Das Kunstmuseum Stuttgart am Schlossplatz Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Das Kunstmuseum Stuttgart ist zu. Geschlossen wegen dringender Sanierungsarbeiten. Alle Kunstwerke mussten raus. Und jetzt? Was passiert da hinter verschlossenen Türen? Wir waren drin.
Nikolai B. Forstbauer
19.05.2026 - 13:08 Uhr
An der markanten Glasfassade des Kunstmuseums Stuttgart am Schlossplatz strahlt weithin ein gelbes Herz. Ein Hinweis auf die aktuelle Ausstellung: „Das kalte Herz“. Darunter aber ein Pfeil. Er weist nach rechts – und zu lesen ist: „Kunstgebäude“. Dort also, im Kunstgebäude, auf der anderen Seite des Schlossplatzes, findet die Schau „Das kalte Herz“ statt. Und das Kunstmuseum? Ist zu, geschlossen wegen Sanierung. Wir waren trotzdem drin.
Es ist zu kalt, als dass das Café im Erdgeschoss des Kunstmuseum-Kubus auch auf der Freiterrasse viel Betrieb melden könnte. Innen aber scheint alles wie immer. Stimmengewirr im großen Foyer wie eh und je. Jedoch – die Informationstheke des Kunstmuseums ist unbesetzt, die geschlossenen Feuertüren signalisieren unmissverständlich: Ein Besuch der Werke von Otto Dix, Willi Baumeister oder auch von Michel Majerus und Rebecca Horn ist unmöglich. Die Elektrik des 2005 eröffneten Kunstmuseums muss erneuert werden, zudem verlangt die energetische Sanierung leere Räume.
Das Kunstmuseum ist leer geräumt Foto: Forstbauer
Durch einen Seiteneingang geht es doch hinein in die Sammlungsräume. Geradeaus also über die Brücke. Automatisch geht der Blick immer wieder nach rechts. Doch aus den parallel liegenden Sammlungsräumen grüßt weder das Jahrhundertbild „Großstadt“ von Otto Dix, noch zieht Willi Baumeisters „Montaru“ in die archaisch aufgeladene Bildwelt des Schrittmachers der Moderne.
Ulrike Groos ist Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart Foto: Gerald Ulmann
Auch die Großformate von Michel Majerus und Dieter Krieg an den ersten Wänden fehlen – das Kunstmuseum ist schlicht leer. Architektur pur – und man ahnt, wie dialogisch sich die Architekten Rainer Hascher und Sebastian Jehle einst das Raumgefüge vorstellten. Kunstmuseumsdirektorin Ulrike Groos dämpft allzu große Gedanken über die plötzliche Leere. Das ist natürlich ein ungewohnter Anblick, so sieht man die Ausstellungsräume selten. „Ganz neu“, sagt Groos, „ist uns eine solche Situation nicht: 2011 haben wir für die Ausstellung von Michel Majerus die Sammlungsräume vollständig leer geräumt, um seine raumgreifenden Installationen dort zeigen zu können“. Und sie erinnert: „Damals sind wir mit der Sammlung in den Kubus ausgewichen“.
Dieses Mal aber geht es ums Ganze – dies macht im Untergeschoss auch eine eigene Umbauung von Dieter Roths „Gartenzwerg in Schokolade“ deutlich. Würde das Werk von 1972 bewegt, wäre es wohl unrettbar verloren. Also bleibt es – wie auch der in die Sammlungsräume eingebaute Wachsraum von Wolfgang Laib. Dick abgeklebt ist der Eingang – kein Staubkörnchen soll in den eigens für Stuttgart eingerichteten Raum des seit Jahrzehnten international gefeierten Künstlers dringen.
Ulrike Groos verspricht „Überraschungen“
Dieter Roth und Wolfgang Laib bleiben also gesetzt für die Zeit nach der Sanierung. Und sonst? „Die Planungen für die ,Neubespielung’ der Sammlung sind bereits in vollem Gange und in vielen Bereichen auch schon sehr konkret“, sagt Ulrike Groos. Im Team würden „unterschiedliche Ideen und Ansätze“ eingebracht und „gemeinsam“ weiter entwickelt. Natürlich – die Kunstmuseumshelden, beginnend mit dem Dix-Gewicht, werden zurückkehren. Jedoch: „Man darf sich auf einige Überraschungen einstellen“, sagt Ulrike Groos.
Blick in die Sammlungsräume Foto: Forstbauer
Was hat die Direktorin vor? „Es werden insbesondere Werke aus der Sammlung gezeigt, die viele Jahre im Depot verblieben sind und von denen einige derzeit für die Präsentation restauriert werden“, sagt sie. „Hinzu“, sagt Groos, „kommen Schenkungen und Ankäufe der vergangenen Jahre“. Namen? „Zu sehen sein werden“, so Groos, „unter anderem Arbeiten von Michael Buthe, Mario Merz, Walter Stöhrer, Karin Sander und Ulla von Brandenburg sowie erstmals in der Sammlung des Kunstmuseums Werke von Hanna Nagel“.
Ausstellung „Das kalte Herz“ wartet im Kunstgebäude
Noch aber zeigen sich die Räume leer. Verführerisch für Experimente, welche Bilder vielleicht wo und in welchem Dialog wie wirken könnten. Derweil gibt es im Restaurant Cube oben im vierten Stock des Kunstmuseum-Kubus weiter einen sensationellen Blick auf und über den Schlossplatz zum Essen dazu. Und auch im Erdgeschoss ein Stück Normalität: die Buchhandlung Walther König bietet nicht zuletzt Veröffentlichungen rund um den Themenkreis Kunst und Märchen an. A propos: Die Ausstellung „Das kalte Herz“, sagt Ulrike Groos, „ist gut angelaufen und wird positiv aufgenommen“. Und sie betont: „Wir haben stets ein sehr aufgeschlossenes Publikum, das sich mit großer Neugier auf die Inhalte einlässt – was keineswegs selbstverständlich ist.“ Bringt der ungewohnte Ort gar ein neues Publikum? „Es kommen“, sagt Ulrike Groos, „zusätzlich tatsächlich ganz andere Besucherinnen und Besucher, die das besondere Thema interessiert“.
Kunstmuseum: Wiedereröffnung soll im März 2027 sein
Im März 2027 soll das Kunstmuseum Stuttgart wieder eröffnet werden. Bis dahin? Wird im Kunstmuseums-Team noch viel diskutiert werden. Über Namen von Künstlerinnen und Künstlern, über Platzierungen. Das Versprechen bleibt: „Man darf sich auf einige Überraschungen einstellen.“