Kunst und alles andere Unwissende Revolutionäre

Schminken als Offenlegung des künstlerischen Entstehungsprozesses? Foto: KNA/Harald Oppitz

Bei Bahnfahrten wird unser Kolumnist mit einem Phänomen dieser Zeit konfrontiert und sieht darin womöglich die Überwindung alter Vorstellungen von Schönheit. Jörg Scheller über die progressive Kraft des öffentlichen Schminkens.

Wenn ich im Zug zur Arbeit fahre, sitzen mir immer wieder Frauen, meist junge, gegenüber, die sich in aller Pendleröffentlichkeit schminken. Meine linken Freunde aus dem Kunstbetrieb finden das problematisch. Die Frau unterwirft sich dem Begehren des männlichen Blickes, sie hübscht sich auf für das Patriarchat, sie verschwendet Lebenszeit, die sie zur Überwindung des letzteren und für die nächsten Karrieresprünge bräuchte! Ich als Kunstwissenschaftler sehe das ein bisschen anders und entgegne ihnen, dass das Schauspiel öffentlichen Schminkens auch eine progressive und künstlerische Seite hat, die nur noch nicht als solche erkannt und benannt worden ist.

 

In der Kunstwissenschaft nennt man das „Produktionsästhetik“

Die öffentliche Selbstbemalung ähnelt dahingehend progressiver, modernistischer und avantgardistischer Kunst, dass sie den Entstehungsprozess des Endprodukts offenlegt. In der Kunstwissenschaft nennt man das „Produktionsästhetik“. Anstatt Illusionen zu erzeugen, geben progressive Kunstwerke Hinweise auf ihre Gemachtheit, auf ihre Materialität und ihre Medialität. In der Malerei etwa tritt die ansonsten unter Farbschichten verdeckte Leinwand zutage, die Medienkunst präsentiert technische Apparate, die für gewöhnlich nur Bilder zeigen, als Skulpturen, im Kino oder im Theater durchbrechen Schauspieler die „vierte Wand“, sprechen das Publikum an, reflektieren das Stück, das sie im selben Moment spielen. Schluss mit dem schönen Schein!

Die in Zügen oder sonstwo in der Öffentlichkeit sich Schminkenden stehen, auch ohne es zu wissen, in dieser progressiv-kritischen Kunsttradition. Sie signalisieren, dass Schönheit nicht einfach von Gott oder der Natur kommt, sondern von Menschen mit technischen Mitteln gezielt hergestellt wird. Das hätte Marx und Engels gefallen – die Arbeit und die Produktionsmittel, die einem Kunstwerk zugrunde liegen, werden nicht verbrämt oder verborgen, sondern bewusst zur Schau gestellt.

Beitrag zur Entmystifizierung von Schönheit

Durch die Verlagerung der Arbeit am Selbst vom privaten Boudoir in die Profanität öffentlicher Verkehrsmittel leisten die vordergründig so konformistisch-konterrevolutionären Schminkenden damit einen Beitrag zur Entmystifizierung von Kunst, Schönheit, Ästhetik, ganz im Sinne des Kommunistischen Manifests: „Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet.“ Als Dialektiker erkannten Marx und Engels noch die unfreiwillige revolutionäre, sich selbst unterwandernde Kraft des Bürgertums. Vielleicht sind Revolutionen ja umso erfolgreicher, je weniger die Beteiligten wissen, dass es sich um Revolutionen handelt?

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