schlesinger selbst heraus Aktionen entstanden“, sagt Joe Bauer und spielt damit auf einen ausrangierten Wasserwerfer an, den die Wirte mithilfe eines Freundes zur Erinnerung an den „Schwarzen Donnerstag“ anschafften, über Umwege mit einer regulären Zulassung ausstatteten und dann damit zu Demos fuhren. Joe Bauer resümiert: „Ins Schlesinger gehen nicht nur Leute rein, es kommen auch Dinge raus, die das Klima und das Leben in der Stadt mitgestalten.“

Ariane Meriel, Martin „Nolde“ Arnold und Jörg „Tschelle“ Schelling im Schlesinger. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Im Laufe der Jahre hat sich das Schlesinger gewandelt, ist heute mehr Gasthaus als Kneipe. Aber noch immer: „Ein Ort für alle, ein Freiraum zum Trinken und Machen“ – geprägt durch die Wirte und ihr langjähriges Team. Die Kollegin Ariane etwa sei seit fast 20 Jahren mit dabei, Renate, die die Küche schmeißt ebenfalls lange Jahre, so Heri Meiers. „Wir sind wie eine kleine Familie.“

Stammgast Fred Feuerbacher in jungen Jahren (re.) mit Wirt Heribert Meiers (Mi.) und Stuttgarter Hofbräu-Vorstand Martin Alber (li.) Foto: Fred Feuerbacher

Auch die Gäste ihrerseits sind mitgealtert, aber dem Laden treu geblieben. Stammgast Fred Feuerbacher erinnert sich an die erste Party auf der Baustelle des Casino. Später sei er mit in die Schlossstraße „umgezogen“. Im Schlesinger gehört er quasi zum Mobiliar, die Kneipe ist sein Wohnzimmer – wie für so viele andere auch.

„Ein großer Verlust für Stuttgart“: Das Schlesinger, wie es war, wird fehlen

Conny Silbermann, die mit ihrer Band The Cleaning Women mehrfach im Schlesinger auf der Bühne stand und oft zu Gast ist, erinnert sich an wilde Punk-Konzerte und Weihnachtsdiscos. Was die Kneipe für sie ist? „Ein sicherer Hafen“. „Wenn es das Schlesinger so nicht mehr geben sollte, ist das ein großer Verlust für Stuttgart.“

Johannes Zeller können die anderen nur beipflichten, wenn er von einem „Place to be“ spricht. Oder wie das Schlesinger selbst sagen würde: „First Glas in Town – Durst ist Vertrauenssache!“ Eines ist klar: Potenzielle Nachfolger treten in große Fußstapfen.

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