Kuriose Verkehrsregel in Stuttgart Schildbürgerstreich: Auf der einen Seite gilt Tempo 30, auf der anderen Tempo 50

, aktualisiert am 13.04.2026 - 15:04 Uhr
Florian Gassmann versteht die Welt nicht mehr. Ab dem Ortsschild von Wangen gilt in der Hedelfinger Straße auch nachts Tempo 50 statt wie auf der anderen Seite Tempo 30. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Florian Gassmann klagt über den Lärm in der Hedelfinger Straße. Das Kuriose: Es gelten unterschiedliche Tempolimits, je nach Fahrtrichtung. Schuld daran ist einmal mehr die Bürokratie.

Reporter: Alexander Müller (ale)

Die viel zitierte deutsche Bürokratie treibt so manche seltsame Stilblüte aus – auch in Stuttgart. Davon kann Florian Gassmann ein Lied singen. Seit mehr als 13 Jahren wohnt er in der Hedelfinger Straße im gleichnamigen Stadtbezirk. Lärm und Abgase gehören dabei an der viel befahrenen Verbindung im Neckartal dazu. Aber seit dem vergangenen Jahr versteht Gassmann die Welt nicht mehr. Seitdem gilt direkt vor seiner Haustüre nachts Tempo 30 in Fahrtrichtung Hedelfingen, auf der gegenüberliegenden Seite nach Wangen aber weiter eine Höchstgeschwindigkeit von 50 Kilometer pro Stunde. „Der Lärm macht doch aber in der Straßenmitte nicht einfach Halt“ schüttelt der 57-Jährige mit dem Kopf.

 

„Lärmbelastung hört nicht in der Straßenmitte auf“

Hintergrund ist ein Beschluss des Gemeinderats im Zuge des Lärmaktionsplans für Stuttgart. Mit der zweiten Fortschreibung wurden im vergangenen Jahr Tempolimits eingeführt. Als Voraussetzung dafür muss die Belastung in der Nacht bei mindestens 50 Dezibel liegen. Im ersten Schritt wurden dafür die stark belasteten Hauptstraßen in Hedelfingen, Zuffenhausen und Möhringen untersucht, weitere sollen folgen. Mit der Folge, dass in einem Pilotprojekt auf fast allen untersuchten Straßen ein Tempolimit von 30 Kilometer pro Stunde in der Zeit von 22 bis 6 Uhr eingeführt wurde – auch in der Hedelfinger Straße.

Allerdings beschränkt sich das Tempolimit bislang nur auf den Stadtbezirk Hedelfingen. Dazu zählt eben die Straßenseite von Gassmanns Haus, hingegen die gegenüberliegende nicht. Denn die Grenze zwischen Hedelfingen und Wangen verläuft just exakt in der Mitte auf den Schienen der Stadtbahn. Die Folge: Während die Autofahrer in der Nacht in Richtung Hedelfingen eingebremst werden, können diese auf dem Weg nach Wangen weiter Gas geben. Für Gassman nichts anderes als „ein Schildbürgerstreich“. Denn gerade nachts würden viele Menschen nach der Ampel am Hedelfinger Platz auf dem Weg zum nahe gelegenen Fast-Food-Restaurant oder in die Innenstadt zur Beschleunigung noch einmal die Motoren aufheulen lassen und stark beschleunigen.

Bereits im November vergangenen Jahres hat sich der Familienvater daher mit einer gelben Karte an die Stadt gewandt. Die Verwaltung beruft sich in ihren Antworten grundsätzlich auf das laut Straßenverkehrsordnung gültige Tempolimit von 50 innerorts, zudem auf das Lärmgutachten. In diesem wird betont, dass an besagtem Abschnitt zwischen der Kreuzung zur Straße Heiligenwiesen und der Sportanlage der SportKultur Stuttgart keine Anwohner auf Wangener Gemarkung betroffen seien. Deshalb habe man sich für eine einseitige Geschwindigkeitsbegrenzung entschieden. „Das ist zum einen falsch“, mahnt Gassmann an, zum anderen seien seine Nachbarn und er, nur weil sie auf der anderen Straßenseite wohnen, ja nicht mit einer Schallschutzwand abgeschirmt.

Nach langem Dialog: Stadt weitet Tempolimit aus

Zumindest wurde zunächst eine erneute Prüfung durch das zuständige Amt für Umweltschutz in Aussicht gestellt. „Wohl auch aufgrund meiner beharrlichen Nachfragen“, ist der Familienvater überzeugt. Über mehrere Monate gingen Schreiben zwischen der Stadtverwaltung und ihm hin und her – mit für Gassmann überraschendem Ausgang. Denn erst vor wenigen Tagen kam die Antwort, dass „zwar immer noch keine Lärmbetroffenen im genannten Abschnitt abgebildet werden konnten, die Lärmbetroffenheiten jedoch gegeben sind“. Insofern werde man das nächtliche Tempolimit ausweiten.

Wann das der Fall sein wird, bleibt offen. Aus den Erfahrungen rechnet Gassmann aber nicht damit, dass dies in nächster Zeit umgesetzt wird. Denn die Mühlen der Stadtverwaltung mahlen langsam, hat er gelernt – auch wenn es um den Lärmschutz in Stuttgart geht.

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