Kylie Minogue bei den Jazz Open Wenn der Stuttgarter Schlossplatz zum Dancefloor wird
Was für ein magischer Popzirkus in Stuttgart-City: Kylie Minogue begeistert als Disco Diva bei den Jazz Open rund 7200 Fans.
Was für ein magischer Popzirkus in Stuttgart-City: Kylie Minogue begeistert als Disco Diva bei den Jazz Open rund 7200 Fans.
Als König Charles III. im März seine private Playliste „The King’s Music Room“ veröffentlichte, war das natürlich sehr aufschlussreich. Denn die royale Musikauswahl orientierte sich so gar nicht an Trends. Und es waren erstaunlich viele Frauen darunter wie etwa Grace Jones, Beyoncé, Diana Ross und Miriam Makeba – und eben Kylie Minogue mit „The Loco-Motion“, der womöglich uncoolste Song der Künstlerin. Damals, als das Lied im Jahr 1987 veröffentlicht wurde, war sie das nette Mädchen von nebenan, die australische Soap-Darstellerin, die eben auch schön trällerte.
Heute ist Kylie Minogue so viel mehr: die Queen für Queers, die Disco-Diva, die Pop-Prinzessin, der unwiderstehliche Vamp, sympathischer Charmebolzen und natürlich die schönste elfenbeinweiße Wasserleiche im Duett mit Nick Cave. Wie wandelbar sie ist und klingt, zeigt auch ihr energiegeladenes gut 100-minütiges Konzert bei den Jazz Open.
Es ist Tag 3 der Konzerte im Ehrenhof. Das Wetter ist angenehmer, die Vibes besser, das Publikum immer noch männlich, aber viel queerer als am Abend zuvor bei Kraftwerk – und Kylie Minogue zeigt, warum sie ganz wunderbar in die Reihe der Künstlerinnen passt, die man mit nur einem Wort erkennt: Madonna, Cher, Björk – und eben die Kylie, die kleine Frau, die an diesem Mittwochabend ganz groß ist.
Es gibt viele bezaubernde, berührende, begeisternde Momente an diesem Abend im Ehrenhof des Neuen Schlosses, der schon so startet, wie es sich für einen formidablen Pop-Abend gehört: Kylie schreitet nach dem passenden Opener („Dancing On My Own“ von Robyn) in knallrotem Latex gekleidet um 20.45 Uhr die paar Stufen der Showtreppe hinunter. Sie startet mit einem Ouvertüren-Mash-Up aus „Lights Camera Action“, „In Your Eyes“ und „Get Out Of My Way“.
Die Bühne im Ehrenhof vor dem Neuen Schloss wurde über Nacht um einen Steg in T-Form erweitert. Es ist aber keineswegs ein Laufsteg der Eitelkeit. Hier ist nichts nur der Show willen, alles ergibt Sinn: Discokugel, Tanzeinlagen und jede Menge Beats- und Bekleidungswechsel. Da ist alles dabei, wie es sich für eine Popshow gehört. Die Songauswahl zeigt ihre musikalische, künstlerische Reise – von den Anfängen mit dem lustigen Quatschsong „The Loco-Motion“. 2001 dann gelingt ihr der endgültige Durchbruch in die Coolness-Liga mit dem schmissigen Dancefloor-Hit „Can’t Get You Out Of My Head“, den sie natürlich auch im Ehrenhof zum Besten gibt. Und alle singen mit.
Das Publikum hat sich herausgeputzt für heute Abend. Glitzer an Wangenknochen, an Männern und Frauen, Paillettenröcke und jede Menge Tanzfreude im Herzen. Zwei Fans halten ein Plakat „Please Let Us Be Your Wild Roses“ in die Höhe und Kylie stimmt für sie kurz die Ballade „Where The Wild Roses Grow“ an. Die Minogue gibt sich publikumsnah.
Über weite Strecken sieht man da eine Sängerin mit Lust zur Show und großen Geste. Begleitet wird sie von ihrer vier-köpfigen Band, drei Backgroundsängerinnen sowie acht gewieften Tänzerinnen und Tänzern, die die Umkleidephasen der Künstlerin immer wieder geschickt überbrücken.
Die Deutschland-Konzerte ihrer „Tension Tour“, die Mitte Juni stattfinden sollten, mussten aus gesundheitlichen Gründen verschoben werden. Eine Kehlkopfentzündung war schuld. Am Mittwochabend in Stuttgart überzeugt die 57 Jahre alte Sängerin stimmlich in guter Form: der Gesang ist meist klar, die Sängerinnen im Hintergrund unterstützen perfekt und viel.
Natürlich wird hier nichts dem Zufall überlassen. Kylie lobt den Anblick auf das gut gelaunte Publikum in „Schduddgard“, sagt, wie dankbar sie ist, seit vielen Jahren mit so vielen tollen Menschen auf Tour sein zu können. Und sie bedankt sich bei der Gebärdendolmetscherin Cindy Klink, die ihre Songzeilen am Bühnenrand übersetzt.
Das Bühnenbild ist schlicht, aber mit Effekten. Hier etwas Nebel, da ein bisschen Wind, der den schwarzen, natürlich glitzernden Kaftan in Bewegung bringt – und Kylie intoniert das coole Lied „Slow“. Das ist alles ein wunderbarer Popzirkus und bietet etwas Eskapismus in diesen ja doch so unsäglichen Zeiten. Als dann während des eher behäbigen „Slow“ das Gewand kurz und der Beat schneller wird, ist kein Halten mehr im Rund. Und als Kylie ohne ihre Tänzer drumherum das so wunderbare „All The Lovers“ singt, lächelt, da merkt man, wie viel Freude ihr das selbst alles macht. Und den Menschen im Publikum ebenso.
Setliste
LCA Overture / In Your Eyes / Get Out of My Way
Good as Gone / Spinning Around
On a Night
Better the Devil You Know / Shocked Dancing
Locomotion
Hold On to Now
(Disco Section)
Say Something
Supernova / Real Groove / Magic / DJ Go
Confide in Me
Slow
Timebomb / EOSN
Tension
Can’t Gett You Out Of My Head
Lovers
Padam
Love at First Sight