Kultur- und Kongresszentrum in Stuttgart Die Stadt kauft die Sängerhalle

Vor wenigen Tagen hat das 1905 erbaute Gebäude den Besitzer gewechselt. Foto: Steegmüller

Seit Jahren war die Zukunft der Sängerhalle Untertürkheim angesichts hoher Sanierungskosten ungewiss. Nun hat die Stadt Stuttgart das Kultur- und Kongresszentrum erworben.

Als Gerichtssaal für einen Kriegsverbrecherprozess, Unterkunft für Zwangsarbeiter, Streiklokal der IG Metall, Aufnahmestudio für Radiosendungen, Arena für Frauen-Wrestling und natürlich für Konzerte, Veranstaltungen oder Faschingsbälle – die Sängerhalle in Untertürkheim hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Doch die Zukunft des 1905 erbauten Gebäudes im Lindenschulviertel nahe dem Neckar war mehr als ungewiss. Die Chorgemeinschaft Untertürkheim hätte als Eigentümer die geschätzten Sanierungskosten von mehr als 15 Millionen Euro niemals alleine stemmen können. Doch das ist nun Makulatur: „Die Stadt hat die Sängerhalle vor wenigen Tagen gekauft“, sagte Oberbürgermeister Frank Nopper.

 

Applaus auf der Einwohnerversammlung

Der Termin der Bekanntgabe war bewusst gewählt. Bei der Einwohnerversammlung im voll besetzten „altehrwürdigen Gebäude“ verkündete das Stadtoberhaupt die Nachricht und erntete erwartungsgemäß viel Applaus – ohne den Kaufpreis zu nennen. Damit endet eine lange Odyssee.

Seit Jahren wurde um eine Lösung für das marode Kultur- und Kongresszentrum gerungen. Bereits im Doppelhaushalt 2020/21 hatte die Chorgemeinschaft einen Zuschussantrag über 1,9 Millionen Euro gestellt, der Gemeinderat aber lediglich 125 000 Euro für die Erstellung eines Sanierungskonzepts bewilligt. Die Ergebnisse der Untersuchung sind ernüchternd. Es fehlen behindertengerechte Eingänge, der Küchenbereich muss erneuert und die gesamte Bühnentechnik modernisiert werden. Für die Unterbringung der Künstler sind Garderoben mit eigenen Toiletten, Aufzug und Treppe notwendig. Und nicht zuletzt ist die gesamte Haustechnik veraltet und muss auf den neuesten Stand gebracht werden.

Sanierungskosten von mehr als 15 Millionen Euro

Eine Mammutaufgabe, die sich auch in den Kosten von geschätzt 15,2 Millionen Euro widerspiegelt. Angesichts der gestiegenen Baupreise muss aber mit einer weiteren Steigerung gerechnet werden. Was folgte, waren anhaltende Diskussionen im Gemeinderat, ob „die privat geführte Sängerhalle, die von der Stadt für eine Bezuschussung geforderte Gemeinwohlorientierung im Sinne der Förderung des sozialen und kulturellen Wohls der Einwohner der Stadt oder des Stadtbezirks erfüllt“, wie es Verwaltungsbürgermeister Fabian Mayer damals formulierte.

Erst das Umdenken bei den Verantwortlichen der Chorgemeinschaft Untertürkheim sorgte schließlich für einen Wendepunkt. Die Vereinsmitglieder entschieden sich angesichts der erdrückenden Sanierungskosten, die eigengeführte Sängerhalle an die Stadt verkaufen zu wollen. Bereits im vergangenen Jahr hatte die SPD-Gemeinderatsfraktion daher einen Antrag gestellt, dass die Stadt ein Wertgutachten erstellt und in Kaufverhandlungen mit der Chorgemeinschaft tritt.

Neues Betreiberkonzept und neue Gastronomie

Für Stadtrat Michael Jantzer (SPD) stellt das historische Gebäude eine große Chance dar, „in den Oberen Neckarvororten endlich ein Kultur- und Bürgerzentrum zu errichten“. So weit sind die Planungen noch nicht. Laut OB Nopper soll neben einem Sanierungs- auch ein Nutzungs- und Betreiberkonzept erarbeitet werden, bei dem die Belange der Bürger, Vereine und Institutionen berücksichtigt werden. Das beinhalte auch „wieder einen vernünftigen Gastronomiebetrieb anzusiedeln“, nachdem das letzte Lokal nach wenigen Monaten geschlossen hat. In einem ist sich das Stadtoberhaupt sicher: „Die Sängerhalle hat nun eine gute Zukunft“.

Die Chronik der Sängerhalle

Entstehung
Der damalige Liederkranz erwarb im Jahr 1905 das Haus mit Gaststätte in der Lindenschulstraße 29 als neues Vereinsheim. In nur einem halben Jahr errichteten die Vereinsmitglieder zusätzlich eine Halle. Die Chorgemeinschaft, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Liederkranz hervorging, sanierte als Eigentümerin immer wieder das Gebäude.

Nutzung
Im Ersten Weltkrieg diente die Sängerhalle als Lager für französische Kriegsgefangene, im Zweiten Weltkrieg für russische Zwangsarbeiterinnen des benachbarten Daimler-Werks. Nach dem Ende des Naziregimes nutzte die amerikanische Militärregierung das Haus für einen Kriegsverbrecherprozess gegen den ehemaligen Reichswirtschaftsminister Hjalmar Schacht. In den 1950er Jahren nutzte das Radio Stuttgart den Saal für Proben und Aufnahmen, in den 1970er und 1980er Jahren diente er als Streiklokal der IG Metall.

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