Rot-Weiße Flatterbände verheißen häufig nichts Gutes. Wenn die Polizei zum Beispiel einen Tatort absperrt. Für Urban Hajek gilt ein Bereich der Hasenbergsteige mittlerweile auch als eine Art Tatort, dort wo die seit Jahren leer stehende Künstlervilla seines Vaters im Lauf der Zeit zu einer Ruine verkommen ist. Nur noch der Park mit den Skulpturen von Otto Herbert Hajek stehen dort oben noch für so etwas wie einen adäquaten Umgang mit dessen Werk. Doch um die meisten dieser großformatigen Erinnerungsstücke sind mittlerweile die Absperrbänder gespannt. Was optisch insofern passt, dass Urban Hajek es für ein Verbrechen hält, wie mit dem Erbe seines Vaters umgegangen wird. Tatsächlich will er mit den Bändern aber nur die Skulpturen markieren, die ihm gehören und die er aus Protest jetzt abtransportieren lässt.
Ein Verkauf kommt für den Besitzer nicht in Frage
„Die Stadt hat jetzt lange genug ihre Unfähigkeit bewiesen, eine Lösung zu finden, um den Verfall der Villa zu stoppen“, sagt Urban Hajek und zielt damit auf einen Urteil aus dem Jahr 2019 ab. Damals hatte der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim entschieden, dass der Besitzer der Hajek-Villa das von ihm komplett entkernte Gebäude in den seit 2008 unter Denkmalschutz stehenden Zustand zurückbauen muss. Der Möbelfabrikant Markus Benz, der die Villa und das 27-Ar-Grundstück des 2005 verstorbenen Künstlers 2011 von dessen fünf Kindern erworben hatte, hat in den letzten drei Jahren keinen Sanierungsweg gefunden, dem Urteil Folge zu leisten. „Er will aber weiterhin nicht verkaufen“, weiß Urban Hajek von den Plänen des Besitzers, der sich gegenüber dieser Zeitung nicht mehr zu der Angelegenheit äußern will.
Damit scheint auch der letzte Vorstoß des Hajek-Sohns vom Tisch zu sein, dessen Ziel es sei, eine für alle Seiten tragbare und gesichtswahrende Lösung des Problems zu finden. „Ich habe einen Investor gewinnen können, der Markus Benz die Hasenberg-Ruine für gutes Geld abkaufen würde, um aus ihr ein Hajek-Museum zu machen, das auch tatsächlich die Vorgaben aus dem Denkmalschutz erfüllt“, sagt Urban Hajek. Eine Antwort auf seinen schriftlich eingereichten „definitiv letzten Vorschlag“ habe er von der Stadt aber nicht bekommen. Aus dem Rathaus ist nur zu hören, dass man sich mit dem Besitzer in einem „konstruktiven, engen und vertraulichen Austausch“ befinde, damit dieser bald einen den Anforderungen entsprechenden Bauantrag einreiche. Aktuell rechne man im Herbst damit.
Der letzte Vorschlag des Hajek-Sohns geht ins Leere
„Daran glaube ich nicht mehr“, sagt Urban Hajek, der im Gemeinderat von den Linken Unterstützung erfährt. Mit einem Antrag wurde vom zuständigen Ersten Bürgermeister Fabian Mayer Aufklärung eingefordert in der Frage, warum die Stadt dem Verfall der Hajek-Villa „offenbar tatenlos“ zusieht. „An der Sache ist doch was faul“, mutmaßt Linke-Kommunalpolitikerin Laura Halding-Hoppenheit, bekannt als Grande Dame der Stuttgarter LGBT-Gemeinde. „Es ist eine Schande, wie die Kulturstadt Stuttgart mit dem Erbe von einem ihrer größten Künstlers umgeht“, sagt Halding-Hoppenheit: „Wir werden uns nicht mehr mit Larifari-Erklärungen abspeisen lassen.“
Eine harte Gangart schlägt auch Urban Hajek ein. Er hat seinen Rechtsanwalt damit beauftragt, in dieser Woche eine Diebstahlanzeige zu stellen. Immer wieder habe er Markus Benz erfolglos aufgefordert, ihm das am Gebäude angebrachte hölzerne Familienwappen auszuhändigen. „Es ist vertraglich fixiert, dass das Wappen nicht in den Besitz des Hauskäufers übergeht, sondern weiterhin mir gehört, und jetzt ist es weg.“ Für Urban Hajek ein weiterer Grund, die alte Villa als einen Tatort zu betrachten.
Das Hajek-Haus und seine Geschichte
Künstler
Otto Herbert Hajek wurde am 27. Juni 1927 in Kaltenbach in der damaligen Tschechoslowakei geboren. Von 1947 bis 1954 studierte er Bildhauerei an der Stuttgarter Kunsthochschule. Mit abstrakten, häufig bunten Skulpturen im öffentlichen Raum erlangte er Weltruhm. Hajek widmete sich aber auch der Malerei und grafischen Arbeiten.
Persönliches
Als Vorsitzender des deutschen Künstlerbunds setzte er sich in den 70er Jahren für die finanzielle Absicherung von Kollegen ein. Verheiratet war er mit der Schriftstellerin Katja Hajek. Otto Herbert Hajek starb im Jahr 2005, sechs Jahre vor seiner Frau. Den Nachlass verwaltet eines von fünf Kindern, der Galerist Urban Hajek.
Villa
Erbaut wurde das Haus an der Hasenbergsteige 1921. Otto Herbert Hajek kaufte es Ende der 50er. Seine Umbaumaßnahmen, die die Villa selbst zu einem Kunstwerk machten, wurden im Jahr 1967 abgeschlossen. Zusammen mit dem Atelier und der Freifläche mit Plastiken steht das Haus seit 2008 unter Denkmalschutz.