Kunstfestival startet am Samstag Hohe Wellen vor der Biennale in Venedig
Das Kunstfestival, das unter dem Motto „In Minor Keys“ auf der Suche nach leisenTönen sein will, startet unter lauten Vorzeichen.
Das Kunstfestival, das unter dem Motto „In Minor Keys“ auf der Suche nach leisenTönen sein will, startet unter lauten Vorzeichen.
Bei der Kunstbiennale Venedig, die am Samstag offiziell eröffnet wird, haben die Tage der Vorbesichtigung begonnen. Von Protesten begleitet wurde jetzt der russische Pavillon „eröffnet“, der zu Beginn der Biennale wieder geschlossen wird. Die internationale Preisjury, die die Gewinner der Goldenen Löwen ermitteln sollte, ist zurückgetreten, nachdem sie zunächst angekündigt hatte, Russland und Israel von der Preisvergabe auszuschließen. Die Goldenen Löwen sollen jetzt durch ein Publikumsvotum vergeben werden.
Südafrika hat die Künstlerin, die im Pavillon des Landes auftreten sollte, aus dem Haus gejagt, weil sie sich mit ihren Arbeiten zu sehr mit den Folgen des Gazakrieges beschäftigt habe und deshalb „einen gespaltenen Beitrag“ leisten würde. Der Iran hat in ganz auf eine Beteiligung verzichtet. Die Wellen schlagen hoch in der Lagunenstadt.
Die 61. Kunstbiennale ist auf dem Weg, eine der umstrittensten Biennalen überhaupt zu werden. Kontrovers ist dabei weniger die Auseinandersetzung mit der Kunst als die mit dem geopolitischen Rahmen, der zur Biennale seit ihrer Gründung vor 130 Jahren gehört. Neben einer international geprägten Hauptausstellung wird die Veranstaltung durch die nationale Beteiligung vieler Länder geprägt, die einen eigenen Pavillon auf dem Gelände der Biennale (oder in der Stadt verstreut) unterhalten. Angesichts der Weltlage ist es kein Wunder, dass Russland in diesem Jahr die meisten Angriffspunkte bietet – und auch Israel, obgleich die von einem rumänisch-israelischen Künstler gezeigten Arbeiten für Versöhnung zwischen Palästinensern und Juden plädieren.
Wobei die Polemiken auch quer durch die Institutionen gehen. Auf der einen Seite die Biennale-Stiftung unter ihrem Präsidenten Pietrangelo Buttafuoco, auf der anderen der italienische Kulturminister Alessandro Giuli – beides Rechtsintellektuelle und Freunde, die vor jeweils zwei Jahren im Umfeld der postfaschistischen Meloni-Regierung zu ihren Ämtern gekommen waren. Doch die Freunde sprechen angeblich seit Monaten nicht mehr miteinander.
Buttafuoco sieht die Biennale als eine „Uno der Kunst“ und will deshalb Russland nicht den Weg verbauen, seinen eigenen Pavillon zu nutzen, der seit Beginn des Ukraine-Krieges leer steht. Giuli vertritt die römische Regierungspolitik, die Russlands Beteiligung wegen Putins Krieg ablehnt und alle EU-Sanktionen gegen das Land mitträgt. Giuli hat eine Untersuchungskommission nach Venedig geschickt und seine Beteiligung bei der Eröffnung am Samstag abgesagt. Brüssel droht im Fall einer russischen Beteiligung sogar eine finanzielle EU-Unterstützung der Biennale-Stiftung zu streichen.
Buttafuoco und die relativ unabhängige Einrichtung der Biennale zeigen sich unbeeindruckt und haben eine Zwitterlösung auf den Weg gebracht: Russische Künstler zeichnen jetzt während der Tage der Vorbesichtigung eine Musik- und Klangcollage unter dem Titel „The Tree is rooted in the Sky“ im Pavillon auf, die nach der Eröffnung der Biennale auf Bildschirmen vor dem Pavillon, der dann geschlossen bleibt, in einer Dauerschleife gezeigt werden soll. Russische Dissidentinnen wie die Feministinnen von Pussy Riot treten derweil protestierend im Stadtbild Venedigs auf. Was wird das für eine Biennale, die nach dem Willen der im vergangenen Jahr verstorbenen Kuratorin Koyo Kouoh poetische Standpunkte suchen und traditionelle Hierarchien hinterfragen will? Die kommenden Tage und Wochen werden es zeigen.