Kunst und Kultur in Esslingen Verbot von Theaterplakaten sorgt für „große Verwunderung“
In Esslingen ist eine Richtlinie aus dem Jahr 2008 ins Gerede gekommen: Theaterplakate stören angeblich das Stadtbild. Im Gemeinderat regt sich Widerstand.
In Esslingen ist eine Richtlinie aus dem Jahr 2008 ins Gerede gekommen: Theaterplakate stören angeblich das Stadtbild. Im Gemeinderat regt sich Widerstand.
Mit „großer Verwunderung“ reagiert die SPD-Fraktion auf Esslingens neuesten Ordnungsamtsstreich: Dort kam man womöglich auf die Idee, eine Regelung aus dem Jahr 2008 mit größerem Nachdruck durchzusetzen als zuvor. Demnach dürfen in den Esslinger Fußgängerzonen Kulturtreibende an bestimmten Stellen keine Plakate anbringen, um für ihre Veranstaltungen zu werben.
Offenkundig irritiert, entschloss sich die SPD-Fraktion, einen offenen Brief an den „sehr geehrten Herrn Oberbürgermeister Klopfer“ und „lieben Matthias“ zu schreiben, der ebenfalls ein SPD-Parteibuch hat. Darin bittet die Fraktion darum, bis zu einem neuerlichen Beschluss die Durchsetzung der Alt-Regelung auszusetzen. Das Aktivwerden des Ordnungsamt verstärkt der SPD zufolge „unnötig das von manchen Kreisen forcierte Misstrauen gegenüber der Verwaltung und führt bei den Kulturschaffenden zu Unverständnis“. Um welche Kreise es sich handeln soll, wird nicht weiter ausgeführt.
An die Öffentlichkeit kam das Gebaren des Ordnungsamtes ans Tageslicht aufgrund eines konkreten Falls, der in den sozialen Netzwerken reges Interesse fand. Die Württembergische Landesbühne Esslingen (WLB) veröffentlichte die Information mit dem Bild eines abgerissenen Plakats auf Instagram. „Das ist nicht euer Ernst, oder?“ lautete ein Kommentar. „So langsam muss man sich fragen, ob das Ordnungsamt nichts besseres zu tun hat.“ „Plakatkultur ist auch Kultur“ und „Die Plakate sind eine Bereicherung für die Stadt“ schrieben andere.
Die Verwaltung begründete das Vorgehen so: „Der Gemeinderat hat im Februar 2008 eine ‚Richtlinie zur Handhabung von Sondernutzungserlaubnissen durch Plakatierungen und Anbringen von Transparenten im Stadtgebiet’ beschlossen“, so Freia Günther, stellvertretende Chefin des Esslinger Ordnungsamts. In der Richtlinie sei „zum Beispiel auch aus Gründen der Stadtgestaltung und des Stadtbildes festgelegt worden, dass innerhalb von Fußgängerzonen nicht plakatiert werden darf.“
Aus Sicht der Stadt also ein alter Hut. Die Auflage, dass in Fußgängerzonen nicht plakatiert werden dürfe, sei „in jedem Bescheid“ – auch an die WLB – Standard. Und: „Wir lassen regelmäßig Plakate in Fußgängerzonen entfernen“, heißt es in der Pressestelle. Wie regelmäßig, geht aus der Mitteilung der Stadt nicht hervor.
Wie auch immer: Dass die Plakate entfernt werden müssen, ist für WLB-Intendant Marcus Grube schwer nachvollziehbar. Theater- und Kulturplakate gehören für ihn zur Stadtgesellschaft. Auch in anderen Städten wie etwa Tübingen ist das so. Im dortigen Landestheater ist das Theaterplakat sehr präsent. Unterführungen sind mit den Plakaten der Bühne geschmückt.
Die SPD-Fraktion schreibt nun, Kultur sei ein hohes Gut, das die Gesellschaft über alles Trennende hinweg eint und zusammenhält. Gerade in der aktuellen Zeit, die durch vielfältige Krisen, Kriege und Katastrophen belastet sei, komme der Kultur eine besondere Aufgabe zu. Sie lenke ab von den Sorgen des Alltags, sie rege zu Diskussionen an und weite den Blick. Deswegen müsse der Stadtgesellschaft sehr daran gelegen sein, dass es wirkungsvolle Möglichkeiten gibt, über die Angebote gut zu informieren.
„Wenn die Werbeträger dazu noch optisch ansprechend und künstlerisch wertvoll gestaltet sind, wie die Plakate der WLB, dann trägt das auch zur Aufwertung der Innenstadt bei“, schreiben Nicolas Fink, Christa Müller und Ulrike Gräter. Die drei SPD-Stadträte gelten als loyale Anhänger des Oberbürgermeisters. In der Regel stimmen sie den Vorschlägen der SPD-dominierten Bürgermeisterriege zu.
Die SPD verweist in ihrem Brief auch auf einen Antrag der Fraktion Bündnis 90/Grüne, der Ende März gestellt wurde. In diesem Zusammenhang geht die SPD davon aus, dass die Verwaltung an einer Aktualisierung der Regel aus dem Jahre 2008 arbeitet. Dabei sagt sie dem OB die „uneingeschränkte Unterstützung“ zu.
In dem Antrag der Grünen heißt es, Esslingen sei eine Stadt, die ein breites und buntes kulturelles Angebot ihren Bewohnern böte. Den Esslinger Kulturbetrieben und -schaffenden sollte es deshalb auch in Zukunft ermöglicht werden, in „sensiblen Bereichen in der Innenstadt ihre Veranstaltungen bewerben zu können“. Deshalb plädieren die Grünen – wie nun wohl auch die SPD – dafür, Ausnahmeregelungen beim Bewerben für kulturelle Veranstaltungen in Fußgängerzonen zu schaffen. Die Verwaltung wird aufgefordert, einen Vorschlag zu machen. Umgesetzt werden muss das dann vom Ordnungsamt, das im Dezernat von Yalcin Bayraktar – einem Grünen – angesiedelt ist.
Die Anfänge
Die Geschichte der Plakate als bloße Textankündigung beginnt schon im 16. Jahrhundert. Einfache Anschläge machten auf Ereignisse aufmerksam – zum Beispiel als Informationsquelle in Kriegen. Mit der Industrialisierung kam die Lithografie (1789) und später die Litfaßsäule – benannt nach dem Berliner Ernst Litfaß, der sie 1845 etablierte. In Paris hatte die Plakatkunst in der Belle Epoque ihre Blütezeit. Der Franzose Jules Chéret ist ein Pionier der Plakatkunst. Die Plakate von Henri de Toulouse-Lautrec sind heute noch beliebt.
Esslinger Plakatkunst
Seit vier Jahrzehnten arbeitet die Esslinger Landesbühne mit dem Plakatkünstler Frieder Grindler zusammen. 2024 hat das Esslinger Theater ein Buch mit Grindlers Arbeiten von 2014 bis 2024 herausgebracht.