Kunstmuseum Stuttgart Korrespondierende Reifeprozesse
Beim „Ortstermin“ im Kunstmuseum entdeckten Leserinnen und Leser unserer Zeitung die Schichten der „Doppelkäseplatte“.
Beim „Ortstermin“ im Kunstmuseum entdeckten Leserinnen und Leser unserer Zeitung die Schichten der „Doppelkäseplatte“.
Später am Abend werden sie ihr gegenüberstehen, nach dem „Ortstermin“ unserer Zeitung im Kunstmuseum Stuttgart: Der „Doppelkäseplatte“ von Dieter Roth. Das Werk gab der Ausstellung den Namen, die das Kunstmuseum zum 100. Jubiläum der Kunstsammlung der Stadt Stuttgart und zum 20-jährigen Bestehen des Museumsgebäudes als Schlossplatz zeigt. Die Besucher werfen Blicke in das rückwärtig schwach durchleuchtete Innere des Werkes, um vielleicht überraschende Texturen im dunklen Bereich zu entdecken, und sie sind vor allen Dingen sehr froh, dass sie nicht riechen müssen, was sie da sehen: Die „Doppelkäseplatte“ besteht nämlich aus zwei Glasplatten, zwischen denen seit 1968, seit 57 Jahren also, diverse Käsesorten diskret Form und Farbe wechseln. Ohne luftdichte Versiegelung entwickelte dieses Werk mutmaßlich betäubende Wirkung. So aber lenkt der Künstler die Aufmerksamkeit der Betrachter auf die ästhetische Komponente natürlicher Prozesse.
Ulrike Groos, Leiterin des Kunstmuseums diskutiert, ehe das Publikum zur Kuratorenführung aufbricht, auf dem Podium mit Andrea Kachelrieß, Autorin unserer Zeitung. Die Idee, die Ausstellung nach Dieter Roths Werk zu benennen, sagt Groos, sei aus den Reihen ihrer Mitarbeiter gekommen. Eine Ausstellung zum 20. Jubiläum des Hauses schien gerechtfertigt vor allem durch sein Zusammenfallen mit dem Sammlungsjubiläum; die „Doppelkäseplatte“ wurde zum Emblem eines Doppeljubiläums. „Das Werk reifte nach, veränderte sich immer wieder seit den 1960er Jahren. Der Begriff des Reifungsprozesses passt aber auch zur Sammlung – sie wächst stetig und reift auf eine bestimmte Art und Weise. Dabei stellen sich immer wieder andere Fragen.“
Gründungsstunde der städtischen Kunstsammlung ist das Jahr 1924, in dem Graf Silvio della Valle di Casanova der Stadt Stuttgart eine Sammlung mit Werken schwäbischer Impressionisten schenkte. Ein Kunstgebäude war nicht vorhanden; von 1925 an wurden die Werke in der Villa Berg gezeigt. Seit 100 Jahren also sammelt Stuttgart Kunst. „Uns war klar“, so Ulrike Groos, „dass wir das Jubiläum ausschließlich mit Werken unserer Sammlung feiern wollten. Was wir in unseren Ausstellungen zeigen ist ja immer nur ein Bruchteil von dem, was in den Depots liegt.“ Die Jubiläumsschau wird so zur Befragung der Sammlung. Die Kuratoren tauchten ein in sie, fanden ihre Schwerpunkte, stimmten sie aufeinander ab, gestalteten Räume nach ihnen. Die Vielfalt der Werke, Künstler, Materialien, Inhalte, Herangehensweise ist groß. Die Ausstellung wird bei freiem Eintritt präsentiert und brachte dem Kunstmuseum bislang rund 400 000 Besucher – das Doppelte der sonst jährlichen Besucherzahl, geschuldet natürlich auch Christian Marclays Installationswerk „The Clock“, das bis zum 25. Mai zu sehen war: „Mit dieser Arbeit waren wir zwei Monate lang Stadtgespräch.“
Am Freitag führen, im Anschluss an den „Ortstermin“, Eva-Marina Froitzheim, Sabine Gruber und Dierk Höhne drei Gruppen durch die Ausstellung. Die Eröffnung der neuen Schau „Joseph Kosuth – Non Autem Memoria“ schließt unmittelbar an.
Brigitte und Gerhard Deininger haben das Gespräch zwischen Andrea Kachelrieß und Ulrike Groos verfolgt und dann die Ausstellung „Doppelkäseplatte“ gesehen. „Man sollte die Ausstellung unbedingt mit einer Führung besuchen“, sagt Brigitte Deininger. „Vieles ist sehr speziell, es gibt unterschiedliche Komponenten. Die Führung war sehr gut.“
Sylvia Däubler und Annette Grohnert sind aus Waiblingen angereist und staunten vor Dieter Roths Werk: „Es ist unglaublich, aus was man Kunst machen kann! Wir haben es uns genau angeschaut und sind auch noch einmal zurückgegangen.“ Beide raten ebenfalls zur Führung, haben beiläufig auch die Führungen der anderen beiden Gruppen wahrgenommen und dabei festgestellt: „Da kommen ganz andere Emotionen und Begeisterungen hoch“ – ein guter Grund also, es vielleicht nicht nur bei einem Gang durch die „Doppelkäseplatte“ zu belassen.